Hegnabrunn
Kellerüberflutungen

Heinz Wanderer setzt der Gemeinde Neuenmarkt eine Frist

Die Aussagen waren klar: "Wenn man auf uns eingeht, werden wir mithelfen. Solange aber alles auf die lange Bank geschoben wird, leisten wir Widerstand."
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So sah es nach dem Unwetter am 2. August 2014 in vielen Hegnabrunner Anwesen aus. In manchen Häusern wurden die Keller raumhoch geflutet. Manche Bürger haben die finanziellen Ausmaße der Schäden bis heute nicht verkraftet.BR-Archiv/Jürgen Gärtner
So sah es nach dem Unwetter am 2. August 2014 in vielen Hegnabrunner Anwesen aus. In manchen Häusern wurden die Keller raumhoch geflutet. Manche Bürger haben die finanziellen Ausmaße der Schäden bis heute nicht verkraftet.BR-Archiv/Jürgen Gärtner
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Detlef Beyerlein ließ beim Infoabend am Dienstag keinen Zweifel daran, dass die sogenannten Hegnabrunner Wutbürger nicht aufgeben werden. Die sintflutartigen Regenfälle am 2. August 2014 hatten zahlreichen Einwohnern teils sechsstellige Schäden an ihren Anwesen beschert. Die Ursachen dafür, dass ihre Keller geflutet wurden, sehen sie im maroden beziehungsweise nicht vorhandenen Abwassersystem der Gemeinde Neuenmarkt, die nach wie vor Oberflächenwasser aus dem Oberen Dorf unkontrolliert in die Ortschaft fließen lasse. Die Misere, so wurde immer wieder kritisiert, sei seit über 20 Jahren bekannt, aber bislang sei nichts geschehen. "Wer glaubt, dass uns diese Spielchen mürbe machen, wird sich täuschen", unterstrich Hermann Kastner.

Detlef Beyerlein eröffnete die Versammlung, in deren Verlauf die emotionalen Wogen immer höher schlugen, mit einem Rüffel für die Verfasser der Leserbriefe (siehe auch Kommentar auf dieser Seite) und harscher Kritik an Bürgermeister Siegfried Decker (NG). Dieser habe damals getönt, dass den Betroffenen schnell und unbürokratisch geholfen werde. "Passiert ist aber, wie in den letzten Jahren üblich in Neuenmarkt - nichts."

Heinz Wanderer, der nach eigenen Aussagen 450 000 Euro Schaden verkraften musste und inzwischen rund 100 000 Euro für Gutachter ausgegeben hat ("Da kratz' ich mein letztes Geld zusammen"), setzte der Gemeinde eine Frist: Bis 1. September will er genau wissen, in welchem Zustand sich der "illegale" Kanal unter seinem Grundstück befindet und wer dafür verantwortlich ist.
Für den Fall, dass ihm - wie bisher vom Anwalt der Gemeinde praktiziert - weiterhin keine Auskunft erteilt wird, gab er der Gemeinde eine Warnung mit auf den Weg: "Ich mach' den Kanal sonst dicht. Ich weiß, dass ich dann Schwierigkeiten kriege, aber das ist mir wurscht."


"Problematik seit 1995 bekannt"

Das "Sahnehäubchen" auf seinen Ausführungen ("Ich kann alles beweisen, was ich sage") kam zum Schluss. Der Unternehmer teilte mit, dass sein Anwalt einen Gemeinderatsbeschluss vom November 1995 gefunden habe. Daraus gehe hervor, dass die Problematik der nicht ausreichend dimensionierten Oberflächenentwässerung bereits damals bekannt war. "Für einen neuen Kanal hatte die Firma Stübinger mit 31 842 Mark das günstigste Angebot abgegeben. Die Sache war schon abgesegnet - und welches Jahr haben wir heute?", fragte Wanderer echauffiert.

Im weiteren Verlauf schilderte Hermann Kastner die Nachwirkungen seiner verlorenen Schadensersatzklage gegen die Gemeinde, mit der er sich am 16. November 2016 lediglich auf die Erstellung eines Gutachtens einigen konnte. Allerdings habe der erste Ortstermin mit dem Gutachter und Vertretern der einzelnen Parteien erst am 23. Juni 2017 stattgefunden.

In der Folgezeit hätten immer wieder Unterlagen gefehlt, erst am 22. März dieses Jahres habe der Sachverständige einmal mehr das Landgericht Bayreuth informiert, dass Dokumente noch nicht eingegangen seien. Wäre dies der Fall, könnte das Gutachten innerhalb von fünf Wochen ausgefertigt werden. Kastner: "Aber bis heute liegt noch kein Gutachten vor."

Nachdem Tanja und Martina Günther (Schrenkweg) ihre Schäden aufgelistet und Frank Scholz und Steffen Auerswald die Sorgen der Bürger im Baugebiet Schrenk dargelegt hatten, schaffte es Dieter Sachs immerhin, Gemeinderat Klaus Zahner eine Aussage zur zeitlichen Umsetzung des versprochenen Umgehungskanals zu entlocken. "Unter idealsten Voraussetzungen werden wir 2019 beginnen", sagte der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler unter dem Hinweis darauf, dass ob der derzeitigen Auftragslage alle Planer "randvoll" sind.


Notfalls Selbsthilfe

Detlef Beyerlein blieb skeptisch und kündigte Selbsthilfe an, sollte sich bis zum Herbst nichts tun. Im übrigen werde man für die nächste Bürgerversammlung beantragen, dass das Video von der Befahrung des maroden Kanals im Grundstück gezeigt wird - "damit sich alle ein Bild von der vorsintflutlichen Situation machen können".

Kommentar

Von Peinlichkeiten, Emotionen und einer gespaltenen Gemeinde

Die Situation der Abwasserentsorgung in Hegnabrunn, das deutete sich zu Beginn dieser Woche in Leserbriefen an die Bayerische Rundschau an, spaltet die Einwohner der Gemeinde Neuenmarkt. Und zwar nicht nur in zwei, sondern in drei Teile.

Da sind zum einen die selbst ernannten "Wutbürger", deren Keller im Schulweg, in der Waldenburger und Königsberger Straße bei Starkregen schon dreimal vollgelaufen sind, zweitens die Gemeinderäte, Bürgermeister Siegfried Decker von der Neuenmarkter Gemeinschaft (NG) und dessen Sympathisanten, und drittens die Uninteressierten. Denn während sich die betroffenen Bürger fast vollzählig einfanden, sind den anderen die Probleme ihrer verärgerten Mitbürger offenbar egal, sie ließen sich im ESV-Sportheim auch nicht blicken.

Zu den beiden letztgenannten Gruppierungen gehört das Ehepaar Richter, das die Wutbürger "peinlich" findet und ihnen ob der Forderung nach gemeindlichen Maßnahmen Bereicherungsabsichten unterstellt (Leserbrief vom Montag). Und Ellen Stelter, die die aus Wirsberg stammenden Beschwerdeführer am liebsten in den Luftkurort "zurückgeführt" haben möchte (Leserbrief in der Dienstagsausgabe).

Dass den Verfassern dieser Zuschriften am Dienstagabend (in Abwesenheit) ein scharfer Wind entgegenwehen würde, war klar. "Peinlich ist, wenn jemand einen erlittenen Verlust durch Fehlverhalten nicht von Bereicherung unterscheiden kann", konterte Detlef Beyerlein sarkastisch an die Adresse Richter. Die Rückführungs-Idee von Ellen Stelter, der "Pfeileverschießerin der NG", begrüßte er insofern, als er die Arbeit des Wirsberger Bürgermeisters als "zukunftsgerichtet" und "für die Bürger" bezeichnete: "Man kann nur neidisch nach Wirsberg blicken."

"Hier geht's doch nur um Emotionen", entfuhr es NG-Gemeinderat Peter Pfeffer in Anbetracht der aufgeladenen Stimmung nach dem offiziellen Ende der Versammlung. Das kann man so sehen, ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn die Emotionen haben Ursachen im Verhalten der Gemeinde, die es in über 20 Jahren nicht geschafft hat, trotz eines laut Heinz Wanderer nachweislich vorliegenden Gemeinderatsbeschlusses vom November 1995 (!) Grundlegendes an der Situation zu ändern - warum auch immer.

Und hier kommt der einzige Fehler, den man den betroffenen Hegnabrunner Bürgern ankreiden kann: Sie hätten Bürgermeister Siegfried Decker doch einladen sollen. Denn er ist der einzige, der zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen etwas Konkretes hätte sagen können. Er hätte darlegen können, warum das Projekt "Umgehungskanal" immer wieder auf die lange Bank geschoben wurde.

Bei einer möglichen Antwort auf diese Frage kam immerhin Freie-Wähler-Fraktionsvorsitzender Klaus Zahner zu Ehren, den Detlef Beyerlein als "einzigen Aufrechten" bezeichnete und dessen vor einiger Zeit geäußerte Kritik er zitierte: "Die Politik der schuldenfreien Gemeinde ist gescheitert. Andere Gemeinden haben sich verschuldet, sie konnten aber viele Kosten durch Zuschüsse und Stabilisierungshilfen abfedern."

Dass sich neben Zahner und Pfeffer auch die Gemeinderäte Martin Kaiser (FW) und Ulrich Stelter (NG) in die Höhle der Löwen wagten, ist aller Ehren wert. Sie haben nun die Chance, ihren Ratskollegen und dem Bürgermeister den Ernst der Lage zu verdeutlichen (siehe Artikel oben). Denn die Wiederherstellung von Miteinander und Vertrauen ist eine Herkulesaufgabe in Neuenmarkt.
Peter Müller
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