Laden...
Kulmbach
Besuch

Grünen-Urgestein kehrt zurück nach Kulmbach

Eberhard Bueb (75) gehört zu den Ur-Grünen in Kulmbach, lebte aber nach seiner politischen Karriere zu Beginn der 1990er lange Zeit im Ausland - erst Irland, jetzt Lanzarote. Nun kam er zurück: für ein Plädoyer gegen das Mantra vom ewigen Wirtschaftswachstum.
Artikel drucken Artikel einbetten
Eberhard Bueb ist ein Urgestein nicht nur der Kulmbacher Grünen, sondern ein Vorreiter der grünen Bewegung bundesweit. Foto: Jochen Nützel
Eberhard Bueb ist ein Urgestein nicht nur der Kulmbacher Grünen, sondern ein Vorreiter der grünen Bewegung bundesweit. Foto: Jochen Nützel
Parteifreunde machen bekanntermaßen die nettesten Komplimente. "Du siehst ja noch wilder aus als früher!" Eine herzliche Umarmung folgt. Grünen-Stadtrat Hans-Dieter Herold drückt den einst verlorenen Sohn Eberhard Bueb, den alle nur "Ebu" nennen. Der 75-Jährige genießt die Willkommensgrüße - Sonnenblumenstrauß inklusive - am Donnerstagabend in der "Feuerwache", wo er über die Grenzen des Wachstums referiert. Das seiner Haare auf Kopf und über der Oberlippe scheint auch im Alter keine zu kennen. Ein Zuhörer feixt, Bueb nähere sich physiognomisch wohl Einstein an.

"Unbequeme Wahrheiten"

Mit astronomischen Relativitätstheorien hat Bueb nichts am Hut, wohl aber mit astronomisch anmutenden Zahlen, die verdeutlichen sollen: So kann es mit dem globalisierten Wirtschaften nicht weitergehen, soll uns der Planet nicht um die Ohren fliegen.
"Es sind unbequeme Wahrheiten, die ich erzähle", sagt er. Seine Augen mustern über den Rand seiner Lesebrille die 25 Zuhörer, alles Parteimitglieder oder Sympathisanten der Grünen. "Auch für uns Grüne", schiebt Bueb nach. "Mit der Idee, Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch absolut abkoppeln zu können, sozusagen grünes Wachstum zu propagieren, haben sich die Kollegen auf Bundesebene verrannt."

Was folgt, ist eine Armada an Zahlen. Bueb zitiert aus diversen Quellen wie der Welthandelsorganisation, Expertisen des Weltklimarats, Aussagen vom Umweltminister aus Hannover. Bueb reckt vier Finger in die Höhe: "Massenkonsum, geringere Lebensdauer der Produkte, die Wegwerfmentalität von uns allen und die Forderung nach stetem Wirtschaftswachstum: Diese Punkte treiben uns in die Ressourcenerschöpfung und nehmen die Umwelt in die Zange."

Der 75-Jährige ist einer, der das Wort "Verzicht" nicht scheut - ein Wort, das spätestens nach dem Veggie-Day-Vorstoß aus manchem Grünen-Wortschatz verschwand. "Machen wir uns nix vor: Produzieren bedeutet immer Materialverbrauch, das gilt auch bei Windkraftanlagen. Allein was die benötigten Erze und Seltene Erden angeht, stoßen wir bei den einfach auszubeutenden Lagerstätten schon vielfach an Grenzen."

Weniger ist mehr

Insofern kann die Lösung nur lauten: Weniger ist mehr. "Die Industrie muss staatlich gezwungen werden, haltbare Produkte anzubieten. Die können dann auch teurer sein. Aber: Sie müssen reparabel sein." Heute werde zu viel gleich weggeschmissen, weil es keiner mehr in Stand setzen kann. Entgegen landläufiger Meinungen tauge, so Bueb, das Recycling von Rohstoffen nicht dazu, die Bilanz wieder auszugleichen, da der Materialmix in den Waren kaum zu entwirren sei. "Wenn wir dann noch bedenken, wie viele tausend Kilometer die Sachen um die Erde gekarrt und geschippert werden, fällt die Ökobilanz noch verheerender aus."

Aus diesem Grund wirbt Bueb für eine Deglobalisierung der Wirtschaft und ein System von Regionalmärkten mit kurzen Wegen. Die Energiewende hingegen, die er "Stromwende" nennt, müsse international gelöst werden. "Das Desertec-Projekt in Nordafrika, das Solarstrom liefert, muss gekoppelt werden mit Geothermie und Wasserkraft aus Skandinavien sowie Windkraft von der Atlantikküste. Damit können wir 30 Prozent des Strombedarfs decken." Und der Rest? "Ans Einsparen wird zu wenig gedacht. Das geht halt nur über Verzicht."

Illussion von der E-Mobilität

Und noch eine grüne Idee verweist Bueb ins Land der Illusion: die Elektromobilität. "Wollten wir die Millionen Autos auf den Straßen weltweit mit Strom betanken, bräuchten wir allein eine Milliarde Photovoltaikzellen." Abgesehen davon, dass die Ausgangsstoffe für die Flut an Speicherbatterien gar nicht vorhanden seien. "Deswegen kann nur ein massenhafter Ausbau des ÖPNV die Antwort auf die Mobilitätsfragen von morgen sein."



Eberhard Bueb: Liberaler, Grünen-Mitbegründer, Boutiquenbesitzer, Ökolandwirt...
FDP-Anfänge Eberhard Bueb, 1938 in Berlin geboren und gelernter Textilingenieur, startet mit politischen Ambitionen in der FDP. Der Grund zum Umstieg sind zwei Publikationen: "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome von 1973 und "Ein Planet wird geplündert" von Herbert Gruhl. Bueb habe gemerkt, dass die etablierte Politik die notwendige ökologische Wende einleiten müsse. "In der FDP war leider keine Diskussion darüber möglich."

Grüne Ursprünge Am 12. und 13. Januar 1980 gibt es in Karlsruhe eine turbulente Parteigründung. 100 Männer und Frauen plädieren für eine Politik, die ökologisch, basisdemokratisch, sozial und gewaltfrei sein soll. Eberhard Bueb gehört der Grundsatzkommission an, arbeitet federführend an den Passagen über die Sozial- und Wirtschaftspolitik mit. 1981 wählen die bayerischen Grünen den Oberfranken zum Landesvorsitzenden. Vier Jahre später kommt er als Nachrücker in den Bundestag, wird Parlamentarischer Geschäftsführer. Zwei Jahre gehört er dem Parlament an. 1999 tritt er aus der Partei aus. Der Grund: Das Ja zum Kosovo-Einsatz unter Joschka Fischer. "Das war der Sündenfall der Partei", sagt er. 2012 macht Bueb den Austritt rückgängig.

Kulmbacher Jahre
In den 1980er-Jahren betreibt Bueb in der Oberen Stadt die Boutique "Fair Lady" mit Markenbekleidung. Mehrere Jahre wohnen er und seine Frau Elsbeth in Ebersbach. Schlagzeilen macht er auch mit einer Aktion auf der Autobahn: Um ein Zeichen zu setzen für die Forderung der Grünen nach einem Tempolimit, fahren Bueb und eine Kollegin mehrerer Kilometer mit Tempo 100 nebeneinander her.



Interview  

Herr Bueb, Sie sind 1990 nach Irland ausgewandert, haben der grünen Insel aber mittlerweile den Rücken gekehrt. Wo lebt das Urgestein der Kulmbacher Grünen heute? Und wie oft sind Sie in der Heimat?
Ich lebe mit meiner Frau Elsbeth mittlerweile auf Lanzarote. Wir kommen ein- bis zwei Mal im Jahr nach Oberfranken, in Münchberg haben wir ein Haus. In Irland bewirtschafteten wir einen bäuerlichen Betrieb, haben auf 66 Hektar ökologischen Landbau betrieben. Ich bin 75, das ging körperlich nicht mehr.

Sie traten 1999 bei den Grünen aus.
Stimmt, ich bin aber wieder Mitglied seit etwa einem Jahr.

Bei der Bundestagswahl landeten die Grünen bei mageren 8,4 Prozent, nach Fukushima versprachen die Demoskopen noch drei Mal so viel. Ketzerisch gefragt: Gibt es weltweit zu wenig ökologische Katastrophen, damit die Grünen politisch dauerhaft erfolgreich sind?
Das wäre eine zynische Forderung, mehr Katastrophen zu erhoffen, um Zulauf für unsere Partei zu erhalten. Für mich war klar, dass diese Umfragewerte keinen Bestand haben würden. Allerdings hätte ich wenigstens mit der Hälfte gerechnet, also elf, zwölf Prozent. Man hat - zugegeben - auch einen ungeschickten Wahlkampf gemacht.

Lag es auch an der Fixierung auf die SPD?
Sicher auch. Man hätte sich als unabhängige und eigenständige Partei präsentieren müssen - mit eigenen Zielen. Es ist ein Fehler, seine Programmatik auf Bündnisse auszurichten. Dann ist man nicht mehr authentisch, nur noch ein Abziehbild. Die Grünen müssen für ihre Urthemen kämpfen und stetig an einem Umdenken in der Bevölkerung arbeiten. Das ist mühsam, klar.

Sehen Sie dafür das entsprechende Personal an der Parteispitze? Was etwa trauen Sie dem neuen Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Toni Hofreiter, zu?
Den find' ich gut. Er ist bodenständig, ein studierter Biologe und Verkehrsexperte. Er könnte vor allem gegen diese falsche Fixierung auf das Auto - übrigens auch auf die als Allheilmittel propagierte Elektromobilität - angehen und endlich wieder ÖPNV-Konzepte voranbringen.

Stichwort Auto: Haben Sie eines? Wie grün lebt Eberhard Bueb?
Ich habe hier in Deutschland kein Auto. Auf Lanzarote fahre ich einen Kleinwagen mit 3,8-Liter-Verbrauch. Kein Elektroauto. Es gäbe erstens keine Tankstelle - und selbst wenn ich meinen Strom selber produzieren wollte, ist das auf Lanzarote ein heilloses Unterfangen: Man bekommt praktisch keine Genehmigung für Photovoltaik-Panels. Wir kaufen fast alle Lebensmittel auf dem Regional markt. Wir sparen uns eine Heizung, was natürlich nicht unser Verdienst ist, sondern klimatisch bedingt. Wir haben ganz wenig Kleidung und tragen diese über viele Jahre. Das einzige, was wir uns gönnen, ist zwei Mal im Jahr der Flug in unsere deutsche Heimat. Das ist per se nicht ökologisch, aber wir haben ja sozusagen eine Vorleistung erbracht, indem wir in Irland 20 Jahre so CO 2 -neutral wie möglich gelebt haben. Wir haben dort mehr als 5000 Bäume gepflanzt.

Und Ihre Energiebilanz?
Als wir das Haus auf Lanzarote bezogen, haben wir den vorhandenen Kühlschrank übernommen und reparieren lassen. Der taugt. Ich hätte natürlich einen nagelneuen mit "A+++"-Sparrate kaufen können. Dafür stelle ich bei meinem die Temperatur etwas höher, dann muss er nicht auf Maximum laufen. Überhaupt: Man sollte nicht glauben, dass es nur mit dem Umstieg auf neue Produkte getan ist. Ein Trugschluss, denn jedes neue Gerät verbraucht ja bei der Herstellung Ressourcen. Daher kann es sinnvoller sein, alte Geräte weiter zu betreiben, auch wenn der Stromverbrauch etwas höher ist. Beim Auto gilt das auch: Die Abwrackprämie war ein Schwachsinn. Da wurden absolut fahrtüchtige Vehikel eingestampft - und damit wertvolle Materialien verschrottet, die unwiederbringlich verloren sind.

An der Gebäude-Dämmung mit Styropor scheiden sich bisweilen auch die Geister.
Das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, da ist noch viel Materialforschung nötig.

Das Gespräch führte Jochen Nützel

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren