Kulmbach
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Grenzgänger auf zwei Rädern: Pfarrer Klaus Kuhrau erinnert sich

Schon vor der Öffnung der innerdeutschen Grenze gab es Kontakte zwischen dem Evangelischen Jugendwerk Kulmbach und der Jungen Gemeinde Saalfeld-Gorndorf.
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Begegnung am Grenzübergang Ludwigstadt-Falkenstein. Pfarrer Klaus Kuhrau (links) ist mit dem Fahrrad von Kulmbach aus dorthin gefahren.  Foto: Klaus Kuhrau
Begegnung am Grenzübergang Ludwigstadt-Falkenstein. Pfarrer Klaus Kuhrau (links) ist mit dem Fahrrad von Kulmbach aus dorthin gefahren. Foto: Klaus Kuhrau
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Am 21. März 1961 zieht Klaus Kuhrau einen Anzug an, der 225 Mark gekostet hat, und einen Mantel, für den er 106 Mark bezahlt hat. Er bindet sich einen Schlips um und packt etwas Wechselwäsche in eine Aktentasche. Dann setzt er sich in den Zug und flieht aus der DDR.

Ungezählte Male hat der mittlerweile 77-Jährige die deutsch-deutsche Grenze in den Jahren danach wieder überquert. Einen seiner spektakulärsten Grenzgänge wagt er - diesmal ganz legal - im März 1990: Als vermutlich erster Kulmbacher überhaupt fährt er mit dem Fahrrad von Kulmbach nach Saalfeld.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Klaus Kuhrau bereits eine enge Beziehung zur Feengrotten-Stadt. Nach diversen beruflichen Stationen, darunter auch eine Fotografen-Lehre, hatte sich der gebürtige Ostpreuße spät entschlossen, Theologie zu studieren.

Erste Kontakte nach "drüben"

Als in Berlin die Mauer fiel und auch die Grenze zwischen Oberfranken und Thüringen plötzlich durchlässig war, war Kuhrau Pfarrer auf der zweiten Pfarrstelle der evangelischen Kirchengemeinde Mangersreuth und der "Jugendpfarrer" des Evangelischen Jugendwerks Kulmbach. Gemeinsam mit dem damaligen Jugend-Diakon Siegfried "Siggi" Laugsch knüpfte er erste Kontakte in der Kulmbacher Partnerstadt. Am 4. Mai 1988, das weiß er heute noch genau, traf man sich zur ersten gemeinsamen Pfarrkonferenz; Anfang Juni besuchten junge Leute aus Kulmbach die Junge Gemeinde in Saalfeld-Gorndorf. Übernachtet wurde in Privatquartieren.

Eine Grenze ohne Schrecken

Es war die erste von vielen Fahrten der Oberfranken über die innerdeutsche Grenze. "Beim fünften Mal", so erinnert sich Kuhrau, "konnten wir zum ersten Mal auf direktem Weg fahren. Ab dem sechsten Treffen gab es keine Kontrollen mehr." Die Grenze, die der Pfarrer fast 30 Jahre zuvor illegal und im Zustand großer Beunruhigung, doch noch entdeckt zu werden, passiert hatte, hatte ihren Schrecken verloren.

Als Jugendlicher hatte Kuhrau mit dem DDR-Regime viele schlechte Erfahrungen gemacht. Als Flüchtlingskind war er 1944 mit der Mutter nach Sachsen gekommen. Sein Vater war noch vor seiner Geburt an der Front gefallen. Der Junge besuchte die Schule, arrangierte sich mit dem System, nahm sogar an der Jugendweihe teil. "Aus Überzeugung", wie er betont.

In der zehnten Klasse flog Klaus Kuhrau von der Schule. "Weil ich meinen Mund nicht halten konnte." Selbstkritik vor der ganzen Klasse hätte er üben sollen. Aber dazu war er nicht bereit. Der Klassenlehrer geleitete ihn zu Tür und verabschiedete ihn mit Handschlag. Das Stipendium von 45 Mark im Monat, das der Oberschüler erhielt, weil sein Vater gefallen war, wurde gestrichen. Das war's.

In der Folge schlug sich der junge Mann als Aushilfs-Briefträger und als Mitarbeiter in einer Puppenmöbel-Fabrik durch - immer mit einem kritischen Blick auf das Regime. Die innerdeutsche Grenze war zu jener Zeit noch einigermaßen durchlässig. "Am Montag war in den Betrieben immer die große Frage: Wer kommt heute nicht mehr?"

"Sie waren nicht verschieden"

Eines Tages war es Kuhrau selbst, der nicht mehr kam. Sein Plan, durch ein seriöses Auftreten die Grenzkontrolle zu umgehen oder zumindest nicht zu gründlich werden zu lassen, war aufgegangen.

Bei den ersten Kontakten mit der Jungen Gemeinde aus Gorndorf mag es geholfen haben, dass er beide Seiten kannte. "Aber so verschieden waren die jungen Leute hüben und drüben gar nicht." Man traf sich zu Andachten, Gottesdiensten und gemeinsamen Wanderungen. Was ihre Altersgenossen im Westen beschäftigte, welche Musik sie hörten, wie sie sich kleideten - das wussten die jungen Saalfelder genau. "Die schauten ja alle West-Fernsehen."

Eine Episode freilich ist Klaus Kuhrau genau in Erinnerung geblieben: "Die Saalfelder waren zu Besuch in Kulmbach. Wir saßen im Gemeindehaus zusammen. Ich habe im 'Fässla' 40 Pizzen bestellt, die dann in die Herlas geliefert wurden. Da haben die schon große Augen gemacht."

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