Kulmbach
Showbiz

Gottschalks Aufstieg: Vom "Dampfplauderer" zum Show-Titan

Er kam aus einer oberfränkischen Kleinstadt und wurde zum Liebling der Nation: Wie Thommy das Fernsehen eroberte.
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Thommy und die Muskelmänner: Der TV-Titan moderiert 1985 die Super-Disko der Kulmbacher Sparkasse in der Sporthalle Weiher.  Fotos: beide Archiv Stephan Tiroch, 1985
Thommy und die Muskelmänner: Der TV-Titan moderiert 1985 die Super-Disko der Kulmbacher Sparkasse in der Sporthalle Weiher. Fotos: beide Archiv Stephan Tiroch, 1985
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Deutschland war geteilt. Das kleine Bonn am Rhein durfte West-Hauptstadt sein. Im Osten regierten Erich Honecker und seine Sozialisten. Bei der Mode verirrte sich der Geschmack. Er trug weiße Tennissocken, sie die angesagten Schulterpolster. Die Neue Deutsche Welle schwappte durchs Land. "Ich will Spaß" dröhnte es ganz analog aus dem Radiolautsprecher: Markus gab Gas, man hatte ja noch keine Klimasorgen. Und Nena ließ ihre "99 Luftballons" steigen.

Samstagabend - die Nation vor der Glotze

Facebook, Twitter, YouTube waren Zukunftsmusik. Dafür wiederholte sich am Samstagabend ein Ritual unter deutschen Dächern: Kinder, gerade frisch gebadet, Vater mit Jogginghose und Flasche Bier und Mutter mit Lockenwicklern im Haar versammelten sich vor der Glotze und warteten auf: "Wetten, dass ...?"

Wir befinden uns in den Achtzigern. Ein Jahrzehnt, in dem Thomas Gottschalk voll durchstartete. Heute herbstbunt, war er damals semmelblond und legte einen kometenhaften Aufstieg im Unterhaltungsbusiness hin. Der Höhepunkt: 1987 übernahm er die Lieblingsshow der Deutschen.

Als Held unzähliger Couch-Abende erreichte Gottschalk eine ungeahnte Popularität. Er war der Show-Titan, von der BILD-Zeitung dazu erhoben. In seiner Autobiographie "Herbstblond" kokettiert er damit, dass das Boulevardblatt den Titanenstatus nur für drei Personen vorgesehen hat: für Oliver Kahn (Fußballtorwart), Dieter Bohlen (Popmusik) und den "Dampfplauderer" (O-Ton) aus der oberfränkischen Kleinstadt Kulmbach.

Eine Supernase

Hier war er nach einer langen Schulzeit am MGF-Gymnasium - Lehrer Alfred Biedermann: "Thomas war fröhlich und aufgeschlossen, seine Leistungen waren befriedigend" - ins Showbiz aufgebrochen. Zunächst Radiomoderator beim Bayerischen Rundfunk, wechselte er ins TV-Metier. Im ZDF präsentierte er "Thommys Pop-Show" (1982 - 1984). Dann stand er für "Na sowas!" (1982 - 1987), eine Kombination aus Musik und Talk, vor der Kamera.

Zeitgleich unternahm er einen Abstecher in die Film-Welt und schauspielerte zusammen mit Mike Krüger in der vierteiligen "Supernasen"-Reihe (1982 - 1985). Kulmbach blieb er stets verbunden: Er zeigte Mike seine Heimatstadt und speiste zusammen mit Mutter Rutila (2004 †) und dem Kollegen gutbürgerlich in der "Stadtschänke". Oder er moderierte die Super-Disko der Sparkasse (1985) in der Dreifachsporthalle. Die Teenies kamen in Scharen, um Thommy und die Show zu sehen - auch die war typisch 80er. So war Bodybuilding - Arnie Schwarzenegger hatte es vorgemacht - in Kulmbach angekommen. Aber selbst die leicht bekleideten Muskelmänner aus dem Studio Scheibe konnten Gottschalk nicht die Show stehlen.

Im September 1987 folgte der ganz große Karriereschritt: Gottschalk übernahm "Wetten, dass ...?" Erste Sendung aus der Hofer Freiheitshalle. Der Hausmeister wünschte ihm "Doi, doi, doi, Dommy" - und bis 2011 wurden es 151 Sendungen. Gottschalk: "Der Job, für den ich geschaffen war."

Den Erfolg der Sendung erklärt er so: "Der Mensch von nebenan trifft die Großen dieser Welt, wenn er einen bizarren Einfall hat. Plötzlich konnte man aus unnützen Begabungen Kapital schlagen." Mücken fangen mit dem Mund oder Farbe der Buntstifte schmecken, und ein Millionenpublikum sah zu. Es gab keine Fernsehshow in Deutschland mit so viel Prominenz. "Bis auf die Queen und den Papst war praktisch jeder da", so der Moderator.

Stolz ist der Mann mit der Vorliebe für ausgefallene Klamotten - Mutter Rutila: "Du hast ausgesehen wie ein Zirkusdirektor" - auf seine demokratisch legitimierte Popularität, weil das Publikum mit der TV-Fernbedienung abstimmte. "Wir gehörten zum Inventar des deutschen Wohnzimmers. Wir drehten ein großes Rad."

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