Mainleus

Google ist der beste Komplize

Nach dem Bruch bei AFC Hartmetall in Mainleus: Im Prozess gegen die Rumänenbande erklärt die Polizei, wie moderne Einbrecher arbeiten.
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Der moderne Einbrecher braucht keine Informanten mehr - Komplize Google weiß alles; links das Firmengebäude von AFC Hartmetall in Mainleus, wo die Rumänenbande eingebrochen ist. Fotos: Stephan Tiroch, google maps / Montage: Dagmar Klumb
Der moderne Einbrecher braucht keine Informanten mehr - Komplize Google weiß alles; links das Firmengebäude von AFC Hartmetall in Mainleus, wo die Rumänenbande eingebrochen ist. Fotos: Stephan Tiroch, google maps / Montage: Dagmar Klumb

Alles, was ein Einbrecher braucht, findet er offenbar im Internet. Woher wusste die Rumänenbande, dass man bei AFC Hartmetall in Mainleus Beute machen kann? Wie konnten die Täter die Örtlichkeit auskundschaften? Gab es womöglich einen Informanten vor Ort? Nein, all das braucht ein moderner Einbrecher nach den Erkenntnissen der Polizei nicht mehr: Komplize Google weiß alles.

Am Dienstag wurde der Prozess gegen die Rumänenbande vor dem Landgericht Bayreuth fortgesetzt. Vor der 1. Strafkammer sind fünf Männer angeklagt, die für den Einbruch am 24. Februar 2019 verantwortlich gemacht werden. In jener Sonntagnacht wurden bei AFC hochwertige Hartmetallrohlinge für die Werkzeugindustrie - Gewicht: knapp eine Tonne - im Wert von 165.000 Euro weggeschafft.

Wegen schweren Bandendiebstahls sind ein Landwirt (48), sein Neffe (35), ein Automechaniker (37) und ein Bauhelfer (37) angeklagt. Sie sitzen seit ihrer Festnahme zwischen Mai und Juli in Untersuchungshaft. Auf freiem Fuß befindet sich nach anfänglicher U-Haft der fünfte Angeklagte: Dem 32-jährigen Handwerker wird nur Beihilfe zur Last gelegt. Laut Staatsanwaltschaft ließ er die aus Rumänien angereisten Landsleute bei sich übernachten und fuhr sie von München zum Tatort nach Mainleus.

Wachdienst merkt nichts

Wie die Bayreuther Kripo der Bande auf die Schliche kam, erläuterte die für den Fall zuständige Sachbearbeiterin - ihre Marathonaussage dauerte über drei Stunden. Nach ihren Angaben wurde der Einbruch erst am Sonntagnachmittag von Spaziergängern entdeckt. Dem Wachdienst war in der Nacht nichts aufgefallen, so die Kriminalbeamtin. Dabei hätte er im Tatzeitraum zwischen null und vier Uhr bei seinen Streifengängen dreimal am gewaltsam geöffneten Hinterausgang vorbeikommen müssen.

Bei der Funkzellenüberprüfung für Mainleus stellte die Polizei zur tatkritischen Zeit vier rumänische Handynummern fest, die außerdem mit einem deutschen Teilnehmer Kontakt hatten. Letzterer war der Mann mit der Wohnung bei München. Er wurde als erster identifiziert, später auch die anderen Verdächtigen.

Handy: Kripo hört mit

In den nächsten Wochen hörte die Kripo bei der Telefonkommunikation mit. Die Mitschriften füllen einen Aktenordner. Es war die Rede davon, "dass heute wieder eine Sache stattfindet" und "dass abends das Telefon ausgemacht werden muss". Ein andermal schimpfte ein Rumäne: Die Karre sei schon wieder kaputt, man müsse umkehren. Die Kripo vermutet, dass deshalb ein geplanter Einbruch bei einer Metalltechnikfirma in Gau-Algesheim (Rheinland-Pfalz) abgeblasen werden musste.

Sechs Wochen nach dem Bruch nahm die Polizei den Münchner Rumäne fest und durchsuchte seine Wohnung. "Er legte gleich ein Geständnis ab", sagte die Zeugin. "Seine Aussage war sehr viel wert, weil wir die Taten den Verdächtigen zuordnen konnten." Als die vier anderen Rumänen später wieder nach Deutschland zurückkehrten, wartete jedes Mal schon die Polizei.

Bei der Auswertung von Laptops und digitalen Speichermedien konnte die Kripo klären, wie die Täter auf die Mainleuser Firma gekommen waren. "Durch Google-Recherche", sagte die Sachbearbeiterin. Die Bande habe sich auf Betriebe spezialisieret, die hochwertige und seltene Metalle verarbeiten.

Werkzeug bis Champagner

Ferner war es nach den Worten der Kriminalbeamtin möglich, durch die DNA-Spuren vom Mainleuser Tatort weitere Einbrüche zuzuordnen: in einem metallverarbeitenden Betrieb in Neuhausen bei Stuttgart, bei dem der 48-jährige Rumäne beteiligt war; in sechs Objekten in Schweden, die dessen Neffe verübt und dafür eine Bewährungsstrafe bekommen hatte; in einem Geschäft in Frankreich, bei dem Profiwerkzeuge von Makita erbeutet wurden, sowie in einem Jagdanwesen, wo den Tätern landwirtschaftliche Arbeitsgeräte, Fernseher und Champagner in die Hände fielen.

Bei der polizeilichen Vernehmung, so die Zeugin, machte auch der 37-jährige Automechaniker Angaben. Er identifizierte sich selbst und die anderen Einbrecher auf den Videoaufzeichnungen. Hier sieht man, wie die Tür aufgebrochen wurde, wie die Männer die Kartons raustrugen und über den Zaun hoben.

Heiße Ware verkauft

Die Beute sollte in Rumänien verkauft werden, habe der Beschuldigte erklärt. Unterwegs habe man jedoch spontan entschieden, die heiße Ware bei einem Schrotthändler in Tschechien loszuwerden. "Sie bekamen nur 1800 Euro, die unter fünf aufgeteilt wurden."

Zum hohen Schaden sagte der AFC-Geschäftsführer ("das dritte Mal, dass bei uns in wenigen Jahren eingebrochen wurde"), dass die Herstellung der Hartmetallstäbe 40 Wochen dauere. "Ein gewaltiger Aufwand, so erklärt sich der exorbitante Wert." Der Verkaufspreis wäre noch wesentlich höher gewesen als der von der Versicherung bezahlte Herstellungswert von 165.000 Euro.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Geständnis: Geld für kranke Frau Mit einem überraschenden Geständnis begann am Dienstag der zweite Verhandlungstag im Prozess gegen die Rumänenbande. Der 48-jährige Angeklagte gab alles zu. Seine Verteidigerin Maria Miluscheva, München, gab für ihren Mandanten eine Erklärung ab. "Er räumt den Sachverhalt aus der Anklageschrift ein", sagte die Rechtsanwältin. Alle Angeklagten seien gleichermaßen an dem Mainleuser Einbruch beteiligt gewesen.

Der Mann will die Straftaten aus finanzieller Not begangen haben. Seine Frau sei an Krebs erkrankt, und die Behandlungskosten seien in Rumänien sehr hoch, sagte Miluscheva und übergab dem Gericht ein ärztliches Attest.

Ihr Mandant sei auch der Einbrecher am 27. Januar in Neuhausen bei Stuttgart gewesen. Bei der Firma PLM, die Werkstoffe wie Tantal, Platin oder Palladium verarbeitet, flüchteten der Angeklagte und seine beiden unbekannten Mittäter. Deshalb lautet die zweite Anklage auf versuchten schweren Bandendiebstahl.

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