Kulmbach
Natur

Gesucht: der Stadtbaum für den Klimawandel

Heimische Linde oder asiatischer Ginkgo: Welche Gehölze prägen urbane Flächen, also Parks und Straßenzüge, von morgen?
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Links die Straße, rechts ein Geh-/Radweg: Zwischen Asphalt und Pflaster bleibt Stadtbäumen oft nur wenig Raum fürs Wurzelwerk. Dazu gefährden Schadstoffe in der Luft, fehlende Nährstoffe, der Einsatz von Streusalz, aber auch Hunde-Urin und Verletzungen durch Bauarbeiten die Gehölze.Jochen Nützel
Links die Straße, rechts ein Geh-/Radweg: Zwischen Asphalt und Pflaster bleibt Stadtbäumen oft nur wenig Raum fürs Wurzelwerk. Dazu gefährden Schadstoffe in der Luft, fehlende Nährstoffe, der Einsatz von Streusalz, aber auch Hunde-Urin und Verletzungen durch Bauarbeiten die Gehölze.Jochen Nützel

Die Anforderungen an den urbanen Baum der Zukunft steigen: Resistent gegen neue Schädlingsarten soll er sein, steigende Temperaturen vertragen können und mit (viel) weniger Niederschlag klarkommen. Im "Grünen Labor" in Coburg wachsen diese Bäume von morgen - begutachtet von Studenten von heute.

Genauer gesagt von Gartenbaustudenten der Technischen Hochschule Berlin. Die betreiben unter Anleitung ihres Professors Hartmut Balder im "Lebenden Labor" am Himmelsacker Studien, befassen sich mit heimischen und fremdländischen Gehölzen, aber auch selten gewordenen Obstbäumen wie den Apfelsorten "Coburger Mai" und "Dülmener Rose".

Schlechte Standortwahl

"Es wird, gerade in Städten, viel zu schnell das falsche Gehölz an einen schlechten Standort gepflanzt", sagt Hartmut Balder. Der Grund: Experten drangen mit ihren Ratschlägen oft nicht bis in die entscheidenden Gremien vor. "Dabei war der Gärtner früher nicht umsonst der wichtigste Mann am Königshof." Diesen Rang gelte es, dem Gartenbauer heutiger Prägung wieder einzuräumen. "Gärtner ist ein Hightech-Beruf, der auch große ökonomische Bedeutung hat. Denn es geht nicht bloß darum, welche Gehölze aus dem Osten, Norden, Süden oder Westen für uns infrage kommen, sondern auch, welche Arten wir exportieren könnten."

Vor diesem Hintergrund sei das "Grüne Labor" in Coburg eine einmalige Forschungseinrichtung, aus der sich unbezahlbare Ergebnisse gewinnen ließen. "Was produziere ich wo und wie für welchen Bedarf? Das lässt sich wie in einem Netz erfassen." Balder hofft, dass das Coburger Pilotprojekt Nachahmer in Europa finden wird.

Für Horst Schunk ist das Langzeitprojekt "Grünes Labor" zugleich eines, das Generationen beschäftigt. "Es ist wie ein botanischer Garten", schwärmt der Ex-Vorsitzende des Vereins "Baumfreunde Coburg" und findet es spannend herauszufinden, wie sich Bäume aus den verschiedensten Vegetationszonen in ihrem Wachstum gegenseitig beeinflussen. "Und das, noch dazu, auf dem schweren Coburger Lehmboden", ergänzte Schunk und erzählt, wie der Planer der Anlage, Ingenieur Karl-Heinz Walzer aus Wien, just deswegen Probleme bekam: "Walzer hatte auf seinem Rückflug nach Österreich einen Beutel Lehmboden in einer Tüte bei sich. Am Flughafen wurde er von Sicherheitsleuten zur Seite gebeten - die hielten die helle Erde für Plastiksprengstoff."

Mit einer Eiche fing alles an

Im Herbst 1999 fing alles an - mit der Pflanzung einer Stileiche (siehe dazu die Historie unten). Seither sind 180 verschiedene Exemplare gesetzt worden - aus allen Kontinenten. Gemeinsames Kriterium: Die Arten müssen zwischen dem 40. und 50. Breitengrad wachsen, schließlich sollen sie als Gehölze für Straßen, Plätze und Parks in Deutschland infrage kommen.

Erste wissenschaftliche Ergebnisse aus den bisherigen 20 Jahren werden vermutlich im kommenden Jahr vorgelegt, sagt Horst Schunk. Doch natürlich sprechen die Bäume vor Ort eine beredte Sprache. Manche Arten auf dem 2500 Quadratmeter großem Areal wie die kanadische Hemlocktanne, ein Kieferngewächs, sind demnach ein Komplettausfall - wobei der Coburger auf die Besonderheiten des Standorts hinweist. "Natürlich wird bei uns kein Baum künstlich bewässert, sondern muss mit den Niederschlägen auskommen. Der Lehmboden trocknet gerade in heißen Sommern wie dem von 2018 schnell aus, dabei reißen auch haarfeine Wurzeln ab. Dazu kommen die exponierte Windlage, pralle Sonne im Sommer und Fröste im Winter."

Gewinner und Verlierer

Das alles ist auch dem Geweihbaum offenkundig nicht gut bekommen. "Seltsamerweise hat es auch den Schwarzen Holunder erwischt, in Bayern als Holler bekannt - und das, obwohl der als Unkraut gilt und eigentlich überall gedeiht."

Gut geschlagen hingegen haben sich der Speierling aus der Gattung der Mehlbeeren, ebenso wie der Tulpenbaum (gehört zur Familie der Magnoliengewächse) und die Schwarznuss, die unter anderem in Nordamerika wegen ihrer guten Eigenschaften als Nutzholz geschätzt wird.

Das "Grüne Labor": Wertvolle Freilandforschung plus kostenloser Stadtpark

Idee Ein unscheinbares Schild am Himmelsacker in Coburg verweist aufs "Grüne Labor". Hinter der Bezeichnung verbirgt sich eine in Europa einzigartige Versuchspflanzung. Angelegt wurde sie von der International Society of Arboriculture (ISA). Deren einstiger Vorsitzender Hartmut Schmidt aus Minden fragte 1998 beim Coburger Horst Schunk an, ob die Stadt sich als Standort des Versuchsgartens der ISA bewerben wolle. Schunk, langjähriger Unterbezirksgeschäftsführer der SPD, Mitglied des Stadtrats und Vorsitzender des Vereins Baumschutz Coburg, wandte sich an den damaligen Leiter des Grünflächenamtes, Gerhard Seiffert, ein Unterstützer des Projekts. Auswahl Der ISA wurde das Grundstück am Himmelsacker vorgeschlagen und erhielt letztlich den Zuschlag für das erste "Grüne Labor" Europas. Hierfür wählte Karl-Heinz Walzer, ISA-Chef Austria aus Wien, 80 Gehölzarten aus. Alles Bäume und Sträucher, die für die hiesige Klimazone geeignet erschienen. Gartenanlage Am Ende der Pflanzungen wurde diese Einrichtung an die Stadt Coburg übergeben. In den Jahren danach folgten weitere Nachpflanzungen durch Bürger, die ebenfalls ihre Baumfreundlichkeit im Labor dokumentieren wollten. Für die Coburger selbst stellt das "Grüne Labor" eine Art kleinen biologischen Garten dar, der allen kostenlos offen steht.

Trockenheit, Hitze, Abgase, Schädlinge: Die Feinde sind vielfältig und zahlreich

Oft sind die Gehölze in Städten und Gemeinden direkt an Straßen oder befestigten Plätzen gepflanzt, wo die abstrahlende Hitze des Untergrunds die Temperaturen zusätzlich erhöht. An heißen Tagen ist eine Stadt deutlich wärmer als das Umland, in der Spitze um bis zu zehn Grad.

Reines Gift für jene Gehölze, die bislang bevorzugt wurden. Allein Platane, Linde, Ahorn und Kastanie machen nach Angaben der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau fast die Hälfte des Bestandes in Bayerns Städten aus. Aber wie lange noch? Die Forscher haben über ein Jahrzehnt an drei Standorten Alternativen untersucht. Ergebnis: Infrage kommen künftig eher Arten wie die Purpur- und Manna-Esche, der Eisenholzbaum, die Zerr-Eiche oder der italienische Ahorn.

Die Stadt Kulmbach nimmt sich die Vorschläge der Landesanstalt zu Herzen, heißt es auf Anfrage. "Auch unseren Stadtbäumen setzt die Trockenheit zu, so dass wir gerade Neupflanzungen bis zum dritten Lebensjahr sehr stark wässern müssen", bekundet Pressesprecher Johannes Goldfuß.

Allerdings sei zum Glück unter den rund 4500 Stadtgehölzen noch kein Baumsterben zu verzeichnen. Bei den Pflanzungen setze man unter anderem auf die Silberlinde, die über eine Art eingebauten Sonnenschirm verfügt: Brennt ihr die Sonne zu sehr auf die Krone, wendet sie die Blätter - und die silbrige Unterseite reflektiert die Strahlen zurück. Weitere Alternativen sind die Gleditschie sowie die Blumenesche, ursprünglich auf dem Balkan beheimatet. Positiver Nebeneffekt: Letztere ist dank üppiger Blüte im Mai eine gute Bienenweide.

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