Tennach
Alternatives Leben

Gemeinsam säen, jäten, ernten

Am Ortsrand von Tennach ist ein "Selbsterntegarten" mit zwei Parzellen entstanden. 2020 könnte das Projekt ausgeweitet werden.
Artikel drucken Artikel einbetten
"Der Garten mit der schönsten Aussicht" sagen die Pächter der Parzelle über ihr Stück Acker bei Tennach. In der Tat geht der Blick über Felder und Wälder weit hinaus bis zum Frankenwald und zum Fichtelgebirge. Im Bild Nils und Johanna Schmeinck. Fotos: Katrin Geyer
"Der Garten mit der schönsten Aussicht" sagen die Pächter der Parzelle über ihr Stück Acker bei Tennach. In der Tat geht der Blick über Felder und Wälder weit hinaus bis zum Frankenwald und zum Fichtelgebirge. Im Bild Nils und Johanna Schmeinck. Fotos: Katrin Geyer
+1 Bild

Klein anfangen. In der Hoffnung, dass aus winzigen Anfängen irgendwann etwas ganz Großes wird.

Klein: Das heißt in diesem Fall wirklich "sehr klein". Knapp 50 Quadratmeter, um genau zu sein. Aber was sich auf der Fläche vom Ausmaß einer Doppelgarage tut, ist beachtlich. Riesige Wirsingköpfe wachsen da, Kohlrabi, Möhren, Bohnen. Mangold-Stiele leuchten weiß, gelb oder rot. An einem groben Holzgerüst ranken Tomatenpflanzen, die reichlich Früchte tragen, darunter finden sich Chilis und Salat.

Auf freier Flur

Der Salat sieht, das muss man einfach feststellen, ein bisschen mickrig aus. "Da ist ein Kaninchen durchgehoppelt und hat sich bedient", erläutert Holger Willms schmunzelnd. Damit müsse man rechnen in einem Gemüsegarten in freier Flur.

In der Tat ist der Platz, an dem sich die säuberlich gezogenen Gemüsebeete finden, ungewöhnlich: Auf dem "Ranga" bei Tennach, direkt am Wanderweg, der vom Rehberg her kommt.

Noch im letzten Jahr war die Parzelle Teil eines Feldes, das Dieter Eschenbacher, der "Rangabauer", bewirtschaftet. Nun ist dort der erste "Selbsterntegarten" im Raum Kulmbach entstanden.

Dort gärtnern Holger Willms und seine Frau Inga, Johanna und Nils Schmeinck und Holgers Arbeitskollegin Laura. Gleich nebenan auf der Nachbarparzelle bauen Stefan Pelka und Isabell Niclas, die neuen Wirtsleute im "Wirtshof zum Rangabauern", Mais an, Tomaten, Salat und vieles mehr. Vieles davon für die Wirtshaus-Küche.

Warum ein Selbsterntegarten? Die jungen Kulmbacher leben in Wohnungen ohne Garten. "Wir haben ein paar Erdbeerpflanzen auf dem Balkon", erzählt Nils. "Das Wahre ist das nicht."

Nachhaltiger leben

Aus früheren Wohnorten kannten sie Selbsterntegärten. Bei einem Treffen von Transition Kulmbach, einer Initiative, die sich dem Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit verschrieben hat (siehe unten), kamen sie miteinander ins Gespräch, bei einem Wirtshausbesuch in Kontakt mit den Wirtsleuten, die von Altbauer Dieter Eschenbacher ein Stück Gartenland gepachtet hatten. "Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf einer Linie sind", erzählen die Kulmbacher. "Und dann sind wir mit eingestiegen."

Dieter Eschenbacher, selbst überzeugter Biobauer, hat den Boden für zwei Parzellen umgegraben, hat Zäune gezogen und ein Wasserfass bereitgestellt: Gemüse will regelmäßig gegossen werden. Der Pachtbetrag? Nicht der Rede wert.

Dankbar für Unterstützung

Solche Unterstützung wissen die Neu-Gärtner sehr zu schätzen. Und sie schwärmen davon, dass es bei ihrem Projekt bei weitem nicht nur um Gartenarbeit geht. Oft verbindet das Grüppchen die Einsätze zum Jäten und Gießen mit einer gemeinsamen Wanderung von Kulmbach nach Tennach. Und nicht selten wird nach getaner Arbeit dann noch bei den Gartennachbarn im Wirtshaus eingekehrt.

Gewirtschaftet wird auf dem "Ranga" nach den Regeln der biologischen Landwirtschaft, die Arbeit gleichmäßig auf alle verteilt. "Wir sprechen uns ab. Wenn mal jemand nicht kann oder im Urlaub ist, dann helfen halt die anderen aus." Natürlich wird auch die Ernte geteilt.

Rund 50 Prozent des Bedarfs seiner jungen Familie werde durch den Garten gedeckt, sagt Holger Willms. Johanna Schmeinck schwärmt von der Pizza mit frischem Mangold und Ziegenkäse.

Aber der Genuss beschränkt sich nicht allein auf Mangold, Lauch oder Rosenkohl. Es gibt noch viel mehr Gründe zum Schwärmen: "Wir haben hier oben den Garten mit der schönsten Aussicht!"

Info für Neulinge Wer Interesse daran hat, in das Tennacher Gartenprojekt einzusteigen , ist herzlich willkommen. Informationen gibt es unter der Mail-Adresse SeGa-Kulmbach@gmx.de.

Transition Informationen über weitere Projekte von Tra.Ku.La (Transition Kulmbacher Land) gibt es im im Internet unter www.transition-kulmbach.de Dort stehen auch die Termine für das sogenannte Plenum.

Von Biobauern und der Bürokratie

Wenn es um die Selbsterntegärten am Weg vom Rehberg nach Tennach geht, fällt immer wieder ein Name: Dieter Eschenbacher. Man kennt ihn im Landkreis Kulmbach. Er ist einer der Pioniere des Biolandbaus in der Region und der langjährige Wirt des Gasthauses "Zum Rangabauern", das er eröffnet hat, lange bevor eine solche Art der Bauernhof-Gastronomie Mode wurde.

Die Gärtner loben Eschenbacher für seine Unterstützung. Der Ranga-Bauer wiederum ist voll des Lobes für die jungen Leute. "Sehr sympathisch" seien die gewesen, schon beim ersten Zusammentreffen.

Neue Ideen nötig

Er selbst habe den Bio-Landbau auf seinem Hof etabliert. Aber die Zeiten hätten sich geändert. "Wenn es weitergehen soll, brauchen wir neue Ideen." Zum Beispiel die der Selbsterntegärten. Für ihn sei es selbstverständlich, das Projekt zu unterstützen - auch wenn das mit viel Bürokratie verbunden sei.

Wer als Landwirt eine Parzelle für den Gartenbau bereitstelle, müsse die genau ausmessen und aus den bisherigen förderfähigen landwirtschaftlichen Flächen herausrechnen. Werde eine Parzelle nicht mehr für den Gartenbau genutzt, sei es hingegen nicht so einfach, sie wieder als landwirtschaftliche Fläche ausweisen zu können - jedenfalls dann, wenn dort biologischer Anbau betrieben werden soll. "Es könnte ja in der Zwischenzeit Chemie ausgebracht worden sein."

Dennoch: Eschenbacher unterstützt das Projekt gerne, hat es zu einem Herzensanliegen gemacht, und schwärmt von der fast familiären Atmosphäre. Was er den Gärtnern auf seinem Acker wünscht: Dass sich der Garten weiterentwickelt und im nächsten Jahr noch mehr Selbsternte-Gärtner dazu kommen.

"Solche Menschen und solche Projekte sind das Beste, was unserer verrückten Gesellschaft passieren kann."

Ein Selbsterntegarten - was ist das eigentlich?

Ein Stück Acker zum Gemüseanbau nutzen - das ist keine Kulmbacher Erfindung. In großen Städten kennt man schon lange die sogenannten Selbsterntegärten.

Ein Selbsterntegarten ist ein Stück Land, das von mehreren Hobbygärtnern gemeinsam gepachtet und bewirtschaftet wird. Der Landwirt, dem die Fläche gehört, übernimmt die vorbereitenden Arbeiten, also das Umgraben des Bodens und die Einteilung in Parzellen, in manchen Fällen auch die Aussaat oder das Pflanzen.

Die Pächter kümmern sich dann während der Saison um die weitere Pflege, die Ernte und bei Bedarf um die Nachpflanzung. Voraussetzung dabei ist, dass nach den Prinzipien der biologischen Landwirtschaft gearbeitet wird. Der Gemüsegarten deckt ein halbes Jahr lang ungefähr den Bedarf einer Familie.

Die Pächter profitieren voneinander: Beim gemeinschaftlichen Unkrautjäten oder Ernten lassen sich Erfahrungen austauschen und Wissen weitergeben. In aller Regel stehen auch die Landwirte, die die Flächen zur Verfügung stellen, zur Verfügung, wenn Ratschläge benötigt werden.

In größeren Selbsterntegärten beschränken sich die Aktivitäten nicht auf die Gartenbewirtschaftung allein. Vielmehr gibt es auch Gemeinschaftsveranstaltungen oder Vorträge.

Vorreiter Bamberg

Vorreiter in Sachen Selbsterntegarten ist in unserer Region Bamberg. Der erste Bamberger Selbsterntegarten hat seinen Platz auf einem etwa 1300 Quadratmeter großen Feld in der Bamberger Nordflur.

"Die Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner sind für jeweils eine der 30 bis 40 Parzellen verantwortlich. Während der Saison stehen bei Fragen rund um das Gärtnern immer erfahrene Fachleute bereit. So wie in Tennach ist auch in Bamberg die Initiative zu diesem Gartenprojekt von der örtlichen Transition-Gruppe ausgegangen.

Das Projekt ist mittlerweile auch Gegenstand eines Filmes. Der Dokumentarfilmer Christian Beyer hat die Entwicklung des Gartens sieben Monate lang mit der Kamera begleitet und daraus einen fast halbstündigen Film gemacht.

"Ernten, was man sät" hat im letzten Jahr bei den Bamberger Kurzfilmtagen in der Kategorie Regionalfilm den ersten Preis gewonnen.

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren