Kulmbach
Grenzerfahrung

Für einen Abschied in Würde

Hospizbegleiter stehen Menschen beim Weg vom Leben in den Tod zur Seite. Eine anspruchsvolle Aufgabe - aber auch eine, die sie erfüllt.
Artikel drucken Artikel einbetten
Dasitzen. Reden. Schweigen. Eine Hand halten: Hospizbegleiter sind für sterbende Menschen da.  Foto: Felix Kästle/dpa
Dasitzen. Reden. Schweigen. Eine Hand halten: Hospizbegleiter sind für sterbende Menschen da. Foto: Felix Kästle/dpa

Als Monika Philipp von jenem Moment erzählt, den sie "heilig" nennt, lächelt sie: Frühling sei es gewesen, die Sonne schien, der Wind habe die Vorhänge am Fenster gebauscht. "Es war ein großer Frieden im Zimmer." Ein heiliger Moment. Ein Moment, in dem ein Mensch gestorben ist.

Monika Philipp ist Hospizbegleiterin. Sie hat diesen Menschen über die Grenze vom Leben zum Tod begleitet. So, wie schon viele vor ihm und viele danach. Ihre selbst gewählte Aufgabe: Ein Leben würdig zu Ende gehen zu lassen.

Um die Würde bis zum Schluss ist es nicht gut bestellt, wie die 77-Jährige aus eigener Erfahrung weiß. Die gelernte Altenpflegerin hat oft genug erlebt, dass Angehörige völlig überfordert sind, dass das Personal in Kliniken oder Pflegeheimen zu viele Aufgaben hat. "Da hat niemand Zeit, sich hinzusetzen, eine Hand zu halten..."

Einfach da sein

Monika Philipp hat deshalb 1997 mit dazu beigetragen, den Kulmbacher Hospizverein zu gründen. Auch Karin Vonbrunn (66) war damals schon mit dabei. Auch ihr Engagement entwuchs aus beruflichen Erfahrungen. Sie hat in einer Einrichtung für behinderte Menschen gearbeitet: "Alte Männer und Frauen, viele aus der Kriegsgeneration, die niemanden hatten, der sich um sie kümmerte." Auch diese Menschen sollten, so wünschte sie es sich, nicht alleine sterben müssen. "Es ist so wichtig, einfach da zu sein."

Richard von Schkopp hingegen ist erst spät zum Hospizverein gestoßen. Hospizhelfer hatten in einer Zeit, in der von Schkopp beruflich nicht in Kulmbach tätig war, seine Mutter begleitet. Sehr dankbar sei er dafür gewesen, sagt der 67-Jährige heute. Wenig später habe er sich dem Hospizverein angeschlossen, habe 2015 die Ausbildung zum Hospizhelfer absolviert und das bislang nicht bereut. "Ich mache ja sonst viel mit Zahlen", so Richard von Schkopp, der sein Wissen als Bank-Experte in den Dienst etlicher Hilfsorganisationen stellt. "Die Hospiz-Arbeit ist was ganz anderes - und sie erfüllt mich sehr."

Begleiter auf dem Weg vom Leben zum Tod: Auch für geschulte Helfer ist das immer wieder eine Grenzerfahrung. "Man weiß nie, was passiert", sagt von Schkopp. Jeder Einsatz - die Helfer sprechen von "Begleitung" - sei anders und immer wieder neu, meinen Monika Philipp und Karin Vonbrunn. Vorbereitet fühlen sie sich gut: Alle Hospizhelfer durchlaufen eine mehrmonatige Ausbildung. Der theoretischen Schulung schließt sich ein praktischer Teil an. Erst dann sind die Helfer bereit für den Einsatz bei einem sterbenden Menschen.

Wer das sein wird, entscheidet der Zufall. Aber Käthe Goné redet dabei mit. Sie ist die Koordinatorin des Kulmbacher Hospizvereins. Wann immer bei ihr die Bitte von Angehörigen oder Mitarbeitern einer Klinik oder eines Heims ankommt, einem Menschen auf seinem letzten Weg zur Seite zu stehen, fragt sie Details ab: Alter, Art der Erkrankung, Vorlieben, Biographisches. Der Mensch, der auf seinen letzten Schritten begleitet wird, soll jemanden an seiner Seite haben, der zu ihm passt.

Persönliche Schicksale

Manche Begleitungen dauern Wochen oder gar Monate. Ein anderes Mal gibt es nur wenige oder nur eine einzige Begegnung vor dem Tod. Für die Hospizbegleiter bedeutet das, sich jedes Mal neu einstellen zu müssen auf die individuellen Gegebenheiten, auf die persönlichen Schicksale.

"Das könnte ich nie" hören die Hospizbegleiter oft. Sie selbst empfinden ihre Einsätze nur selten als traurig und nur in Ausnahmefällen als belastend. Natürlich gebe es Schicksale, die anrührend seien, sagen sie. Natürlich gehe es ihnen nach, wenn der Tod zu jemandem nicht leicht und leise kommt, sondern qualvoll und schmerzhaft. Und natürlich werde man sich bei jeder einzelnen Begleitung der eigenen Endlichkeit bewusst.

Aber: "Auch am Bett eines Sterbenden wird gelacht", sagt Richard von Schkopp. Manche Menschen hätten in ihren letzten Wochen, Tagen oder Stunden das Bedürfnis zu reden. Andere könnten leichter gehen, wenn jemand einfach bei ihnen sitze und schweige.

Was am besten ist, erspüren die Hospizhelfer dank der in der Ausbildung erlangten Professionalität. Wichtig sei es für sie, so Monika Philipp, sich vorzubereiten und den Alltag abzulegen, bevor sie ein Sterbezimmer betrete. Das geschehe durch einen Moment des Innehaltens oder ein kurzes Gebet. Richard von Schkopp ergänzt, dass ihm auch ein guter Abschluss einer jeden Begleitung wichtig sei. "Deswegen gehe ich immer auch zur Beerdigung."

Selten einmal kommen die Einsätze Schlag auf Schlag. Pausen sind wichtig: Zur Ruhe kommen. Aufwühlendes, vor dem auch die Professionalität nicht schützt, setzen lassen. Fünf bis sechs Begleitungen pro Jahr - das genügt.

Nicht alles läuft glatt

Wer mag, kann das Angebot des Hospizvereins zur Supervision nutzen. Darunter versteht man Gespräche mit psychologisch geschulten Fachkräften, die das Ziel haben, sich des eigenen Handelns bewusst zu werden. In solchen Gesprächen kommt vieles auf den Tisch: Der Ärger über manche Angehörige, die am Bett eines Sterbenden über diesen hinweg schon über Erbschaftsfragen diskutieren. Das Unverständnis darüber, dass Angehörige oder Pflegepersonal die Hospizhelfer bisweilen mit Hilfspflegern verwechseln. Die Tatsache, dass es manchmal eben doch nicht so gepasst hat mit der Chemie zwischen Hospizbegleiter und dem sterbenden Menschen. Auch bei Sterbebegleitungen läuft eben nicht immer alles glatt.

Sie bereuen es nicht

Trotz gelegentlicher Widrigkeiten: Bereut haben Monika Philipp, Karin Vonbrunn und Richard von Schkopp ihren Entschluss, Sterbende zu begleiten, nie. Einem Menschen einen würdigen Tod bereiten zu können, sei eine Gabe, sagen sie.

Und wenn das dann gelingt und der Moment des Todes ein friedlicher und heiliger ist - dann ist ein Lächeln durchaus angemessen.

Hospizbegleiter werden - hier gibt es Informationen

Der Hospizverein wurde 1997 gegründet. Er hat zurzeit 377 Mitglieder und verfügt über 59 aktive Hospizbegleiter. Das Angebot ist kostenlos und konfessionell unabhängig.

Begleitungen Im Jahr werden etwa 60 bis 70 Begleitungen abgeschlossen, zurzeit laufen etwa 30.

Nachfrage Die Nachfrage nach Hospizbegleitungen steigt und etliche langjährige Begleiter und Begleiterinnen scheiden aus dem aktiven Dienst aus. Deswegen wünscht sich der Hospizverein neue aktive Hospizbegleiter.

Schulung Die nächste Schulung findet 2020 statt. Sie beginnt am 3. Februar um 18 Uhr. Anmeldungen sind ab sofort im Hospizbüro möglich (Kontaktdaten siehe rechts).

Informationsabend Für alle Interessenten findet am 20. Januar um 19 Uhr im Burggut in der Waaggasse 5 (1. Stock) ein Informationsabend statt. Die Teilnahme ist völlig unverbindlich.

Kontakt Hospizverein Kulmbach, Waaggasse 5 (Burggut), 1. Stock, Telefon 09221/924739, mobil 0172/8516096, Fax 09221/924618, Mail: kontakt@hospiz-kulmbach.dered

Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren