Neudrossenfeld

Fracking-Gas aus der Heimat: ein Teufelszeug?

Das Bündnis "Abgefrackt" will verhindern, dass eine Erkundungslizenz im Weidener Becken in die Förderung von Schiefergas mittels Chemiekeule mündet. Sprecherin Dagmar Keis-Lechner informierte über die Auswirkungen für Neudrossenfeld.
Artikel drucken Artikel einbetten
"Abgefrackt" nennt sich das "Weidener Bündnis gegen Frakcing". Fotos: Jochen Nützel
"Abgefrackt" nennt sich das "Weidener Bündnis gegen Frakcing". Fotos: Jochen Nützel
+2 Bilder
Die Demonstration war medienwirksam inszeniert: Mitarbeiter des Konzerns Exxon Mobile haben sich ein Schnapsgläschen gegönnt - aber nicht aus irgendeiner Pulle, sondern aus der Karaffe mit der neuesten Fracking-Flüssigkeit. Hoch die Tassen auf die angebliche Ungefährlichkeit des Che mie-Cocktails zur Gasgewinnung.
Dagmar Keis-Lechner können solche Bilder nicht überzeugen. Die Grünen-Kreisrätin aus Kulmbach und Oberfrankens Sprecherin im Bündnis "Weidener Becken gegen Fracking" (siehe Infokasten) redet von fast 600 Bestandteilen auch aus dem Chemiebaukasten, die nötig sind, um in Tateinheit mit Wasser und Sand unter Hochdruck Erdgas aus tiefen Gesteinsschichten zu pressen. Das Verfahren Hydraulic Fracturing oder kurz Fracking hat in den USA einen Energieboom ausgelöst.
Findet der womöglich bald auch vor unserer Haustür seine Fortsetzung?

Eine Erkundungslizenz für unkonventionell zu erschließende Gasvorkommen ist bereits erteilt, wie Keis-Lechner bei einer Informationsveranstaltung des Bündnisses am Dienstagabend im Neudrossenfelder Bräuwerck erläuterte. Im Norden lappt das Areal, das der deutsche Ableger des britischen Unternehmens Rose Petroleum untersuchen darf, auf Neudrossenfelder Gemeindegebiet. Die Erlaubnis dazu erteilte das bayerische Wirtschaftsministerium - dank mehrheitlicher Zustimmung der CSU-Landtagsabgeordneten.

"Wer hier als Unternehmen mit großem Geldeinsatz sucht und etwas findet, der will das dann auch rausholen aus dem Boden", ist sich die Bündnis-Sprecherin sicher. Und sieht damit die Büchse der Pandora geöffnet. Eine Resolution an den bayerischen Landtag gegen das Fracking-Verfahren ist bereits gestellt, sagt Keis-Lechner, aber noch nicht behandelt worden. "Die Konsequenzen für die Umwelt sieht man in den USA: Vor allem die Gefährdung des Trinkwassers durch die toxischen Stoffe im Fracking-Fluid ist nicht abschätzbar, und unseren Schatz sauberes Wasser sollten wir niemals gefährden."

Vorschlag: Bergrecht ändern

Die Krux: Wer bestimmt letztlich darüber, wo im Ernstfall gefrackt werden dürfte? Die Fracking-Gegner sind sich einig: Nur eine gesetzliche Änderung des Bergrechts, das bundesweit gilt, kann explizit ein Verbot der umstrittenen Fördermethode bewirken. Schleswig-Holstein hat bereits einen entsprechenden Antrag in den Bundesrat eingebracht. "Dem sollte sich Bayern anschließen", betont Dieter Schaar (Freie Wähler). Der stellvertretende Landrat sei in seiner Amtszeit als Neudrossenfelder Bürgermeister nicht über die Lizenzvergabe aus München unterrichtet worden. "Die Infopolitik war mies, das muss man sagen. Jetzt ist Ministerpräsident Horst Seehofer gefragt, sich klar von jedweden Frackingabsichten im Freistaat zu distanzieren."

"Die Staatsregierung und auch Umweltministerin Ulrike Scharf haben das bereits deutlich getan und der Förderung mittels einer Giftmixtur eine klare Absage erteilt", entgegnet Schaars Nachfolger im Rathaus, Harald Hübner. Der CSU-Mann sieht in der Erkundung jedoch zunächst auch eine Möglichkeit für den Freistaat und die Bundesregierung herauszufinden, was an möglichen Schätzen im Boden schlummert. "Noch steht überhaupt nicht fest, dass die Briten im oberfränkischen Untergrund etwas Verwertbares finden. Und wenn, dann ist das Wissen darum erst einmal kein Nachteil. Wir müssen die Roh- oder Brennstoffe ja nicht ausbeuten. Aber vielleicht kommen Zeiten, in denen wir froh sind, wenn uns bekannt ist, wo genau wir auf welche Vorräte zugreifen können - dann freilich mit Methoden, die unbedenklich sein müssen."

Was passiert in Grafenwöhr?

Hübner selber bringt einen interessanten Aspekt in die Diskussion: "Mitten im Erkundungsareal Weidener Becken liegt Grafenwöhr mit dem Truppenübungsplatz der Amerikaner. Wie verhält es sich denn rein rechtlich mit diesem Gebiet? Ist das so eine Art exterritoriale Grauzone? Und wer könnte da reinschauen, wenn die Amerikaner einen Bohrturm errichten?"

Das Recht am eigenen Grund und Boden bringt Dagmar Keis-Lechner ins Spiel für den Fall, dass eines Tages eine Firma nach Gas fracken will. Eine Teilnehmerin der Veranstaltung fragt sich, ob Privatleute die Firmenmitarbeiter überhaupt auf ihre Grundstücke lassen müssen? "Das braucht es nicht unbedingt", führt der frühere Grünen-Kreisrat Alexander Philipp ins Bohrfeld. "Die Technik erlaubt es, hunderte Meter unterhalb quasi quer zu bohren. Die stellen oberhalb ihren Bohrturm hin - und unten müssen sie keine Privatperson um Genehmigung bitten."
Philipp sieht im Fracking-Boom noch eine andere Gefahr: "Es wäre das Auf-den-Kopf-Stellen der Energiewende. Dabei haben wir eine bewährte Methode, seit über 100 Jahren bekannt und ausgereift, unseren Bedarf an Energie zu decken - aber darüber wird kaum gesprochen: die Methanisierung." Dabei wird unter Einsatz überschüssigen Stroms aus Windkraftanlagen Kohlenstoffmonoxid oder -dioxid aus der Atmosphäre in Methan umgewandelt. "Wir reden hier von Windgas - das sich speichern lässt und für das kein Boden auf Jahhunderte verseucht werden muss."

Für ein klares Nein aus dem Landtag

Organisation Vertreter verschiedener Organisationen aus Oberfranken und der Oberpfalz haben eine gemeinsame Initiative gegen Fracking im Weidener Becken (siehe unten) mit dem Zusatz "Abgefrackt" gegründet. Ziel ist es, ein generelles gesetzliches Verbot durchzusetzen. Unterstützung erfährt "Abgefrackt" durch den Bund Naturschutz sowie diverse Parteien wie SPD, Grüne, Linke und die Piratenpartei.

Petition Im Juli startete das Bündnis eine Petition an den bayerischen Landtag. Einer im Juli gestarteten e-Petition im Internet (www.change.org) haben sich mehr als 57.000 Bürger angeschlossen und damit ihr Nein zum Fracking bekundet.

Kommentare (1)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren