Thurnau
Interview

Förster Peter Nützel: "Der Kontakt mit Menschen war mir wichtig"

Nach 40 Jahren Dienstzeit geht der Thurnauer Förster Peter Nützel (65) in den Ruhestand.
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Adriane Lochner
Adriane Lochner
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Seit 1978 betreute Peter Nützel mehr als 1800 Waldbesitzer in den Gemeinden Neudrossenfeld, Thurnau, Wonsees und Kasendorf mit rund 5000 Hektar Privatwald. Jetzt blickt er zurück auf spannende und lehrreiche Momente und verrät das große Geheimnis der Privatwaldberatung.

Warum sind Sie Förster geworden?

Peter Nützel: Mein Vater war Jäger. Schon in jungen Jahren habe ich mich für die Natur interessiert und ihn oft begleitet. Forstwirtschaft habe ich in Weihenstephan studiert und meine Anwärterzeit in der Oberpfalz gemacht. Zu der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass ich in die Beratung will. Der Kontakt mit Menschen war mir wichtig. Während es beim Staatswald eher um betriebswirtschaftliche Aspekte geht, steht beim Privatwald der Mensch vorne dran. Man sieht jeden Tag neue Gesichter. Dass die Stelle beim Forstrevier Thurnau meine erste und meine letzte sein wird, hätte ich damals nicht gedacht.

Was war früher anders als heute?

Früher gab es in den einzelnen Dörfern viele Haupterwerbslandwirte. Da konnte man tagsüber einfach auf dem Hof vorbeischauen. Die Milchbauern waren früh morgens immer an der Milchsammelstelle. Wenn ich also zum "Milchhäusla" gefahren bin, konnte ich gleich sieben oder acht Waldbesitzer auf einmal treffen. Heute gehen viele einem anderen Beruf nach. Tagsüber sind sie zu Hause kaum zu erreichen. Jetzt muss man einen Termin ausmachen, vorher anrufen oder E-Mails schreiben. In den letzten Jahren habe ich mehr Zeit am Schreibtisch zugebracht als früher.

Hat sich die Einstellung der Menschen zum Wald verändert?

Die Zeit, die für den Wald zur Verfügung steht, ist heute weniger geworden. Viele Waldflächen wurden bereits an die nächste Generation vererbt. Einige der jungen Leute sind schwer anzusprechen, weil sie nicht mehr in der Region wohnen. Nach dem Motto "Wald frisst nix" werden die Flächen oft stiefmütterlich behandelt und nur noch das Nötigste gemacht. In den letzten zehn Jahren haben wir uns mit der Frage beschäftigt: Wie erreichen wir die Waldbesitzer? Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten hat das Bildungsprogramm Wald ins Leben gerufen, ein Intensivkurs für Waldbesitzer. Die Waldbesitzervereinigung bietet mittlerweile an, die Bewirtschaftung über sogenannte "Waldpflegeverträge" komplett zu übernehmen.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Die Ausbildung des Nachwuchses lag mir immer am Herzen. In meiner Dienstzeit habe ich 17 Forstanwärter betreut. Ich freue mich, dass sie beruflich gut untergekommen sind. Außerdem finde ich es großartig, dass viele Waldbesitzer an die Zukunft denken. Die Fichte allein ist dem Klimawandel nicht gewachsen. Die meisten haben das mittlerweile verstanden und pflanzen mehr Laubholz an. Im Moment sind wir etwa bei 60 Prozent. Mein Ziel war es immer, eine Bewegung in diese Richtung anzustoßen. Wenn ich heute auf die Revierkarte schaue, sehe ich rund 2000 Flächen, die wir aufgeforstet haben mit Bergahorn, Buche, Eiche oder Linde. Diese Flächen können sich nun selbstständig verjüngen... wenn sie dürfen. Damit haben wir eine gute Grundlage für die Zukunft geschaffen.

Was hätte man anders machen können?

Ich habe 40 Jahre lang dazugelernt. Wenn etwas nicht funktioniert, muss man seine Strategie verändern. Ein Beispiel sind Umzäunungen für Flächen mit Jungbäumen. Anfangs haben wir mit Zaungrößen von bis zu zwei Hektar gearbeitet. Die sind unmöglich dicht zu halten. Wildschweine heben den Zaun hoch. Hasen und Rehe schlüpfen durch. Zaungrößen zwischen 0,3 und 0,4 Hektar sind ideal. Ein anderes Thema sind die Grundstücksgrenzen im Wald. Die verlaufen meist sehr unregelmäßig und das alte Wissen der Großväter geht verloren. Die Feststellung von Waldgrenzen wird künftig eine Herausforderung.

Sie waren fast jeden Tag im Wald unterwegs. Ist Ihnen je langweilig geworden?

Auf gar keinen Fall. Ich habe jeden Tag die verschiedensten Leute getroffen, Waldbesitzer, Gemeindewaldarbeiter oder Wanderer. Ich habe mehrmals die Polizei bei Suchaktionen unterstützt, Pistolen und Gewehre gefunden und vor etwa 25 Jahren sogar ein menschliches Skelett. Alle paar Jahre gab es waldbauliche Katastrophen wie der schwere Schneebruch im Winter 1980/81, bei dem reihenweise junge Fichtenbestände umgebrochen sind. Nach dem Jahrhundertsommer 2003 waren wir fünf Jahre mit dem Borkenkäfer beschäftigt. Solche Extremereignisse haben sich in den letzten Jahren verdichtet. 2018 war käfermäßig bisher das schlimmste Jahr. Langweilig war es also nie.

Was planen Sie für Ihren Ruhestand?

Ich habe mir vorgenommen, mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen, öfters mit meiner Frau zu verreisen und mit meinen sechs Enkelkindern zu spielen. Unseren Garten sehe ich als neue Herausforderung. Da gibt es viel zu tun. Ehrenamtlich bin ich seit 30 Jahren im Kirchenvorstand aktiv. Darüber hinaus möchte ich mich in Sachen Naturschutz weiterbilden und öfters an Exkursionen teilnehmen.

Was raten Sie Ihrem Nachfolger?

Ein Forstrevier übergibt man nicht wie eine Karteikarte. Jeder muss eigene Erfahrungen machen. Wichtig ist zu verstehen, dass es den typischen Waldbesitzer nicht gibt. Jeder ist anders gestrickt. Ich frage grundsätzlich, was der- oder diejenige beruflich macht und wie viel Zeit für die Waldarbeit bleibt. Es gilt, individuelle Lösungen zu finden. Und, ganz wichtig: Als Förster darf man nie das Auge verlieren für die Schönheit der Natur. Immerhin haben wir das exklusive Vorrecht in einer der schönsten Ecken der Welt zu arbeiten.

Ein letzter Appell an Ihre Waldbesitzer?

Dranbleiben! Aktiv bleiben, selbst gestalten! Bewirtschaftet euren Wald, zeigt Interesse und holt euch Rat. Die Förster helfen gerne weiter.

Der Nachfolger

Peter Nützels Nachfolger ist der Diplom-Forstingenieur Fabian Kowollik (30). Er stammt aus Lindau am Bodensee und lebt seit drei Jahren in Oberfranken. Eineinhalb Jahre hat er bei der Waldbauernvereinigung Hollfeld gearbeitet und ist vergangenes Jahr zum Amt für Landwirtschaft und Forsten gewechselt. Seit Oktober unterstützt er Peter Nützel bei seiner Arbeit als Revierleiter und wird nun übernehmen.

Am 1. März öffnet die neue Dienststelle der Forstverwaltung am Rathausplatz 2 in Thurnau im 2. Stock über Sparkasse, Volkshochschule und Schlosstheater. Bis dahin ist der neue Revierförster unter der E-Mail-Adresse fabian.kowollik@aelf-ku.bayern.de oder der Telefonnummer: 0160 7131634 zu erreichen.

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