Kulmbach
Projekt

Flüchtlinge machen ihre eigene Zeitung

Die erste "Buntschau" ist fertig: 32 Seiten, die unter der Regie des Literaturvereins und Uschi Prawitz entstanden sind.
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Die erste "Buntschau" ist fertig: Ehrenamtlichen-Koordinatorin Heike Söllner, Landrat Klaus Peter Söllner, die Leiterin der Schreibwerkstatt Uschi Prawitz, Asylbewerber Tahir Elhami (21) aus Afghanistan und die Vorsitzende des Literaturvereins Karin Minet freuen sich über das Druckwerk. Als nächstes soll ein Buch verwirklicht werden.
Die erste "Buntschau" ist fertig: Ehrenamtlichen-Koordinatorin Heike Söllner, Landrat Klaus Peter Söllner, die Leiterin der Schreibwerkstatt Uschi Prawitz, Asylbewerber Tahir Elhami (21) aus Afghanistan und die Vorsitzende des Literaturvereins Karin Minet freuen sich über das Druckwerk. Als nächstes soll ein Buch verwirklicht werden.
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Tahir Elhami (21) kam vor vier Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Er hat das Berufliche Schulzentrum in Kulmbach besucht und Sprachkurse finanziert bekommen. Doch trotzdem hat er sich nicht getraut, auf die Menschen zuzugehen. "Als ich Tahir kennengelernt habe, war er total stumm. Er hat nur zwei Sätze gesprochen", erzählt seine Sprachpatin Brigitte Binder. Der Junge wollte Kontakt zu Menschen, das gelang ihm aber nur schwer.

Über die Schreibwerkstatt "Grenzenlos" fand er ein bisschen Anschluss an Menschen mit Zeit. "Tahir ist jetzt viel weltoffener geworden. Er hat seine Sprache verbessert und er hat gelernt, sich reden zu trauen", sagt Binder. In der Schreibwerkstatt "Grenzenlos", die Uschi Prawitz ehrenamtlich leitete, hat Tahir einen langen Artikel erstellt. Er hat Satz für Satz mit seiner Sprachpatin gemeinsam erarbeitet - und er ist sichtlich stolz, dass er es geschafft hat, so viel zu Papier zu bringen. "Aber wir haben ein Jahr dafür gebraucht", erklärt Binder.

Der Artikel von Tahir Elhami ist nur einer von vielen. 32 Seiten dick ist die erste "Buntschau", die unter der Regie des Literaturvereins entstanden ist. Die "Buntschau" ist eine Zeitung, von Flüchtlingen für Flüchtlinge und interessierte Menschen. Sie wurde auf Recycling-Papier gedruckt. "Mit Zuschüssen des Landratsamtes haben wir ein tolles Werk erarbeitet", zieht Projektleiterin Uschi Prawitz Bilanz. "Ich bin dankbar für die Begegnungen und Freundschaften."

"Hochinteressante Lektüre"

Stattgefunden hat die Schreibwerkstatt im Mehrgenerationenhaus in Mainleus. Dort trafen sich die Flüchtlinge mit Sprachpaten. Und gemeinsam und durch intensive Arbeit stellten sie dann die Zeitung fertig. Für das Layout zeichnete Beate Oehrlein, selbst Sprachpatin, verantwortlich. "Die Zeitung ist eine hochinteressante Lektüre. Sie erzählt Lebensgeschichten", sagt Landrat Klaus Peter Söllner.

Die Sprachpaten waren für die jungen Flüchtlinge eine echte Bereicherung: Sie gaben ihnen Halt. Sie schenkten ihnen Kontakt und Zeit. "Der Austausch stand im Mittelpunkt", betonte auch die Vorsitzende des Literaturvereins Karin Minet.

Noch ist er scheu

Bei der Präsentation der "Buntschau" waren drei Mitglieder der Schreibwerkstatt zugegen. "Damals in Mainleus, wenn ich jemand gegrüßt habe, ist keine Antwort gekommen. Das tut weh", erinnerte sich Malik Jawad Rashid aus Pakistan an seine Anfänge. "Nirgends ein Einkaufszentrum, nur Aldi. Wenn du hier niemanden hast, musst du ein bisschen raus, dann gehst du in ein Einkaufszentrum, weil da Abwechslung ist und Menschen sind. Und jetzt, wenn ich etwa nach München gehe, will ich sofort wieder nach Mainleus zurück - ohne Spaß: Wenn ich in Mainleus bin, kann ich durchatmen", schreibt Malik Jawad Rashid in seinem Artikel. Bei der Präsentation der Zeitung hat er sich allerdings nicht getraut, seinen Text selbst vorzutragen. Genau wie Tahir Elhami hat er noch Scheu.

Mehr Mut dagegen bewies Ehsan Sakhizada aus Afghanistan. Er hat eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer gemacht und hat in der Zeitung gleich mehrere seitenlange Artikel veröffentlicht. Immer ist sein Aufenthalt ein Thema. "Ich soll nach Afghanistan zurückgeschickt werden. Mein Asylantrag ist abgelehnt. Aber es ist völlig ungewiss, wann ich abgeschoben werde. Das schon macht mich krank. Aber dass ich nicht arbeiten darf, dass ich nicht gebraucht werden, ist für mich noch schlimmer", schreibt der 21-Jährige. Als Sprachpatin hatte er Corinna Sonja Stenzel. Sie ist stolz, dass ihr Schützling seinen Text flüssig lesen kann.

Die Zeitung "Buntschau" wird als Beilage der Bayerischen Rundschau beigelegt. Und sie soll nicht das einzige Projekt der Schreibwerkstatt "Grenzenlos" sein. Als nächstes möchte Uschi Prawitz gemeinsam mit dem Literaturverein ein literarisches Themenbuch mit Flüchtlingen erstellen. Landrat Klaus Peter Söllner und der Integrationsbeauftragte des Landkreises Peter Müller sowie die Koordinatorin der Ehrenamtlichen Heike Söllner sagten ihre Unterstützung zu. Manfred Ströhlein freute sich, dass bei der Präsentation der ersten "Buntschau" auch Fotos mit Gedichten im Mehrgenerationenhaus in Mainleus gezeigt werden konnten.

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