Laden...
Kulmbach
Mobilität

Fahrlehrer-Mangel: Wenn keiner mehr schult

Die Zahl derer, die Fahranfängern richtiges Verhalten im Straßenverkehr beibringen, wird immer kleiner, sagen Harald Ködel und Jörg Garzke.
Artikel drucken Artikel einbetten
Fahrschulen suchen händeringend Fahrlehrer.dpa
Fahrschulen suchen händeringend Fahrlehrer.dpa

Diesen Fachkräftemangel haben wohl die wenigsten auf dem Schirm - dabei dreht er sich mittelbar um des Deutschen (fast) liebstes Kind: das Auto. Wer fahren will, ob auf zwei oder vier (und mehr) Rädern, der braucht dazu eine Erlaubnis, genannt Führerschein. Vor die Prüfung haben die Götter der Mobilität die theoretische wie praktische Ausbildung gesetzt. Keine Übungen ohne Übungsleiter, sprich Fahrlehrer. Doch diesen Job wollen offenbar immer weniger machen.

"Der Mangel ist in Kulmbach angekommen", sagt Harald Ködel, Fahrlehrer und seit 1992 selbstständiger Inhaber einer Fahrschule. Und er macht folgende Rechnung auf. "Ich selber, mittlerweile 57 Jahre alt, biete alle Fahrklassen an und und habe zwei weitere Fahrlehrer fest angestellt - die sind aber auch schon 53. Die Masse ist älter, Junge in dem Beruf sind eher Mangelware. Ich könnte sofort einen in Vollzeit einstellen, das würde mir mehr Freiräume schaffen für die anderen Dinge, die ich in der Firma zu erledigen habe." Doch die Frage, die ungestellt im Raum steht: Woher diese zusätzliche Kraft nehmen?

Die Zahlen decken sich mit den Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fahrlehrerausbildungsstätten. Derzufolge sind allein in Bayern 1200 Fahrlehrer weniger verzeichnet als noch vor zehn Jahren, insgesamt gelistet sind demnach noch rund 9000. Der Verband zieht hier Vergleiche mit der Situation bei den Hausärzten, spricht von einer Überalterung und der Tatsache, dass es an Nachwuchs auf breiter Fläche mangele. Angeblich haben 60 Prozent aller Fahrschulen in Bayern mit dieser Problematik zu kämpfen, dass mindestens ein Kollege/eine Kollegin in der Ausbildung fehlten.

Zur "Überalterung" sagt die Statistik: Annähernd 50 Prozent aller, die vorwiegend Fahranfängern zur Seite sitzen, ist 55 und älter, ein Siebtel sogar jenseits der 66. Dazu gehört Günther Ott, einst selber Eigner einer Fahrschule, der nun für die Fahrschule Lang fährt. Für deren Inhaber Jörg Garzke ist Ott "ein Glücksfall". "Ohne solche Leute, die mit Leidenschaft dabei sind, obwohl sie schon den Ruhestand genießen könnten, wäre es schwierig, den Betrieb am Laufen zu halten", sagt der 55-Jährige.

Dass die "Alten" nicht aufhören, liege auch am Spaß, den der Job bereite, betont Harald Ködel. "Langweilig wird es garantiert nicht. Ich selber liebe die Abwechslung. Und wer kann schon während der Arbeitszeit Motorrad fahren?"

Ein Job für Quereinsteiger

Das Gesetz sieht vor, dass ein Fahrlehrer mindestens 21 Jahre sein und einen abgeschlossenen Beruf oder Abitur/Studium vorweisen können muss. "Es gibt in meiner Branche also de facto nur Quereinsteiger oder Umschüler wie mich." Harald Ködel selber war Kfz-Mechaniker, insofern nicht ganz fachfremd. "Ich überlegte damals, ob ich die Meisterprüfung anhänge. Aber das dauerte ewig und da kam die Fahrlehrerausbildung gerade recht." Seine hat er an der Ausbildungsstätte in Nürnberg absolviert. Mittlerweile dauert die "Lehre" zwölf Monate.

Bis vor wenigen Jahren spülte die Bundeswehr noch jede Menge Fahrlehrer auf den Markt. "Sie hat uns sozusagen recht kurzgehalten, weil sie auch jede Menge Lastwagenfahrer ausgebildet hat. Das tut sie nun praktisch gar nicht mehr", sagt Ködel. Die Folge: "Jetzt kommen die, die Fahrer werden wollen, zu uns." Da wird es bei dünner Personaldecke schnell eng.

Was die Politik tun könnte, um die Situation zu entschärfen? Jörg Garzke sieht dringenden Handlungsbedarf, was den Einstieg in den Beruf angeht. "Es würde uns sehr helfen, den Fahrlehrer als normalen Ausbildungsberuf einzurichten, dann könnten Interessierte auch gleich nach der Schule bei uns anfangen." Ein Problem: die Arbeitszeiten. "Es stimmt, wir müssen halt auch abends und am Wochenende bereitstehen, arbeiten also nicht selten dann, wenn andere frei haben. Ein Ansatz wäre: Bis maximal 20 Uhr - länger hat ein Supermarkt ja auch nicht offen."

Geänderte Voraussetzungen

Für Harald Ködel ist bei den jüngsten Reformen zumindest einiges in die richtige Richtung angeschoben worden. Dass etwa der Lkw-Schein keine Pflichtvoraussetzung mehr ist, habe den Zugang für Neulinge immerhin erleichtert. Jörg Garzke sieht das wiederum mit gemischten Gefühlen. "Da geht auch viel Wissen verloren. Ein Fahrlehrer muss nach meinem Dafürhalten alle Verkehrsteilnehmer bedienen können und demzufolge auch aus eigener Erfahrung einschätzen können, mit welchen Problemen und Herausforderungen Motorrad- und Lastwagenfahrer konfrontiert sind."

Die Kosten sind ein Faktor

Weiteres Hemmnis: die Kosten. Fahrlehrer zu werden, ist nicht billig. Darin sieht Jürgen Kopp, Vorsitzender des Landesverbands Bayerischer Fahrlehrer, ein grundlegendes Problem. Sinnvoll sei es, den Zugang zu Fördertöpfen zu erleichtern, um die finanzielle Belastung für die Anwärter zu mindern. "Am Münchner Verkehrsinstitut kostet so eine Ausbildung 11700 Euro. Immer mehr Fahrschulen übernehmen die Gebühren ganz oder teilweise."

Fördermöglichkeiten gebe es, beispielsweise das Aufstiegs-BAföG oder Bildungsgutscheine der Arbeitsagentur. Ein weiterer Anreiz, so Kopp, seien die Verdienstmöglichkeiten. Mit 200 Unterrichtseinheiten im Monat könne man auf 3600 Euro brutto kommen. Das Gehalt sei deutlich besser als vor zehn Jahren. Das kann Harald Ködel bestätigen. "Der Verdienst ist vergleichbar dem eines Handwerkers."

Und die Belastung? "Manchmal ist der Stress schon spürbar", sagt Ködel. Die Fahrschülerzahlen seien deutlich gestiegen - nicht zuletzt wegen der Zuwanderer, von denen viele den Führerschein wegen ihrer Arbeitsstelle brauchen. "Da ist vor allem bei älteren Menschen die Sprachbarriere ein Problem. Hinzu kommt: Viele stammen aus Ländern, in denen es kaum Verkehr gibt und schon gar keinen vergleichbaren mit einem Autoland wie Deutschland."

Das Verkehrsaufkommen selber habe nochmals deutlich angezogen. "Jetzt gibt es so gut wie keine Straße mehr ohne Gegenverkehr. Das muss man als Fahrschüler und -lehrer aushalten können."

"Ja, der Fahrlehrermangel ist real", bestätigt Michael Möschel. Der Geschäftsführer der Verkehrsakademie Kulmbach macht die Entwicklung an mehrerem Punkten fest. "Dass die Situation so ist, rührt insbesondere daher, dass über Jahrzehnte der Bedarf durch Bundeswehrfahrlehrer gedeckt worden ist. Das fiel weg." Zuletzt seien auch die Anforderungen an die Ausbildung eines Fahrlehrers gestiegen. "Es ist mit der einjährigen Grundausbildung nicht getan: Es gehören Schulungen dazu, Hospitanzen und mehr. Das freilich steigert wiederum die Kosten." Fahrlehrer seien zuletzt von vielen Förderungen für Weiterbildungen ausgeschlossen gewesen, sagt Möschel. "Das hat sich mittlerweile geändert, jetzt gibt es wieder Unterstützungen vergleichbar dem Meister-Bafög."

Dennoch bleibt als Problem, dass angehende Lehrer über einen Zeitraum von zwölf Monaten quasi ohne Einkommen sind. "Es sei denn, der Bewerber findet eine Fahrschule, die ihn während der Ausbildung über Wasser hält und anschließend fest einstellt." Eine Alternative sähe Möschel in der Einführung einer Berufsfachschule, "ähnlich wie in anderen Mangelberufen wie der Altenpflege". Dort findet die komplette Ausbildung statt. "Mit dem Vorteil, dass die fertigen Kräfte sofort loslegen könnten."

Dieser Vorschlag aber sei "weit weg vom politischen Willen zur realen Umsetzung", bedauert Möschel. Aber: "Wer Mobilität will, muss eine ordentliche Fahrlehrerausbildung gewährleisten." Die Akademie selber betreibt seit 1994 eine solche Ausbildungsstätte in Zella-Mehlis mit dem Einzugsbereich für Nordbayern, Thüringen und Westsachsen.jn

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren