Kulmbach
Entdecker-Tour (145)

Es gab sie einmal, die jungen Wilden vom Kulmbach Rehberg

Am Kulmbacher Rehberg machten sich in den 30er Jahren mutige Männer mit ihren fliegenden Kisten auf den Weg. Jugendliche halfen ihnen.
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Während hinten drei bis vier Jungen den Segler am Leitwerk festhielten, rannten fünf Mann je Gummiseil den Hang hinunter. Foto: privat
Während hinten drei bis vier Jungen den Segler am Leitwerk festhielten, rannten fünf Mann je Gummiseil den Hang hinunter. Foto: privat

"Ich wollt', mir wüchsen Flügel", dichtete einst Joseph Victor von Scheffel, der Schöpfer des Frankenliedes. Er beschrieb damit den immerwährenden Traum der Menschen, wie ein Vogel fliegen zu können.

Ein Abenteuerspielplatz

Am höchsten Punkt des Rehbergs, der Platte, befand sich in den 1930er Jahren ein Startplatz für Segelflugzeuge. Heute ist dort alles bewaldet, nichts erinnert mehr an den einstigen Abenteuerspielplatz der Kulmbacher Jugend.

Zu jener Zeit gab dort eine größere Freifläche und eine breite Schneise im Wald in Richtung Kessel. Dort lehrte die Luftsport-Landesgruppe Kulmbach den Umgang mit Fluggeräten. Für die ohne Smartphone, Computer und Fernseher aufwachsende Jugend war das eine riesige Attraktion.

In Einzelteile zerlegt

An den Wochenenden herrschte rege Betriebsamkeit. Es war sehr beschwerlich, die Fluggeräte auf den unebenen und engen Wegen hoch zum Startplatz zu bringen. Wenn es die Örtlichkeit erlaubte, nutzten die Gruppen dazu Autos mit eigens dafür gebauten Anhängern.

Darauf verluden sie die zerlegten Geräte. Oben angekommen, dauerte es nicht lange, bis die geübten Hände der Helfer alles wieder zusammengebaut hatten.

Am Gummiseil den Hang hinunter

Samstags und sonntags waren immer vier bis fünf Segelflieger am Himmel. Dazu kam eine größere Menge an Buben und Jugendlichen, die gebraucht wurden, um diese in die Luft zu bringen.

Am Startplatz befand sich eine fest am Boden verankerte Eisenschiene, die einer schmalen Rutsche glich. Sie diente als Führungsschiene für das Fluggerät. Vorne am Rumpf des Fliegers waren zwei lange Gummiseile befestigt. Während hinten drei bis vier Jungen den Segler am Leitwerk festhielten, rannten fünf Mann je Gummiseil den Hang hinunter.

Wenn die Gummiseile die richtige Spannung hatten, konnten die Jungs am Heck loslassen, das Fluggerät wurde wie von einem Katapult in die Luft geschleudert.

Jubel nach jedem Start

Der Pilot musste die beiden Seile beim Erreichen der richtigen Höhe ausklinken, und das Bodenpersonal rollte sie wieder ein, jedoch nicht, ohne zuvor den geglückten Start bejubelt und den Piloten applaudiert zu haben. Letztere galten als "Helden der Lüfte", die sich etwas trauten. "Wer fliegen will, muss den Mut haben, den Boden zu verlassen" galt als Leitspruch der jungen Segelflieger.

Dass so ein Flug nicht nur von kurzer Dauer war, belegen die Berichte von Fliegern wie Heinrich Schauer und Erich Ludwig. Beide stellten einen Rekord nach dem anderen auf. Schauer gelang im April 1939 der weiteste Flug von der Rehberg-Platte bis ins 135 Kilometer entfernte Chemnitz. Er erreichte dabei eine Flughöhe von 1800 Metern und legte die Strecke in zwei Stunden und elf Minuten zurück.

Schauer hatte sich dafür einen geschlossenen Segelflieger von den Bayreuther Freunden ausgeliehen. Einen weiteren Rekord stellte er im Mai 1938 auf, sein Flug dauerte diesmal fünf Stunden und 18 Minuten.

Hornschuch spendet Preis

Der Spinnerei-Direktor und Geheimrat Fritz Hornschuch hat die Segelflieger sehr unterstützt. Er stiftete den Geheimrat-Hornschuch-Preis für den längsten Flug, den Schauer gewinnen konnte. Sein Rekord hielt aber nur zwei Jahre. 1940 blieb Erich Ludwig über acht Stunden und 30 Minuten in der Luft.

Als Landeplatz dienten, je nach Wind, die Wiesen im Kessel und bei Melkendorf oder auch der Bereich, auf dem heute der Real-Markt steht.

Heinrich Schauer war ein Pionier

Heinrich Schauer, der 2001 starb, betrieb viele Jahre eine Gastwirtschaft an der nach ihm benannten Schauer-Kreuzung. Er war einer der Pioniere der Kulmbacher Segelfliegerei.

Dass die "Freizeitbeschäftigung" am Rehberg auch einen weiteren Zweck im Sinne des Nationalsozialismus erfüllte, zeigt sich in dem Spruch: "Was sind wir? Pimpfe! Was wollen wir werden? Soldaten!"

So war es durch die "Jugenddienstpflicht" gesetzlich geregelt, dass Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren diese an zwei Tagen in der Woche abzuleisten hatten. Durch körperliche Betätigung im Freien sollte die männliche Jugend abgehärtet und langfristig auf den Kriegsdienst vorbereitet werden.

Viele Jugendliche wurden im Krieg dann als Flakhelfer oder in den letzten Kriegstagen im Volkssturm eingesetzt. Und viele dieser jungen Männer sind dabei gefallen. Nach dem Krieg wurde der Flugbetrieb am Rehberg nicht mehr aufgenommen. Die Kulmbacher Segelflieger sind zusammen mit ihren Freunden vom Görauer Anger an den Sessenreuther Berg bei Wirsberg umgezogen.

Eine Tafel am Naturlehrpfad Rehberg erinnert heute noch an die Stelle, an der sich einst der Startplatz befand.

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