Kulmbach
Landtagswahl

Er ist Katholik und links: Oswald Greim kandidiert für den Stimmkreis Wunsiedel-Kulmbach

Der ehemalige katholische Betriebsseelsorger Oswald Greim will sich auch als Politiker für die Rechte von Arbeitnehmern starkmachen.
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Ein Herzensanliegen von Oswald Greim ist die Stärkung der Pflege. Um Werbung für ein Volksbegehren gegen den Pflegenotstand an Kliniken zu machen, rollt der 64-Jährige auch die ganz großen Plakate aus - wie hier vor seinem Elternhaus in Marktleugast, wo der Kandidat der Linken seinen Zweitwohnsitz hat.Jochen Nützel
Ein Herzensanliegen von Oswald Greim ist die Stärkung der Pflege. Um Werbung für ein Volksbegehren gegen den Pflegenotstand an Kliniken zu machen, rollt der 64-Jährige auch die ganz großen Plakate aus - wie hier vor seinem Elternhaus in Marktleugast, wo der Kandidat der Linken seinen Zweitwohnsitz hat.Jochen Nützel

Er legt privat gern die Axt an - und zwar immer dann, wenn er sich aufmacht in seine fünf Tagwerk Wald, um Holz zu schlagen für den die Zentralheizung daheim. "Das entspannt mich", sagt Oswald Greim, und der Marktleugaster unterstreicht das Gesagte mit einem Lächeln sowie vor dem Bauch verschränkten Armen. Naturverbunden nennt er mit als erstes, wenn er sich selber beschreiben soll.

Wehe aber, die Politik legt die Axt an Sozialleistungen oder die Wirtschaft an Arbeitsplätze: Dann erwacht der Furor im gläubigen Katholiken. Zu häufig hat er das schon erleben müssen. Oftmals nicht kampf-, aber letztlich doch machtlos gegen die Macht des Kapitals. Als Linker fühlt man sich da nicht selten gelinkt in dieser Republik.

Und als Katholik: Kann man da noch an das Gute im Menschen glauben? Das fiel ihm häufig schwer angesichts eiskalter Manager, die mit einem Federstrich Unternehmenskarrieren beendeten und mit ihnen die soziale Absicherung Tausender Angestellter dem Götzen Shareholder Value opferten. Sein Glaube hingegen war immer mit ihm, wenn er - passender Weise mit einer Kirchenglocke zum Wachrütteln im Schlepptau - vor einem bestreikten Betrieb Position bezogen und Flagge gezeigt hatte für die Beschäftigten und deren Zukunft. 33 Jahre tat er das als katholischer Betriebsseelsorger in Nürnberg.

"Puh, da macht man eine Menge mit." Der 64-Jährige nimmt beide Hände und zählt an seinen Fingern ab, welche Firmen er alles "beerdigte". Grundig, Triumph Adler, Quelle, AEG, um nur die größten zu nennen. Oswald Greim kennt die Industrie und er kennt den Handel aus eigener Anschauung durch seine Arbeit in der Ireks. Dann der Wechsel. In Linz beginnt er eine Ausbildung bei der katholischen Arbeiterjugend als Bildungsreferent. Er wird Diözesansekretär. Sein schärfstes Schwert im Kampf gegen diverse Schieflagen im System ist seither - neben dem Betriebsverfassungsgesetz - die Bibel. Einer seiner Grundsätze lautet: "Das Kapital hat der Arbeit zu dienen." Gemeint ist der Raubtierkapitalismus; gesagt hat das Papst Johannes Paul II.

Verpflichtung als Christ

Für Oswald Greim ist es kein Widerspruch, Katholik und Linker quasi in Tateinheit zu sein. "Ich sehe es als meine christliche Verpflichtung, mich stark zu machen für den Nächsten, in diesem Fall eben den Arbeitnehmer. Mein Auftrag als Sozialsekretär war stets, parteiisch auf Seiten der Beschäftigten zu stehen. Nach dem Motto: Arbeit vor Kapital."

Dann lächelt er wieder, als er sich an die Wirkung seiner Worte bei so manchem Diskutanten erinnert. "Da traten Leute an mich heran, die sagten mir auf den Kopf zu: ,Herr Greim, Sie reden wie ein Kommunist!' Dabei zitiere ich gar nicht Marx und Engels, sondern das Zweite Vatikanische Konzil."

Den Schulterschluss zwischen Kirche und Gewerkschaft suchen: Das war und ist ein Credo in Greims Biografie; er ist Verdi-Mitglied geblieben, gehört zudem zur Landesarbeitsgemeinschaft "Christ*innen in der Linken" sowie der Katholischen Arbeitnehmerbewegung. "Leider sind die Arbeitnehmervertretungen seit den Hartz-Reformen schwächer geworden." Apropos Hartz IV: Das verzeiht er den Sozialdemokraten bis heute nicht. Und den Grünen verübelt er, die Gesetzgebung zumindest nicht verhindert zu haben.

Dabei kandidierte er für diese Partei sogar einmal. 2004 stand er auf der Grünen-Liste für den Stadtrat in Nürnberg, wo Greim heute noch seinen ersten Wohnsitz hat. "Mir war klar, dass ökologische Anliegen einen höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft einnehmen müssen."

Damals aber knüpfte er bereits Kontakte zur "Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit", kurz WASG. "Ich kannte WASG-Mäner der ersten Stunde wie Gerd Lobodda und Harald Weinberg."

Seit 2005 ist er Mitglied

Linke Positionen waren Greim ja per se nicht fremd. "Ich wollte allerdings abwarten, bis es im Westen eine Alternative in diese Richtung gab." Bei der PDS haftete ihm zu sehr der Stallgeruch der alten SED-Kader an. 2005 war die Fusion vollendet - Greim wurde Mitglied.

Damals war noch nicht absehbar, dass er für die (daraus resultierende) Linke acht Jahre später seinen Hut in den Bundestagsring werfen würde. Dass er das vier Jahre später wiederholt, war nicht geplant: Oswald Greim sprang ein. Zur Landtagswahl aber ist er wieder erste Wahl.

Auch wenn sich die Linke im politischen Spektrum etabliert hat, so ist der 64-Jährige dennoch ein Exot in seiner Heimat. "In Leuchertz haben wir kein weiteres Mitglied. In Himmelkron schon - der Ort war immer Rot wegen der Eisenbahner." Dennoch dürfte, um im Bild zu bleiben, der Zug fürs Direktmandat angefahren sein. Egal. Präsent sein ist wichtig.

Der 64-Jährige ist durch und durch ein homo politicus. Es sei denn, die dreijährige Enkelin will mit dem Opa spielen oder er werkelt im Wald und gibt Acht, dass der Borkenkäfer keinen Schaden anrichtet. Sonst muss er halt doch die Axt anlegen.

Das fordert Oswald Greim

Strukturpolitik: Die "Verwerfungen am Wohnungsmarkt" nennt Greim als eins der zentralen Probleme. "Auf dem Land stehen Wohnungen leer - in den Städten explodieren die Mieten. Dieses Ungleichgewicht gilt es aufzulösen", sagt er und argumentiert auch ökologisch: "Denken wir nur an die unnötigen Pendlerströme, die das nach sich zieht." Als Gegenmittel sieht er eine gezielte Ansiedlung von Arbeitsplätzen auf dem flachen Land, gefördert unter anderem über den bayerischen Finanzausgleich. Mitbestimmung: Als Gewerkschafter weiß er um die Bedeutung einer starken Arbeitnehmervertretung. "Das Beispiel Recaro zeigt doch, was passiert, wenn die fehlt. Man hat die Leute mit einer Transfergesellschaft über den Tisch gezogen. Nirgendwo steht, wie viel Geld da drin steckt. Es gab weder Sozialplan noch Interessensausgleich." Mindestlohn: Das ist und bleibt für die Linke ein Hauptthema. "8,50 Euro ist viel zu niedrig angesetzt. Ich hätte gerne 12,50 Euro." Entgegen aller Unkenrufe der Wirtschaft sei die Republik mit der Einführung des Mindestlohns eben nicht gegen die Wand gefahren worden. "Im Gegenteil, er hat mehr Umsatz gebracht, weil die Leute konsumieren. Das schafft neue Jobs." Familiengeld: Markus Söders Geschenk an die Familien freut Greim. "Ich hoffe, das kommt an, denn es ist eine im Kern linke Forderung." Er selber tritt ein für eine Kindergrundsicherung sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen für Kinder. Sonstiges: Der 64-Jährige ist absoluter Gegner von Waffenexporten. Zudem fordert er eine Besteuerung von Flugbenzin und einen neuen europäischen Sicherheitspakt - mit russischer Beteiligung. jn



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