Kulmbach
Gericht

Entführung mitten in Kulmbach: So geht's dem Opfer

Am Landgericht sagte gestern der Mann aus, der von vier Iranern in Kulmbach entführt und erst in Offenbach wieder freigelassen worden ist.
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Im Kulmbacher Menschenraub-Prozess wurde gestern das Opfer gehört. Symbolfoto: Christopher Schulz
Im Kulmbacher Menschenraub-Prozess wurde gestern das Opfer gehört. Symbolfoto: Christopher Schulz

Menschenraub in Kulmbach: Elf Monate nach der Tat sind vor dem Landgericht Bayreuth vier Iraner angeklagt, auf offener Straße einen Landsmann entführt zu haben. Gestern sagte das Opfer aus. Der Mann (38) machte einen aufgewühlten Eindruck. Das Geschehen scheint ihn sehr zu belasten.

Die Angeklagten - drei aus Köln, einer aus Braunschweig - hatten bereits am ersten Prozesstag Geständnisse abgelegt. Demnach steht der Tathergang weitgehend fest. Die Tat sei so nicht geplant gewesen, hieß es. Man habe mit dem Kulmbacher, der nach Angaben der Angeklagten ein Schlepper sein soll, nur reden wollen. Wegen schiefgegangener Schleusergeschäfte habe er ihnen 6500 Euro geschuldet.

Wurde es den Tätern zu heiß?

Der Fahrer des schwarzen BMW (33), sein Bruder (34), ein Pizzabäcker (29) - alle aus Köln - und der Braunschweiger (24), der angeblich von dem Kulmbacher nach Deutschland geschleust worden ist, kamen am 27. Oktober nach Kulmbach. Ein Mittelsmann führte sie zur Wohnung des Gesuchten in der Innenstadt. Dort traf man ihn aber nicht an. Bei einer Zufallsbegegnung um 18.30 Uhr am Bahnübergang in der Kronacher Straße brachten sie den Mann aber in ihre Gewalt. Er wehrte sich, doch sie zerrten ihn ins Auto und brausten davon. Es ging auf die Autobahn - Richtung Westen.

Der Sachbearbeiter der Kripo vermutete, dass Köln das Ziel der Entführer war. Warum das Opfer um 22 Uhr in Offenbach freigelassen wurde, konnte der Ermittler nicht sagen. "Vielleicht wurde ihnen die Sache zu heiß", meinte er. Dazu, was in den dreieinhalb Stunden passiert ist, wurde gestern das Opfer befragt. Dem Geschädigten, dessen Angaben ein Dolmetscher übersetzte, fiel die Aussage alles andere als leicht. Neben seinem Rechtsanwalt Ralph Pittroff aus Kulmbach sitzend, wurde er mehrmals von Tränen übermannt. Er schluchzte: "Wenn ich daran denke, nimmt mich das sehr mit."

"Gefleht und gebettelt"

An jenem Abend, so der Zeuge, sei er mit einem Freund auf dem Weg in den Real-Markt gewesen. Beim Bahnübergang habe die schwarze Limousine gehalten. Ohne viel zu reden, sei er ins Auto gezogen worden. Er habe sich gewehrt. Deshalb schlug ihm einer der Täter mit einem Messer auf den Kopf, und im Auto hätten sich zwei Entführer auf ihn gesetzt. Unterwegs habe er "gefleht und gebettelt, dass sie mich freilassen sollen". Er sei mit Fäusten geschlagen und mit einem Messer bedroht worden.

Der Braunschweiger und der Pizzabäcker ("hat mich sehr gequält") waren nach Angaben des Geschädigten besonders brutal. Sie hätten ihn durchsucht, ihm Brieftasche, Geld, Ausweise und Handy abgenommen. Er habe Schnitt- und Kopfverletzungen erlitten. Man habe ihm gesagt, dass er 10 000 Euro bezahlen solle. Deswegen hätten seine Peiniger auch mehrere Telefonate mit seinem Handy geführt. Nur der Fahrer des BMW habe sich ihm gegenüber "höflich" verhalten, sagte der Mann.

Über sein früheres Leben im Iran sagte er, dass er Teppichknüpfer gewesen sei. Er sei zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden und habe zehn Jahre im Gefängnis gesessen. Warum - das erfuhr man nicht.

Ständig Kopfschmerzen

Bei seiner Aussage sprudelte es nicht gerade aus dem Opfer heraus. "Es war Stress. Ich kann mich nicht mehr erinnern", sagte der Geschädigte. Auf Nachfrage des Vorsitzenden gab er an, dass er bis heute Probleme habe. Er sei in ärztlicher Behandlung. "Ich kann nicht mehr richtig schlafen und habe ständig Kopfschmerzen. Das ist seit dem Vorfall", sagte er und zeigte dem Gericht seine Tabletten.

Trotzdem hat der Mann im Vorfeld einem Täter-Opfer-Ausgleich zugestimmt und eine von seinem Anwalt und den vier Verteidigern ausgehandelte Vereinbarung unterschrieben. Laut Vertrag bekommt er zur Wiedergutmachung des Schadens 6000 Euro. Im Gegenzug erklären die Angeklagten, dass sie keinerlei Ansprüche mehr gegen den Mann geltend machen.

Der Prozess wird am 8. Oktober fortgesetzt.

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