Kulmbach
Burggeflüster

Eine Nacht wie keine andere

Jeden Tag eine Wende-Geschichte. Das haben wir uns in dieser Woche vorgenommen.
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Symbolfoto: Nicolas Armer/dpa
Symbolfoto: Nicolas Armer/dpa

Am Samstag hat an dieser Stelle unsere Kollegin Romy Denk ihre Erinnerungen an die Wendezeit geschildert. Am Montag und gestern haben Christine Fischer und Christian Schuberth nachgelegt. Es wäre, so haben wir uns gedacht, doch schön, unseren Lesern eine Woche lang die ganz persönlichen Geschichten der Redaktionsmitglieder aus jener spannenden Zeit zu erzählen.

In mein Gedächtnis hat sich eine sekundenkurze Szene eingebrannt. Es war Donnerstag, der 9. November. Am frühen Abend stürmte ein Kollege, der bei einem Außentermin gewesen war, in die Redaktion: "Macht schnell den Fernseher an - die DDR macht die Grenze auf!"

Es folgten Tage, die zu den spannendsten meines Journalistenlebens gehören. Am Samstag nach dem 9. November geriet ich morgens beim Brötchenholen in einen Stau: Eine unübersehbar große Zahl von "Trabis" stotterte sich mit heiß gelaufenen Motoren durch Kulmbach. Der unverkennbare Geruch von Zweitakter-Gemisch waberte über der Stadt.

Am späten Abend, auf dem Heimweg von einer Veranstaltung, über die ich - standesgemäß bekleidet mit Hosenanzug und Pumps - berichten sollte, registrierte ich viele Trabant und Wartburg, die einfach so am Straßenrand parkten. Ihre Insassen - ohne Geld, ohne Straßenkarten, ohne Plan einfach aufgebrochen in den Westen - wollten offensichtlich in jener frostig kalten Nacht in ihren Fahrzeugen übernachten. Ich beobachtete, wie eine Streife der Polizei die Menschen ansprach - und damit zunächst einmal großen Schrecken auslöste. Mit der Polizei hatten unsere Nachbarn aus dem Osten wohl keine guten Erfahrungen gemacht.

Ich bot Hilfe an. Die Polizisten baten mich, die Fahrer zur Dreifachsporthalle in Weiher zu lotsen. Dort hatte das Rote Kreuz Feldbetten aufgebaut, hielt Decken und Essen bereit. Viele Kulmbacher halfen mit, schleppten Lebensmittel und Windeln an, Hygieneartikel und Bierkästen.

Etliche Male bin ich in dieser Nacht an der Spitze eines Konvois durch die Stadt Richtung Weiher gefahren, fragte zwischendrin im Polizeigebäude nach, wo die Streife sich gerade befand (an Handys war seinerzeit noch nicht zu denken). Am Ende war ich todmüde und hatte eiskalte Füße.

Zweierlei habe ich aus jener Nacht mitgenommen: Dass ich einen historisch großen Moment hautnah miterlebt hatte. Und dass es nicht schaden kann, immer ein paar alte, aber warme Winterstiefel im Kofferraum zu haben.

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