Stadtsteinach

Eine Boygroup made in Stanich

Das Stadtsteinacher Gesangsquartett begeisterte einst die Massen. Eine TV-Karriere blieb den Männern verwehrt.
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Horst Söllner, Reinhold Rogen, Ludwig Fick, Norbert Beetz und Karl-Josef Schiller (von links) bei einer Probe Repros: Siegfried Sesselmann
Horst Söllner, Reinhold Rogen, Ludwig Fick, Norbert Beetz und Karl-Josef Schiller (von links) bei einer Probe Repros: Siegfried Sesselmann
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Die Bezeichnung Boygroup wird erst seit Anfang der 1990er Jahre verwendet, als etwa die Gruppe "Take That" die Musikwelt eroberte. Doch in Stadtsteinach gab es so etwas bereits seit Januar 1968. Vor genau 50 Jahren legte das Stadtsteinacher Gesangsquintett in der Freiheitshalle in Hof einen Senkrechtstart hin, der Höhenflug sollte bis 1989 andauern.
Zu Beginn ihrer Karriere konnte man in der Zeitung lesen: "Zweifelsohne ein Höhepunkt der Veranstaltung waren die beiden Auftritte des Stadtsteinacher Gesangsquintetts. Wer die Fünf noch nicht kannte, dem musste ihr Name wie eine Verharmlosung oder Vortäuschung falscher Tatsachen im positiven Sinn vorkommen. Was sie zu bieten hatten, das lockte auch den letzten im Saal aus der Reserve. Raffiniert und versiert nahmen sie zunächst Politisches aufs Korn."


Natürlich live

Die fünf Freunde waren allesamt echte Stanicher, zwischen 20 und 30 Jahre alt, und besaßen schauspielerische Fähigkeiten, Witz und Humor. Und sie kannten sich aus dem Gesangverein "Liederkranz" Stadtsteinach. Auch in der katholischen Kirche traten sie als Schola bei großen Festen auf. Sie gelten noch heute als die Väter der noch existierenden Gruppierung. Nicht nur auf
der Bühne, auch privat verstanden sich die Familien bestens.
Der gelernte Bankkaufmann Ludwig Fick jun., der Apotheker Norbert Beetz und die drei Lehrer Karl-Josef Schiller, Reinhold Rogen und Horst Söllner traten stets mit schwarzer Weste, schwarzer Fliege und schwarzem Zylinder auf die Bühne. Alles, was das Publikum zu hören bekam, war selbstgereimt, die Musik dazu waren ältere Ohrwürmer, die punktgenau zu Inhalt und Mimik passten. Nichts war playback, wie heute zum Teil üblich, Reinhold Rogen mit seinem Akkordeon und Horst Söllner mit seiner Gitarre leisteten profihaft Musik, auch ohne Verstärker in großen Sälen. Die Gags von Ludwig Fick, stets in der Mitte stehend, passten punktgenau.


Geprobt und gemuckt

Nachdem man sich mit den Frauen traditionell zum 11.11. beim Gansessen getroffen hatte, begann die heiße Phase der Programmerstellung. Dann traf man sich meist drei Mal pro Woche. Ein Kartenspiel, "a Muck", rundete die Treffen im Gasthof "Goldener Hirsch" oft ab.
Dass sich das Stadtsteinacher Gesangsquintett 20 Jahre immer gut gelaunt seinen Fans präsentieren konnte, ist ihrer inneren Harmonie zu verdanken, es waren immer Freunde - eine Einheit bei der Textgestaltung, bei der Musik und bei den gekonnten Bühnenpräsentationen. Ihre Freude an der Musik sprang bei jedem Auftritt sofort auf das Publikum über.
Ihr Markenzeichen waren nicht abgedroschene Schunkellieder, sie lieferten immer Neues und Unbekanntes. Dafür war stets ein Jahr Suche, Texten, Reimen und Proben notwendig. Alles, was auf der Weltpolitikbühne passierte, wurde gesammelt, ausgewertet oder wieder verworfen. Deutsche Politik wurde ebenso kontinuierlich analysiert wie bayerische, und natürlich verpackte man auch das Lokalgeschehen satirisch.
Für den zweiten Teil ihrer Auftritte suchte man jedes Jahr einen neuen Publikumsreißer, denn die fünf Musiker verstanden es geschickt, das Publikum mitzunehmen und es mit in ihre Lieder einzubinden. Mit den Jahren sammelten sie ein großes Repertoire an Liedern und die bei allen Auftritten geforderten Zugaben stellten für sie so ein Leichtes dar. Da der Radius ihrer Auftritte immer größer wurde, mussten die Texte auch dem Publikum angepasst werden. So nahm man Parodien von bekannten Liedern ("Valencia, deine Hax'n sind gewachsen wie die Hax'n einer Sau"), das Thema Ehe und Liebe und unschöne Begebenheiten des vergangenen Jahres ins Programm auf. Ihr Lieblingsakteur, der immer für Zündstoff und Lacher sorgte, war der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der bei allen Auftritten herhalten musste. Trat man in Stadtsteinach auf
die Bühne, so war der damalige Bürgermeister Werner Döll (1968 - 1990) ein treuer Lieferant für ihre Satire.
1975 wurde den Fünf anlässlich der Prunksitzung in Hof der Orden "Till von Franken" überreicht. Da die Sänger bis auf Ludwig Fick keiner Faschingsgesellschaft angehörten, ernannte die Hofer Faschingsgesellschaft die Stanicher ganz unbürokratisch zu Ehrenmitgliedern. Bei einer Galasitzung in Bad Berneck erhielt das gefragte Quintett 1976 den Landesverbandsorden von Nikolaus Sidorenko. Er lud die Fünf spontan nach München ein, sie sollten dort als Vertreter Oberfrankens bei einer Veranstaltung der CSU singen, doch daraus wurde nichts. Zur Entschädigung lud der damalige Staatssekretär Simon Nüssel die Gruppe nach München ein. Ein Jahr später klappte es doch mit einem Auftritt bei einer Großveranstaltung in München. Anfang der neunziger Jahre erhielten die fünf Stadtsteinacher Einladungen zur Fernsehsendung "Fastnacht in Franken" in Veitshöchheim. Da aber die Generalproben immer am Freitag waren, hätten die drei Lehrer eine Dienstbefreiung benötigt, die die Regierung von Oberfranken ablehnte. Das wäre heute undenkbar.
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