Kulmbach
Gedenktag

Franz Xaver Aenderl: Ein Querdenker wird von den Nazis gejagt

Die Lebensgeschichte des linken Landtagsabgeordneten und Journalisten Franz Xaver Aenderl ist eng mit Kulmbach verbunden.
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Von 1924 bis 1931 saß Aenderl als SPD-Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Foto: privat
Von 1924 bis 1931 saß Aenderl als SPD-Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Foto: privat
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"Ich aber beschloss, Politiker zu werden". Adolf Hitlers berühmte Wendung aus "Mein Kampf" gilt auch für Franz Xaver Aenderl. Für beide ist die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg der Schlüssel. Bei dem einen für seinen Hass auf die "jüdischen Novemberverbrecher" und Linksparteien, die er für die Schuldigen der Niederlage hält. Bei dem anderen für seinen Kampf für einen gerechten Staat, bei dem die Bürger wirklich mitbestimmen können.

Als Aenderl 1919 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wird, ist er 36. Ihn drängt es, in einer Zeit revolutionären Umbruchs einzuwirken auf das Geschehen. Seine Vorkriegstätigkeit als Versicherungskaufmann nimmt er nicht wieder auf. Er stößt zur USPD, die mit einem Rätesystem nach sowjetischem Vorbild liebäugelt, und wird ihr hauptamtlicher Parteisekretär in Regensburg. In Zeitungsbeiträgen, die er verfasst, sieht er die Weltrevolution heraufziehen und träumt von einem "internationalen Bündnis des Proletariats gegen den Kapitalismus".

Politik ist dieses, Privatleben jenes: Im Juni 1918, während der letzten Offensiven des Ersten Weltkrieges, wird Aenderl Heimaturlaub gewährt, um der 31-jährigen Katharina Grampp aus Metzdorf das Jawort zu geben. Danach geht er zurück an die Front. Ein Jahr später kommt ihre Tochter Luise Antonie zur Welt. Kennengelernt haben die beiden sich 1913 während der Wagner-Festspiele in dem Bayreuther Künstlertreffpunkt "Die Eule".

Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft 1919 führen sie eine modern anmutende Wochenendehe zwischen Kulmbach und Regensburg.

Der weitere politische Werdegang Aenderls ist so turbulent wie die Nachkriegsjahre selbst: 1920 wechselt er mit einem Großteil der USPD-Mitglieder zur KPD und zieht in den Bayerischen Landtag ein. 1924 tritt er in die SPD ein und vertritt sie bis 1931 im Landtag. Aenderl ist ein Querkopf, dessen Impulsivität es auch den politischen Freunden schwermacht.

Was ihn von den meisten Mitstreitern unterscheidet, ist sein Rede- und Schreibtalent. In den Debatten des Landtags läuft er zur Hochform auf. Aenderl ist kämpferisch, scharfzüngig, gallig-aufbrausend. Die Monarchisten im Landtag reizt er 1923 bis aufs Blut, als er das Haus Wittelsbach als "Erbübel" bezeichnet. Massiv greift er auch die Rechten an. Hitlers Münchner Statthalter Gustav von Kahr überzieht er mit beißendem Spott: "Kleinere Geister als jetzt haben noch nie in Bayern regiert". Für die zunehmend erstarkenden Nazis wird er zum Hassobjekt.

Obwohl Aenderl - der seit 1931 fest in Kulmbach wohnt und als Versicherungsvertreter arbeitet - politisch kaum mehr in Erscheinung getreten ist, steht er nach dem "Rathaussturm" am 9. März 1933 auf der Abschussliste ganz vorne. Zusammen mit bekannten SPDlern, KPD-Mitgliedern und den jüdischen Familienvorständen (insgesamt 28 Mann) wird er im Stadtgefängnis (Fronfeste) in "Schutzhaft" genommen. Erst Mitte April kommt er wieder frei. Die gleiche Schikane zwei Wochen später in Bamberg: Am 22. Mai wird er von der Gestapo verhaftet, da er seine Versicherungs-Vertretung genutzt habe, Kontakte zu früheren Genossen herzustellen.

Seine Entlassung und die Rückkehr zu seiner Familie nach Kulmbach ist mit der Auflage verbunden, als Tagelöhner zu arbeiten. Es ist nicht nur die Polizei, die ihn oberserviert, auch manche Kulmbacher geben sich als Spitzel her, wie die Polizeiprotokolle im Stadtarchiv zeigen. Am 3. November 1933 zum Beispiel ergeht "von einer ungenannt bleiben wollenden Frau" der Hinweis, Aenderl habe sich in Mangersreuth nach dem Briefkasten erkundigt: "Aenderl ging hierauf auf den Briefkasten zu und warf zwei Briefe hinein."

In Aenderl reift der Entschluss, ins Ausland zu gehen, auch, um seine Familie vor weiteren Nachstellungen zu schützen. Als ihm im August 1934 zugesteckt wird, die Gestapo werde die Wohnung durchsuchen und ihn womöglich in ein Konzentrationslager bringen, ergreift er die Flucht.


Flucht durch halb Europa

Ohne Gepäck und ohne Papiere setzt er sich in die Tschechoslowakei ab. Seine Frau Katharina muss erleben, wie ihre Wohnung in der Reichelstraße 3 durchkämmt, Möbel, Bilder und Wertgegenstände abtransportiert werden.

Die Zeit danach ist für beide die Hölle: Seine Frau weiß nicht, wo er sich aufhält, wie es ihm geht - erst später wird sie ab und an geheime Lebenszeichen erhalten. Für Aenderl selbst beginnt eine Odyssee über Polen und Dänemark nach England. In seinem Exil in London hält er sich notdürftig durch Zeitungsbeiträge und Radiosendungen für die BBC über Wasser.

Auf Wunsch des bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner kehrt Aenderl am 18. März 1946 mit der US-Air Transport Command nach Deutschland zurück.


Vorbild für Mannesmut

Hoegner, Emigrant wie er, würdigt ihn in seiner Regierungserklärung als Vorbild für Mannesmut. Doch als Aenderl einen SPD-Bezirkstag besucht, ist er tief enttäuscht: man kennt ihn nicht, schätzt ihn nicht.

In einem Brief an Hoegner am 1. Oktober ("Lieber Willy") sieht er sich nur noch als "Fremdkörper in Bayern". Zwei Monate später tritt er in die "Bayernpartei" ein. Todkrank kommt er 1947 in seine Wahlheimat Kulmbach. Auch seine Frau Katharina ist schwer erkrankt und stirbt im Februar 1951. Ein halbes Jahr später erliegt er dem Darmkrebs. Getreue hat er nur noch wenige. Die SPDler schneiden ihn als Abtrünnigen. Einzig Hoegner hält ihm die Stange.

Begraben liegt Aenderl an der Seite seiner Frau auf dem Kulmbacher Friedhof. Der Nachlass wird von seiner Enkeltochter verwahrt, die im Landkreis Kulmbach lebt.


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