er Patienten-Wille zählt - so steht es seit Juli 2009 im 3. Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts. Wer in einer Patientenverfügung festlegt, was die Medizin am Übergang vom Leben in den Tod tun darf, soll sich darauf verlassen können, dass seine Wünsche und ethischen Überzeugungen von den behandelnden Ärzten berücksichtigt werden. Gibt es kein entsprechendes Schriftstück, ist "der mutmaßliche Patientenwille" ausschlaggebend.
Dass das in der Theorie gut und logisch klingt, in der Praxis aber alles andere als einfach ist, hat die Kulmbacherin Silvia Gebhardt in den vergangenen Monaten schmerzlich erfahren. "Ich hatte keine Chance, den mutmaßlichen Willen meines Mannes durchzusetzen, obwohl ich seit 30 Jahren mit ihm zusammenlebte und genau wusste, was er wollte und was nicht."
Heinz Gebhardt hatte keine Patientenverfügung, als er Ende Januar mit heftigen Bauchschmerzen ins Klinikum Kulmbach ging. Die Diagnose erwies sich als schwierig, und erst als sich sein Zustand innerhalb weniger Wochen massiv verschlechterte, fand sich der Grund: eine seltene Form von Lymphdrüsenkrebs, der sich im Dünndarm manifestiert hatte. Heinz Gebhardt, 77 Jahre alt und bis zu seinem Krankenhausaufenthalt recht fit, war plötzlich schwer krank und nicht mehr in der Lage, seinen Willen zu äußern. Seine Frau wurde vom Gericht zur Betreuerin bestellt.
"Für mich war diese Situation ein schwerer Schlag", sagt Silvia Gebhardt, deren Vater an Krebs gestorben ist und sehr unter seiner Chemotherapie gelitten hat. "Mein Mann hat das miterlebt und immer gesagt, dass er so etwas auf keinen Fall durchmachen möchte." So war die 56-Jährige sicher, in seinem Sinn zu entscheiden, als sie die vom behandelnden Arzt vorgeschlagene Chemotherapie ablehnte: "Sein Zustand war schon ohne diese Belastung lebensbedrohlich, nur zehn Prozent Leberfunktion, nur noch eine Niere, Dialyse, Blutvergiftung, eine Wiederbelebung. Das wäre nie mehr gut geworden", davon ist Silvia Gebhardt überzeugt.

Plötzlich ohne Rechte


Dennoch ließ sie sich in einem intensiven Gespräch mit Chefarzt Markus Ewald überzeugen, einen Therapieversuch zu unternehmen, weil Ewald die Krankheit zwar als schwer, jedoch nicht als unheilbar einschätzte. "Da es zumindest einen Hoffnungsschimmer gab, war ich letztlich einverstanden."
Umso größer war der Schock der Kulmbacherin, als sie wenige Tage später einen Bescheid des Amtsgerichts erhielt, in dem ihr die Betreuung für ihren Mann entzogen und ein fremder Betreuer eingesetzt wurde. "Ich war außer mir. Man unterstellte mir, ich wolle meinen Mann sterben lassen und sei nicht fähig, für ihn zu sorgen."
Wie sich im Nachhinein herausstellte, war die richterliche Entscheidung vor dem klärenden Gespräch über die Therapie von einem behandelnden Arzt in die Wege geleitet worden. Silvia Gebhardt legte Widerspruch ein und bekam eine Woche später ihre Rechte als Betreuerin zurück. "Es ist unvorstellbar, was man durchmacht, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, und man sich einen Anwalt nehmen und mit solchen Schwierigkeiten auseinandersetzen muss."
Die erste Chemo-Behandlung hatte keinen Erfolg, und die Therapie wurde daraufhin vereinbarungsgemäß abgebrochen. Wenige Tage später starb Heinz Gebhardt. Vieles sei in diesen schweren Wochen schief gelaufen, sagt die Witwe, die heute, zwei Monate nach dem Tod ihres Mannes, noch immer unter den belastenden Erfahrungen leidet. Doch es geht ihr nicht um Schuldzuweisungen. "In der Bayerischen Rundschau habe ich kürzlich gelesen, dass der mutmaßliche Wille des Patienten bindend ist, aber ich habe die Erfahrung machen müssen, dass das nicht so ist - zumindest, wenn man keine schriftliche Patientenverfügung hat."
Für sich selbst zieht Silvia Gebhardt die Konsequenzen: Sie formuliert gerade ihre Patientenverfügung und will dabei möglichst genau festlegen, was sie möchte und was nicht. "Ich rate jedem, das auch zu tun. Viele denken, sie hätten ewig Zeit, aber unser Beispiel zeigt: Das kann ein fataler Irrtum sein."

Mehr zum Thema und Tipps für das Abfassen einer gut formulierten Patientenverfügung lesen Sie in der Samstagsausgabe der Bayerischen Rundschau.