Mainleus
Notfälle

Dorf-Defi: Mainleuser Initiative kann Leben retten

Mit dem Projekt "Dorf-Defi" hat der Buchauer Tim Pistor eine Initiative gestartet, die in den Mainleuser Dörfern Leben retten kann. Er sucht Unterstützer.
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Obacht - beim "Schocken" den Patienten nicht berühren  Foto: privat
Obacht - beim "Schocken" den Patienten nicht berühren Foto: privat
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"Mindestens 100 000 Menschen sterben allein in Deutschland jedes Jahr den plötzlichen Herztod." Andreas Brugger kennt die Zahlen genau. Der Kardiologe am Kulmbacher Klinikum weiß auch, dass eine schnelle Hilfe in Form einer Herzdruckmassage und der Einsatz eines Defibrillators die Überlebenschancen deutlich steigern können. Deshalb unterstützt er die Initiative von Tim Pistor, der sich für die Installation von Defibrillatoren im Gemeindegebiet Mainleus einsetzt.

Vom plötzlichen Herztod spricht man, wenn ein Herz-Kreislauf-Problem, in der Regel ein Kammerflimmern, unerwartet und plötzlich innerhalb einer Stunde zum Tod führt. Die meisten Fälle (rund 70 Prozent), treten dem Experten zufolge zu Hause auf.

Sowohl junge als auch ältere Menschen können betroffen sein. Bei jungen Leuten ist meist eine Herzmuskelerkrankung oder - entzündung die Ursache. Grippeerreger können beispielsweise Ursache einer Herzmuskelentzündung sein. Heuer sei das auffällig oft der Fall gewesen. "Das hängt immer vom Influenzatyp ab."

Bei älteren Personen liege oft eine koronare Herzerkrankung zugrunde, das gefährliche Kammerflimmern trete dann meist in Folge eines Herzinfarkts auf.

Doch es gibt Warnsignale, betont Andreas Brugger: ein Druckgefühl auf der Brust nach körperlicher Anstrengung, eine familiäre Vorbelastung oder plötzliche Bewusstlosigkeit nach Belastung oder nach einem Schreck. Brustschmerzen, die nach ein paar Tagen nachlassen oder fehlende Belastbarkeit nach einer Erkältung können ebenfalls Hinweise sein. Wettkampfsportlern empfiehlt der Kardiologe zudem eine sportmedizinische Untersuchung. "Das gehört gemacht."

Freizeitsportlern rät er, es mit dem Training nicht zu übertreiben. Vier- bis fünfmal eine Stunde Sport in der Woche seien optimal. "Leute, die regelmäßig Sport treiben, überleben nicht nur länger, sondern haben auch bessere Überlebenschancen."

Doch woran erkennt man, dass jemand an Kammerflimmern leidet? Laut Brugger ist das ganz einfach: "Wenn jemand plötzlich ohne Vorwarnung umfällt, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass ein kardiovaskuläres Problem vorliegt." Der 50-jährige Spezialist berichtet von 150 bis 200 Patienten, die jährlich zur Reanimation ins Klinikum gebracht werden. Fälle gibt es aber wesentlich mehr, viele enden tödlich: "Nur zehn bis 20 Prozent erreichen das Krankenhaus."

Das Wichtigste ist laut Andreas Brugger, dass in Notfällen konsequent eine Herzdruck-Massage erfolgt, die bis zum Eintreffen des Notarztes auf keinen Fall gestoppt werden darf. "Das Schlimmste ist es, die Reanimation zu unterbrechen."

Er unterstützt die Anbringung von Defibrillatoren in den Dörfern, auch wenn es über die flächendeckende Installation und deren Nutzen noch keine wissenschaftlichen Studien gebe. "In kleinen Dörfern ist die Wahrscheinlichkeit, dass man so ein Gerät braucht, einfach nicht so hoch wie an gut frequentierten öffentlichen Plätzen, zum Beispiel in Fußballstadien." Sinn mache ein Defibrillator vor Ort, wenn er zentral angebracht und schnell erreichbar ist.

Schon in Buchau hat sich Tim Pistor für die Anschaffung eines Defibrillators eingesetzt. "Bei einem Feuerwehrstammtisch haben wir drüber diskutiert, dass die Anfahrtszeiten eines Rettungsfahrzeugs hier relativ lang sind", erinnert er sich. Für die meisten Notfälle reiche das zwar, aber "wenn's ums Herz geht, zählt jede Minute."

Mit einer Spendensammlung hat es das kleine Dorf geschafft, einen Defibrillator anzuschaffen, der nun am Feuerwehrhaus für jeden zugänglich ist. Ergänzend dazu werden Erste-Hilfe-Kurse angeboten, die ebenfalls gut angenommen werden.

Warum soll das nicht auch in anderen Gemeindeteilen klappen?, hat sich Tim Pistor gedacht und will das "Dorf-Defi-Projekt" nun auf das ganze Gebiet des Marktes Mainleus ausdehnen.

Ziel ist es, an zehn bis 15 Standorten Defibrillatoren zu stationieren. Zwischen 40 000 und 60 000 Euro sind dafür nötig (rund 4000 Euro je Defi).

Erste Gespräche sind geführt, die ersten Spendenzusagen über 15 000 Euro schon da von Stiftungen und Großsponsoren, freut sich Pistor, der in Buchau als Softwareentwickler arbeitet und das Projekt ehrenamtlich organisiert.

Im nächsten Schritt wird er sich nun an die örtlichen Firmen und Vereine wenden, um das nächste Drittel der Summe zusammenzubringen. Im dritten und letzten Schritt soll die Bevölkerung um Spenden gebeten werden.

"Es gibt keine offiziell zuständige Stelle für die Anschaffung und den Unterhalt von Defibrillatoren", stellt der 33-Jährige fest. Das gehe nur über eine private Initiative.

Mehrere Einrichtungen und Institutionen unterstützen bereits die "Dorf-Defi-Initiative" von Tim Pistor. Als ein großer Sponsor engagiert sich die Adalbert-Raps-Stiftung, die ihre Unterstützung für den Kauf von zwölf Defibrillatoren Tim Pistor bereits zugesagt hat.

Markus Ruckdeschel, Leiter Integrierte Leitstelle Bayreuth/Kulmbach: "Für das Überleben eines Herz-Kreislauf-Stillstandes sind drei Faktoren unerlässlich: Sofortiger Notruf per 112, sofortige Laien-Reanimation und frühzeitiger Einsatz eines Defibrillators (Defi) durch Familienmitglieder, Freunde oder Arbeitskollegen.

Die Integrierte Leitstelle und das Bayerische Rote Kreuz fördern daher die Verbreitung von öffentlich zugänglichen Defis in der Region Bayreuth/Kulmbach und unterstützen die Initiative ,Dorf-Defi'.
Ein Verzeichnis mit rund 200 bereits bekannten Defis findet sich unter www.leitstelle-bayreuth.de und in der BRK-Defi-App für Smartphones.

Aufgeregte Notrufer werden von den Lebensrettern in der Leitstelle telefonisch zur Wiederbelebung angeleitet. Die Telefonverbindung bleibt bestehen, bis die Rettungskräfte eintreffen. Das Projekt ,Lebensretter 112' bietet Laien die Möglichkeit, sich binnen zwei Stunden in lebensrettenden Sofortmaßnahmen und dem Einsatz eines Defis schulen zu lassen. So kann jeder selbst zum ,Lebensretter 112' werden. Es ergänzt damit die vorbildliche Initiative ,Dorf-Defi' von Tim Pistor."

Frank Alexander Kühne, Vorsitzender Stiftungsvorstand der Adalbert-Raps-Stiftung: "Wir alle wissen: Ein Defibrillator, der im Notfall zur Hand ist, kann Leben retten. Die Initiative ,Dorf-Defi' leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit der Bevölkerung, sie tut dies zudem mit weitblickendem Ansatz.

Dieser Ansatz - die wirksame, effiziente und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft Oberfrankens - trifft genau den Kern unserer Stiftungsarbeit. Deshalb freuen wir uns sehr, die Initiative mit Zuwendungen für bis zu zwölf Defibrillatoren in Höhe von jeweils 1000 Euro zu unterstützen. Wir wünschen dem Team viel Erfolg und noch zahlreiche weitere, engagierte Unterstützer."

Jürgen Dippold, Geschäftsführer BRK Kulmbach: "Wir begrüßen die flächendeckende Einführung von halbautomatischen und automatischen Defibrillatoren. Sie sind gerade beim plötzlichen Herztod wichtige Instrumente, um das Überleben zu sichern. Unsere ehrenamtlichen Helfer vor Ort leisten an drei Standorten (Kulmbach, Neuenmarkt, Thurnau) rund 1000 Einsätze im Jahr - und immer öfter kommt dabei der Defi zum Einsatz."

Mehr Infos auf der Internetseite dorfdefi.mainleus.info.

Ein Infoabend für Vereine und Dorfgemeinschaften ist am 17. Mai um 19 Uhr im Fränkischen Hof in Mainleus.



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