Kulmbach
Einsatz

Dieser Einsatz lässt die Kulmbacher Rotkreuzlerin so rasch nicht los

Die Organisation Friedensdorf International fliegt in Krisengebiete und holt kranke und verletzte Kinder für eine kostenlose Behandlung nach Deutschland.
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Tina Martens aus Kulmbach berichtet von ihrem ersten Einsatz für die Organisation Friedensdorf International.privat
Tina Martens aus Kulmbach berichtet von ihrem ersten Einsatz für die Organisation Friedensdorf International.privat
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Tina Martens aus dem Rot-Kreuz-Kreisverband Kulmbach war am Mittwoch eine derjenigen, die eines der Kinder vom Flughafen Düsseldorf in eine Klinik gebracht hat. Für uns hat sie ihre Erlebnisse und Gefühle an diesem Tag aufgeschrieben:

"In den letzten Tagen habe ich mir sehr viele Gedanken über diesen Bericht gemacht, mir im Kopf schon zurecht gelegt, was ich schreiben möchte und ein paar Notizen gemacht. Gerade habe ich alles gelöscht.

Den Valentinstag, den die meisten mit Ihren Familie und Liebsten feiern, haben wir auf der Autobahn verbracht bzw. bei einem Einsatz, der sicher viele von uns so schnell nicht los lassen wird.

Ich bin ehrenamtlich Mitglied im Bayerischen Roten Kreuz (BRK) und ich habe schon einige Einsätze hinter mir, habe an unzähligen Sanitätsdiensten teilgenommen - aber dieser Einsatz am Mittwoch war etwas völlig anderes.

Die Organisation Friedensdorf International fliegt in regelmäßigen Abständen in Krisengebiete wie Syrien und Afghanistan und holt kranke und verletzte Kinder für eine kostenlose Behandlung nach Deutschland. Die Aktion inklusive der Behandlung ist ausschließlich über Spenden finanziert bzw. deswegen möglich, weil Krankenhäuser und Ärzte auf ihr Honorar verzichten.

Die Kinder werden am Flughafen Düsseldorf von ehrenamtlich Mitgliedern des Roten Kreuz in Empfang genommen und in Kliniken gefahren, die über ganz Deutschland verteilt sind.

Ich habe im November letzten Jahres das erste Mal von diesem humanitären Einsatz erfahren und wollte unbedingt einmal daran teilnehmen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so schnell die Möglichkeit dazu bekommen habe.

Es geht um Kinder, und zwar um zum Teil wirklich kleine Kinder von einem Jahr bis hin zu Kindern von elf Jahren. Diese Kinder hätten in ihrer Heimat keine Chance auf Heilung. Jetzt sind generell Einsätze mit Kindern auch für die Mitarbeiter des öffentlichen Rettungsdienstes meist schon eine Herausforderung, aber für ehrenamtliche Mitglieder, die nicht ihr Geld mit der Notfallrettung verdienen, vielleicht noch einmal eine besondere, weil es noch seltener ist.

Zumindest bei mir ist das so. Der Wecker klingelt eigentlich erst um 6 Uhr, aber ich kann ab halb 4 nicht mehr schlafen - und so gebe ich es irgendwann auf. Aus dem Bezirk Ober- und Mittelfranken starten insgesamt zehn Autos zu diesem Einsatz, aus ganz unterschiedlichen Kreisverbänden. Der Treffpunkt für unser Kontingent ist um 13 Uhr auf einem Parkplatz rund 100 Kilometer vor Düsseldorf.

Ich treffe mich vorher schon mit einem Kollegen, und wir fahren die Strecke gemeinsam. Ich freue mich auf den Einsatz, aber ich habe auch Respekt und Angst davor. Meine Gedanken kreisen um die Kinder: Wie wird es ihnen gehen? In welchem Zustand werden sie sein - körperlich und psychisch?

Auf der mehrstündigen Fahrt unterhalten wir uns sehr viel, natürlich hauptsächlich über den Einsatz. Und ein Gedanke, der mir bisher noch gar nicht gekommen ist, wird mich den Rest des Tages begleiten: wie verzweifelt müssen Eltern sein, wenn sie völlig fremden Menschen ihre Kinder anvertrauen und diese in ein anderes Land bringen lassen.

Ich bin selber Mutter und ich weiß, welche Gefühle man hat, wenn es dem eigenen Kind schlecht geht, man möchte bei ihm sein, es trösten und an sich drücken und alles dafür geben, dass es ihm wieder gut geht.

Aber ich glaube, keinem von uns in Deutschland würde auch nur ansatzweise in den Sinn kommen, sein krankes, leidendes Kind einer fremden Person in ein fremdes, weit entferntes Land mitzugeben. Ich muss den Rest des Tages und der Nacht genau darüber nachdenken - und es macht mich unglaublich traurig.

Als wir um kurz vor 13 Uhr an dem vereinbarten Treffpunkt ankommen, ist die Stimmung gut und die Freude erst einmal groß. Jeder freut sich, Mitglieder aus anderen Kreisverbänden, die man von Ausbildungen und Diensten kennt, wieder zu sehen. Wir warten noch auf die restlichen Autos und haben dabei das Restaurant eine Fast-Food-Kette fest in BRK-Hand. Jedes Auto ist mit zwei bis drei Personen besetzt, zum einen, um sich bei der Fahrt abwechseln zu können, aber auch um das Erlebte, wenn möglich, möglichst gleich in Gesprächen zu verarbeiten.

Als alle Autos da sind, bekommen wir von unserem Einsatzleiter eine kurze Lagemeldung. Das Flugzeug wird nicht wie geplant um 16.30 Uhr in Düsseldorf landen, sondern erst um 19 Uhr. So bleibt uns also genügen Zeit, im geschlossenen Verband die restlichen 100 Kilometer bis zum Flughafen zurück zu legen.

Die einzelnen Teams bekommen auch gleich die Anzahl der Kinder, ihr Alter und die Zielklinik genannt. Für die Helfer bedeutet dies mehrere hundert Kilometer Fahrt plus die je 500 Kilometer An- und Abreise.

Was mich in diesem Moment wirklich beeindruckt ist, dass keine auch nur mit der Wimper zuckt, niemand mault oder mosert wegen den langen Strecken. Dies ist an diesem Tag der erst Moment, in dem ich einfach stolz darauf bin, mit diesen unglaublich tollen Menschen zusammen "arbeiten" zu dürfen - und ich habe den allerhöchsten Respekt vor ihnen.

Am Flughafen empfängt uns die Organisation Friedensdorf mit Kaffee und belegten Broten. Wir stehen noch im Außengelände und warten darauf, dass wir in unsere Wartehalle einfahren dürfen. Auch in diesem Moment ist alles noch relativ entspannt, und die Stimmung unter den Helfer ist gut.

Unsere Gruppe ist inzwischen auf 30 Fahrzeuge gewachsen - und ich bekommen eine Gänsehaut, wenn ich mir dieses Aufgebot ansehen. An einem eigentlich ganz normalen Mittwoch, an dem sich gut 80 Prozent der Helfer eigens frei nehmen müssen, um bei diesem Einsatz dabei sein zu können.

Plötzlich geht alles sehr schnell, der Flieger landet nicht um 19 Uhr wie angekündigt , sondern bereits um 18 Uhr. Die Fahrzeuge werden von der Flughafen-Security auf das Gelände begleitet, und es werden von den inzwischen zwei Einsatzleitern die Papiere der Kinder an die entsprechenden Fahrzeugbesatzungen verteilt.

Jetzt ist die Stimmung angespannt. Viele haben genau wie ich so einen Einsatz noch nicht mitgemacht und ich sitze im Auto und warte darauf, dass unsere Fahrzeuge zum Flugzeug gelassen werden. In diesem Moment weiß ich nicht mehr, was ich fühle. Ich habe Angst vor dem, was kommen wird, gleichzeitig ärgere ich mich über mich selber: warum habe ich Angst, was sollen denn die Kinder da sagen, die vermutlich zum Teil nicht einmal verstehen, was gerade mit ihnen passiert?

Sie haben Schmerzen, sind in einem fremden Land bei fremden Menschen, deren Sprache sie nicht einmal verstehen. Und trotzdem bleibt der leise Wunsch, jetzt nicht hier zu sein.

Dann rollen die ersten Autos an uns vorbei und es bleibt keine Zeit mehr zum Nachdenken. Die Fahrzeuge werden vor dem Flugzeug aufgereiht, und wir gehen in den Flieger, um die Kinder zu holen. 128 kleine Menschen, die Schreckliches erlebt haben.

Die Zustände der Kinder sind so unterschiedlich wie ihre Reaktion auf uns. Alle schauen uns mit großen Augen an. Jeder Helfer geht mit einem Lächeln auf die Kleinen zu und versucht, ihnen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln und auch das Gefühl, dass alles gut wird.

Vielen Helfern kann man ansehen, dass es ein angespanntes Lächeln ist, und ich bin froh, dass ich nicht die einzige bin, der eigentlich zum Heulen zumute ist. Das erste Kind, das ich hinausbringen darf, ist ein Mädchen von vielleicht acht oder neun Jahren. Ich nehme seinen Arm, damit ich es stützen kann, damit es auf der Treppe nicht stürzt.

Das Mädchen hat genau die Größe meiner Tochter - und kurz nachdem mir dieser Gedanke gekommen ist, dreht sich das Mädchen um, schaut mir in die Augen und lächelt mich an. Mich trifft das wie ein Schlag, ich verstehe nicht, was sie sagt, aber ich habe das Gefühl, es will mich aufmuntern.

Ich bringe das Kind zu ihrem Transportmittel, und bevor es loslässt, drückt das Mädchen meine Hand noch einmal und lächelt mich wieder an. Und wieder wird mir dabei flau - und gleichzeitig gibt es mir Kraft für die nächsten Kinder, die noch im Flieger darauf warten, abgeholt zu werden.

Einige von ihnen sind ganz ruhig, andere haben Angst oder Schmerzen und weinen, sie haben Angst, weil sie nicht wissen, was kommt. Teilweise haben die Kleinen nicht einmal Schuhe und Socken an - bei etwa einem Grad Außentemperatur. Und die Krücken, die manche von ihnen dabei haben, sind abenteuerliche Konstruktionen.

Das uns zugeteilte Kind ist eines der letzten im Flieger. Als ich höre, dass wir ein ein Jahr altes Kind zugeteilt bekommen, rutscht mir mein Herz in die Hose. Ich habe einfach nur noch die Hoffnung, dass es nicht so schlimm wird.

Der Junge ist fasziniert von den Lichtern des Flughafens und lässt sich sehr gut beruhigen, wenn man mit ihm spricht. Auf der Fahrt dauert es nicht lang, und er ist vor Erschöpfung tief und fest eingeschlafen. Wir machen uns auf den Weg in die 300 Kilometer entfernt Zielklinik, die nur ungefähr auf unserem Heimweg liegt.

Wir haben im Voraus schon besprochen, dass wir uns mit dem Fahren und der Betreuung abwechseln. Zwischendurch scheint er zu träumen, und man hört vom Rücksitz nur ein Wimmern und ab und zu den Ruf nach seiner Mama.

Zu diesem Zeitpunkt sitze ich am Lenkrad, und mir schießen die Tränen in die Augen. Der Kleine tut mir so unendlich leid und ich muss an seine Mutter denken und will mir nicht vorstellen, wie viel Kraft und Mut es sie gekostet haben muss, den Kleinen abzugeben.

Gegen 23.30 Uhr erreichen wir unser Ziel und sind beide traurig, den Kleinen abgeben zu müssen. Die Schwestern und die Ärztin kümmern sich liebevoll um ihn, doch das abrupte Erwachen, die hellen Lichter und die vielen noch fremderen Menschen machen ihm Angst und er fängt an zu weinen.

Mein Kollege und ich sind beeindruckt, wie schnell der Kleine zu uns Vertrauen gefasst hat und wie sehr er unsere Nähe sucht. Mein Kollege macht diese Transporte seit zehn Jahren, aber ich glaube ihm ansehen zu können, dass auch ihm der Moment zusetzt, als der kleine Mann aus dem Zimmer getragen wird. Ich bin mir sicher, dass wir ihm beide in diesem Moment das gleiche wünschen, nur das Allerbeste und Gesundheit.

Wir haben noch 400 Kilometer Heimweg vor uns, und auf dieser Fahrt erreichen uns immer mehr Nachrichten von den anderen Fahrzeugen, dass die Kinder gut in den Kliniken angekommen sind und die Helfer alle heil auf dem Heimweg sind oder bereits Zuhause sind.

Um 5 Uhr bin ich Zuhause und sehr erschöpft. Ich hatte gedacht, ich würde ins Bett fallen und auf der Stelle einschlafen, aber ich kann nicht. Ich liege noch eine Zeit wach, und um 8 Uhr beschließe ich, es aufzugeben.

Ich denke, dieser Einsatz wird mich noch eine Zeit lang beschäftigen - zum einen wegen der Kinder, aber zum anderen auch deswegen, weil ich unglaublich beeindruckt bin, was meine Kameraden leisten und mit welcher Begeisterung sie dies tun - und zwar ohne etwas dafür zu erwarten, denn Geld bekommt keiner von uns.

Ich bin froh und dankbar dafür, dass ich meinen ersten Friedensdorf-Einsatz mit einem Kollegen absolvieren durfte, dem es nicht zu viel wurde, meine Fragen zu beantworten, der mir zugehört hat und der mir das Gefühl gegeben hat, dass ich ihn jederzeit anrufen kann, wenn mich unser kleiner "Zwerg Nase" nicht los lässt und ich darüber reden möchte."

Tina Mertens ist stellvertretende Kreisbereitschaftsleiterin des Roten Kreuz in Kulmbach. Die 36-Jährige ist seit 2011 beim BRK.
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