Trebgast
Naturbühnen-Premiere

Die unheimliche Lust am Bösen

Raik Knorscheidt inszeniert "Dr. Jekyll und Mister Hyde" nicht als üblichen Gruselschocker. Er zeigt stimmungsvoll das Psychodrama eines Menschen.
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Mit der Attacke des Unbekannten beginnt das Stück "Dr. Jekyll und Mister Hyde": Der Mann mit schwarzem Mantel und breitem Hut hat grundlos ein Mädchen brutal niedergeschlagen. Die Umstehenden sind geschockt.Wolfgang Schoberth
Mit der Attacke des Unbekannten beginnt das Stück "Dr. Jekyll und Mister Hyde": Der Mann mit schwarzem Mantel und breitem Hut hat grundlos ein Mädchen brutal niedergeschlagen. Die Umstehenden sind geschockt.Wolfgang Schoberth
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Das berüchtigte Soho - eine Idylle? Big Ben schlägt und lässt sein Glockenspiel erklingen. Ein Laternenanzünder zieht auf, Blumenmädchen, Tabakverkäuferinnen und Zeitungsjungen bevölkern die Szene. Zwei Bobbys gehen durch die Reihen. Eine Suffragette redet ihr Publikum heiß. Plötzlich dann - die frommen Sängerinnen der Heilsarmee haben gerade ihr "Lobet den Herrn angestimmt" - taucht eine vermummte Gestalt in schwarzem Mantel auf. Grundlos geht sie auf eines der umstehenden Mädchen los und tritt ihm brutal in den Unterleib.

Es soll nicht die einzige Attacke des Unbekannten bleiben, zwei weitere junge Frauen werden misshandelt und vergewaltigt, ein angesehener Politiker wird erschlagen.

Obwohl die knapp zweistündige Aufführung (zusätzlich 20 Minuten Pause) mit Schockeffekten nicht spart, ist sie nicht reißerisch. Raik Knorscheidt lässt sich bei seiner Inszenierung für die Trebgaster Naturbühne viel Zeit, die Atmosphäre West Ends zur Entstehungszeit Robert Louis Stevensons Erzählung Ende des 19. Jahrhunderts spürbar werden zu lassen. Mitunter tut er des Guten zu viel, zu Lasten von Tempo und Drive. Auch die geistlichen Gesänge, so schön sie klingen, verlieren durch zu üppige Wiederholungen. Die Naturkulisse dient als idealer Stimmungsträger.

Auf der Mittelbühne haben André Putzmann und Dieter Krause eine Reihe matt glimmender Gaslaternen angebracht, die sich nach hinten im Dunkel der Bäume und Felsen verlieren. Oft werden sie von Nebelbänken umwabert und in gespenstisches Farblicht getaucht. Überhaupt die Technik (Stefan Laaber, Tobias Gack, Martin Haberzettl, Susanne Bähr): Ohne die "Moving Head"-Effekte (bewegte Lichtstreuung) und den raffinierten Lichtwechsel bei der Verwandlung von Dr. Jekyll in ein Monster ginge ein Großteil der Wirkung verloren.


Vom Strahlemann zum Monster

Im Mittelpunkt steht der allmähliche Verfall Dr. Jekylls, der als Bestie endet. Die Inszenierung zeigt ihn anfänglich als den großen blonden Strahlemann. In noblem Gehrock steht er da, mit weißem Stehkragen, Weste und Zylinder (schöne zeitgenössische Kostüme: Wolfram Müller-Broeder). Er gilt als Leuchte der Wissenschaft, die Mädels umschwärmen ihn und preisen ihn als Spendengeber für soziale Zwecke.

Doch die noble Fassade erweist sich als zutiefst brüchig. Dr. Jekyll ekelt vor der viktorianischen Gesellschaft, den bürgerlichen Konventionen und dem "halbblinden" Wissenschaftsbetrieb. Durch bewusstseinserweiternde Drogen und alchemistischen Experimente möchte er sich aus dieser Enge befreien, das "Raubtier freilassen" - befeuert durch die Übermensch-Philosophie Nietzsches, an der er sich berauscht.

Die Lust am Bösen, an der Entgrenzung, zunächst harmlos und verborgen im Labor, wird übermächtig und drängt in die Öffentlichkeit. Jekyll wird zu einem zwanghaften Gewalttäter, der wahllos zuschlägt. Gerd Kammerer spielt die Rolle famos. Besonders eindringlich sind die Szenen, in denen er im Betstuhl kniend mit sich ringt, sich windet und prüft und im Spiegel seine Identität sucht.


Vergebliche Rettung

Seine beiden Freunde, der Anwalt Utterson und Arztkollege Dr. Lanyon, versuchen alles, ihm vor der Selbstzerstörung zu bewahren. Werner Eberhardt ist ein wunderbar feinfühliger Kamerad, der selbst zum Detektiv wird, um die Polizei aus dem Spiel zu lassen. Der junge Alexander Böhm, von der Maske schwer angegraut und mit kessem Ziegenbärtchen ausgestattet, spielt den Mediziner leicht angeschnöselt als braven Vertreter seiner Zunft.

Auch kleinere Parts sind hübsch durchgezeichnet: Besonders viel Beifall erhält Franziska Ramschütz als wortgewandte Frauenrechtlerin mit dicker Zigarre, adrettem Hütchen und Ringelkostüm.
Rüdiger Zenker ist als Professor Andrews ein höchst gebrechlicher, vom Dienst gebeugter Vertreter der Wissenschaft. Er muss sich auf zwei Stöcke stützen, um seinem Kollegen Dr. Jekyll Referenz zu erweisen.

Den Typ Horch und Guck verkörpert Hilde Volkmann als dessen Haushälterin. Was immer hinter dem Schlüsselloch passiert, sie weiß Bescheid.


Der Mensch ist ein Abgrund

Das Stück über die Parallelexistenz eines Menschen - was hat es mit uns heute zu tun? Zwar erweisen Utterson und Lanyon am Ende ihrem Freund einen letzten Liebesdienst, doch die Verführung bleibt in der Welt. Der Gutmensch ist vom Triebteufel schwer zu trennen: Sich liberal geben, doch rechts wählen. Charmant nach außen, doch in den Netzwerken anonym Hass schüren. Braver Ehemann, doch insgeheim Youporn gucken. In der perversesten Form dann als Lust, grundlos auf Obdachlose einzuprügeln oder unbekannte Menschen in der U-Bahn ins Gleisbett zu stoßen. Es gilt, was Georg Büchner seinen Woyzeck sagen lässt - und bei Dr. Jekyll nicht anders gezeigt wird: Der Mensch ist ein Abgrund.
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