Kulmbach
Kunst-Serie (5)

Die fruchtbaren Bullen von Altamira

Prähistorische Höhlenkunst von Max Wild in moderner Form gibt es im Foyer des Max-Rubner-Instituts zu sehen.
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Blick auf die Betonwand im Foyer des Max-Rubner-Instituts: Max Wild hat sie mit Motiven aus der Höhle von Altamira bemalt. Der Ausschnitt zeigt die Zeugung und Herdenbildung. Wolfgang Schoberth
Blick auf die Betonwand im Foyer des Max-Rubner-Instituts: Max Wild hat sie mit Motiven aus der Höhle von Altamira bemalt. Der Ausschnitt zeigt die Zeugung und Herdenbildung. Wolfgang Schoberth
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Rechts vom Eingang des Max-Rubner-Instituts (ehemals Bundesanstalt für Fleischforschung) wird gezeugt: Mit sich sträubenden Nackenhaaren bespringt ein mächtiger Stier ein Weibchen. Das Ergebnis der Fruchtbarkeit zeigen die sich rechts anschließenden Zeichnungen: die Herdenbildung mit Bisonkälbchen, Jungtieren und ausgewachsenen Hirschkühen. Am Ende der Wand sieht man den Stier wie vom Degen eines Toreros ins Herz getroffen zusammenbrechen. Das letzte Bild zeigt ihn flach auf der Erde liegen, mit der er verwächst. Doch auch im Sterben behält das Tier seine Würde.
Die faszinierende Bilderfolge über den Zyklus des Lebens an der Foyerwand der Bundesforschungsanstalt für Fleischforschung stammt von Max Wild. Der Künstler hat die Motive den weltberühmten neolithischen Felsbildern von Altamira in Kantabrien (Nordspanien) entlehnt. Unbekannte Künstler der Neusteinzeit haben vor etwa 14 000 Jahren 250 Felszeichnungen an die Decken von Höhlen und unterirdischen Gängen gemalt. Ihrer Schönheit, ihrer Magie sind schon viele verfallen, vor allem auch moderne Künstler. "Nach Altamira ist alles Niedergang", sagte zum Beispiel Pablo Picasso.
Max Wild geht nicht um eine Reproduktion, sondern darum, die expressive Kraft der Originale mit modernen Maltechniken wiederzugeben. Seine Ideen haben 1975 die Sachverständigen-Kommission überzeugt. Bei der anonym durchgeführten Ausschreibung für den Neubau des Forschungsinstitutes in der E.-C.-Baumann-Straße hat er sich klar gegen seine Mitbewerber aus ganz Deutschland durchsetzen können.
Der Kulmbacher Künstler versucht sich mit einer Kombination von Nass- und Sprühtechnik den Höhenmalereien von Altamira anzunähern. Dort wurden die mit Fett oder Eiweiß vermischten Farben mit Tierhaar, Moosbüscheln und Handflächen gestrichen. Zusätzlich wurden Röhrenknochen verwendet, um die Farbstoffe mit dem Mund aufzublasen.
Wild ahmt das Verfahren nach, indem er in Kieselsäure gelöste mineralische Naturfarben über einen Kompressor mit der Sprühpistole aufträgt. Der Effekt ist verblüffend: Das Tier-Panorama wirkt durch die Aquarellierung einerseits abstrakt und modern, andererseits trifft es damit genau die Farbabstufungen des Originals mit ihren rot, gelb und braun pigmentierten Ockererden, Mangan und Holzkohle.
Eines der größten Rätsel frühzeitlicher Kunst lässt sich Max Wild nicht entgehen: die negativen Handabdrücke. Sie entstehen, wenn die gespreizten Finger als Schablone benutzt und übersprüht werden. Neben dem sterbenden Bullen befindet sich einer. Die Bedeutung der Handnegative ist mysteriös. Haben magische Rituale von Schamanen eine Rolle gespielt? Ist es das Bedürfnis, sich mit einem Händedruck zu verewigen?
Der Sohn des Künstlers, Günter Wild, hat mit seinem Vater während der Arbeit an dem Kunstwerk über die Bedeutung der Hand gesprochen. "Er sah sie als Zeichen für die Besitznahme des Tieres durch den Menschen vor drei Millionen Jahren, in der Altsteinzeit. Das Tier wird Opfer des menschlichen Lebens. Für meinen Vater ein entscheidender Schritt in der Evolution", erinnert sich Günter Wild. Bei der Gelegenheit gibt er auch ein Geheimnis preis: Es ist seine Hand, die dem Vater als Schablone gedient hat.
Um archaische Tieropfer geht es bei der Brunnenplastik rechts des Eingangs, mit der Roland und Ursula Doerk aus Steinberg 1975 eine weitere Ausschreibung gewonnen haben. Auf das gepflasterte Areal stellen sie geschwungene Granitblöcke, die sich zu einem stilisierten Opfertisch formen. Darum herum Sitzplätze für die Zuschauer. Der Vorplatz der Bundesanstalt wird zu einer Opferstätte.


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