Kulmbach
Interview

Die FDP will keinen Wohnklotz in Kulmbach

Stadtrat Thomas Nagel erklärt, warum er gegen den Abbruch der alten Backsteingebäude gestimmt hat und was hier falsch gelaufen ist.
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Backsteinbau: Nur Thomas Nagel (FDP) stimmte im Stadtrat gegen den Abbruch der alten Mälzerei Müller. Foto: Stephan Tiroch
Backsteinbau: Nur Thomas Nagel (FDP) stimmte im Stadtrat gegen den Abbruch der alten Mälzerei Müller. Foto: Stephan Tiroch
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Die öffentliche Diskussion über die alte Mälzerei Müller in der Pestalozzistraße ebbt nicht ab. Viele Kulmbacher kritisieren die Entscheidung des Stadtrats, den Abbruch des historischen und stadtbildprägenden Backsteingebäudes zu genehmigen. Dafür soll dort im nächsten Jahr ein Neubaukomplex entstehen mit 120 Wohnungen für Studenten und 37 für Senioren.

In der Sitzung am Donnerstag - hier war auch der Rosenheimer Investor Jürgen Drösel anwesend - stimmte nur ein Stadtrat gegen den Beschluss: Thomas Nagel von der FDP. In der Sitzung gab er dazu keine Erklärung ab. Wir haben jetzt mit dem FDP-Kreisvorsitzenden gesprochen, was seine Beweggründe waren.

Herr Nagel, können Sie die Kulmbacher verstehen, die die Stadtratsentscheidung kritisieren?

Thomas Nagel: Ja, natürlich kann ich das. Denn es verschwindet ein Stück unverwechselbares Kulmbach. Und es geht hier grundsätzlich um die Frage: Welches Stadtbild ist uns wichtig und wo beginnt es? Konzentriert man sich nur auf die Kernstadt mit Marktplatz, Langgasse und Holzmarkt? Oder gehören auch die alte Mälzerei Müller und die Spinnerei dazu? Wohl wissend, dass die Gebäude, die abgebrochen werden sollen, nicht unter Denkmalschutz stehen, muss man sich darüber im Klaren sein, dass Industriebetriebe wie die Spinnerei, die Mälzereien und Brauereien unsere Stadt geprägt haben.

Warum haben Sie als einziger Stadtrat gegen den Abbruch gestimmt?

Wir haben das Thema im FDP-Kreisvorstand ausführlich diskutiert und waren uns einig, dass wir uns dagegen positionieren. Nur den Darrturm stehen zu lassen, ist zu wenig. Wir wollen den alten Güterbahnhof als Mensa für die Studenten erhalten, dann hätte auch so ein Gebäude seine Berechtigung. Man hätte die Fassade mit modernem Wohnen verbinden können. Deshalb wäre aus unserer Sicht ein Architektenwettbewerb wünschenswert gewesen. Leben im historischen Ambiente ist für junge Leute cool und hip. Kulmbach muss Lebensgefühl bieten - das wird die Herausforderung, um überhaupt Studenten nach Kulmbach zu bringen.

Wäre es für Sie denkbar gewesen, Tempo aus dem Thema rauszunehmen anstatt am Donnerstag abstimmen zu lassen?

Ja, auf jeden Fall. So hätte man Zeit gewonnen, um noch mal neu nachzudenken. Wir haben zwar alle dem Vorbescheid zugestimmt, aber das zeigt mir, dass der Stadtrat in Zukunft sensibler und vorsichtiger sein muss, als es bei diesem Projekt der Fall war. Sinnvoll wäre es, künftig aktiv nach Investoren und Architekten zu suchen, die sich auf solche Problemimmobilien spezialisiert haben. Unser Bedenken wären sicher kleiner gewesen, wenn das geplante Gebäude - wie auf der Grafik in der Zeitung gut zu sehen war - nicht so massig und massiv wäre. Die FDP ist investorenfreundlich, aber hier muss man den Gesamtzusammenhang sehen, ob man so einen Riesenkomplex in der Innenstadt haben will.

Haben Sie eine Idee, wie jetzt noch ein Kompromiss aussehen könnte?

Wünschenswert wäre es gewesen, Teile zu erhalten und alt und neu gut miteinander zu verbinden. Klar ist, dass jetzt wohl nicht mehr viel zu machen sein wird. Das Grundstück gehört dem Investor, und er hat einen Stadtratsbeschluss. Vielleicht kann man mit ihm reden, im Bereich an der Pestalozzistraße doch noch Teile zu erhalten. Selbst wenn jetzt der Abriss beschlossen ist, kommt es darauf an, was man neu baut. Ein solcher Wohnklotz, wie geplant, darf es nicht sein. Dafür gibt es Fachleute. Aber wir sollten daraus vor allem Lehren für die Zukunft ziehen, dass so etwas nicht mehr passiert.

Die FDP sammelt Unterschriften

Die Kulmbacher FDP will die Stadtratsentscheidung vom Donnerstag, die alte Mälzerei Müller abzubrechen und den Neubau des Investors Drösel Wohn- und Gewerbebau GmbH, Rosenheim, zu genehmigen, nicht einfach hinnehmen. "So einen gesichtslosen Neubau braucht kein Mensch", kritisiert Ulrich Gödde (FDP). Deshalb werde der Kreisverband am Samstag Unterschriften für die alte Mälzerei sammeln.

"Wir wollen mit unserer Aktion die öffentliche Stimmung zum Ausdruck bringen", sagt Gödde. "Wir sind von 9 bis 13 Uhr am Holzmarkt."

Er hoffe, dass viele Kulmbacher mitmachen. Die Unterschriften solle die Stadt dem Investor übergeben. Gödde: "Vielleicht kann trotzdem ein Teil des Gebäudes mit der Fassade in der Pestalozzistraße erhalten werden."

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