Kulmbach
Streit

Die Armee: ein besonderer Arbeitgeber - auch für Minderjährige?

Soll die Bundeswehr an Schulen informieren dürfen? Die Berliner SPD erwägt ein Verbot. In Kulmbach kommen Jugendoffiziere zum Berufswahltag der Realschule.
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Ein Offizier der Bundeswehr klärt Schülerinnen über die   Landesverteidigung auf.  Die Berliner SPD sieht diese Art vonArmee-Werbung kritisch.Symbolfoto: Thieret
Ein Offizier der Bundeswehr klärt Schülerinnen über die Landesverteidigung auf. Die Berliner SPD sieht diese Art vonArmee-Werbung kritisch.Symbolfoto: Thieret

"Soldaten sind Mörder!" Als Kurt Tucholsky, der einst selbst die Gräuel des Ersten Weltkriegs erlebte, diese Zeile 1931 veröffentlichte, war eine Spruchweisheit für die Ewigkeit geboren. Freilich eine höchst umstrittene. Das Bundesverfassungsgericht stellte in mehreren Urteilen die Verwendung des Satzes straffrei. Die Berliner SPD griff jüngst die Frage nach dem Morden wieder auf - und zwar im Zusammenhang mit den Besuchen von Bundeswehroffizieren an Schulen. Zentrale These: Fürs Töten mache man keine Werbung, schon gar nicht vor Jugendlichen.

Beim jährlichen Berufswahltag der Kulmbacher Carl-von-Linde-Realschule für die Neuntklässler ist es üblich, dass ein Jugendoffizier der Bundeswehr über die Aufgaben der Truppe informiert. Für Konrektor Markus Popp, der diesen Informationstag mitorganisiert, geht das in Ordnung, die Armee sei ein Arbeitgeber, "wenn auch ein besonderer".

Wehrhafte Demokratie

Popp, der Sozialkunde unterrichtet, war selber Wehrpflichtiger. "Wir wissen um die dunklen Kapitel unserer Geschichte, die eben auch im Zusammenhang mit dem Soldatentum stehen. Und die Bundeswehr ist natürlich im absoluten Ernstfall dazu da, einen Krieg zu führen - aber ausgelegt ist sie per se und Gesetz als Verteidigungsarmee, legitimiert durch das deutsche Parlament. Sie fußt auf urdemokratischen Grundsätzen und dient letztlich der Verteidigung unserer Staatsform. Wir leben zum Glück in einer wehrhaften Demokratie, eine schwache würde wohl auch nicht lange Bestand haben."

Was den Besuch der Jugendoffiziere angeht, so hat Popp eine klare Meinung dazu: "Diese Offiziere zeigen Werbefilme und sprechen darüber, was man bei der Truppe werden kann - und da sind viele zivile Berufe darunter. Sie tun damit nichts anderes als etwa die Bundespolizei, die ebenfalls bei uns zu Gast ist. Es handelt sich um Einrichtungen, die genauso zum Staat gehören wie das Schulwesen."

Die jüngst aufgeflammten Diskussionen über ein Verbot von Offiziersbesuchen zu solchen Berufswahltagen findet Popp überflüssig und kontraproduktiv, weil sie all jene diskreditierten, die einer ganz normalen Arbeit bei der Bundeswehr nachgingen. Der Konrektor ergänzt: "Es ist ja nicht so, dass nur die Bundeswehr bei uns dabei ist, im Gegenteil: Wir bieten eine Plattform für ganz viele Berufssparten - vom Altenpfleger über den Zimmermann bis zum Bankkaufmann und Industriemechaniker."

Es seien an die 30 Berufe, über die sich die Realschüler informieren können (dazu kommt die Einführungsklasse des Caspar-Vischer-Gymnasiums und der Fachoberschule). "Die Schüler werden vorab informiert und tragen sich je nach Interessenlage ein. Jeder kann sich pro Schulstunde aus fünf Vorträgen einen aussuchen. Es ist jedem absolut freigestellt, wovon er sich ein Bild machen möchte. Keiner wird dabei gezwungen, das Angebot der Bundeswehr anzunehmen." Von Schulseite sei ihm nie angetragen worden, auf die Offiziere zu verzichten, sagt Popp.

Er erinnert sich aber, dass es vor einigen Jahren schon einmal Proteste gegen diese Form der Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr gegeben hatte. 2013 hatten sich die beiden Linken-Kandidaten Christa Meist (Landtag) und Marko Müller (Bundestag) gegen das "Werben fürs Sterben" bei der Berufsinformationsveranstaltung ausgesprochen. Ihr Credo: "Der Beruf Soldat ist kein Beruf wie jeder andere. Wer Soldat ist, muss bereit sein, andere zu töten und den eigenen Tod in Kauf zu nehmen." Die Politiker verteilten Flugblätter, mit denen sie die Schüler auf die vermeintlichen Gefahren einer "soldatischen Karriere" hinweisen wollten.

Entsprechende Bedenken hatte vor einigen Jahren der bayerische Elternverband in einer Petition an den Landtag formuliert. Demnach sollten sich Schüler und Eltern selbst nach ihrem Gewissen über eine entsprechende Einladung entscheiden können, hieß es in der Eingabe. Die angesprochenen Schüler seien meist minderjährig und müssten ihre Wertvorstellungen noch entwickeln, deshalb sei eine Beeinflussung durch Vertreter des Militärs zu unterlassen.

Gewerkschaft hat Bedenken

Die Gewerkschaft Erziehung/Wissenschaft (GEW) will explizit "den Einfluss der Bundeswehr an Schulen zurückdrängen", wie auf der Homepage zu lesen steht. Es könne nicht angehen, dass sogar Waffenschauen auf Schulhöfen und in Turnhallen stattfänden.

Die Gewerkschaft moniert, dass entsprechende Kooperationsabkommen mit Landesregierungen das offensive Vorgehen der Bundeswehr unterstützten. In diesen Abkommen, wie sie etwa Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und das Saarland abgeschlossen hätten, werde betont, dass nicht für Tätigkeiten in der Bundeswehr geworben darf. "Stattdessen werden der Bundeswehr jedoch weitreichende Möglichkeiten im Bereich der politischen Bildung/des Politikunterrichts sowie der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte und Referendare eingeräumt", schreibt die GEW. Diese verstärkten Aktivitäten fielen in eine Zeit, "in der die Auslandseinsätze der Bundeswehr im Rahmen von Nato- und UN-Mandaten verfassungsrechtlich umstritten, politisch immer fragwürdiger und von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt werden".

Ausgewogenheit wahren

Die GEW empfiehlt, Jugendoffiziere der Bundeswehr nur dann einzuladen, wenn die notwendige politische Ausgewogenheit gewährleistet werde. "Die unterschiedlichen friedenspolitischen Konzepte, die Kontroversen über die verfassungsmäßige Funktion der Bundeswehr (von der Landesverteidigung zur Interventionsarmee), die Möglichkeiten ziviler Dienste sowie die verschiedenen Konzepte der internationalen Friedenspolitik müssen in gleicher Gewichtung dargestellt werden. Friedensorganisationen und Friedensinitiativen sind die gleichen Möglichkeiten wie der Bundeswehr einzuräumen, ihre Konzepte zu erläutern."

Rekrutieren lohnt sich offenbar

Die Bundeswehr selber teilte auf eine Anfrage der Linken im Bundestag mit, dass im Jahr 2017 die 70 Jugendoffiziere 3300 Mal diverse Schulen besucht hätten. Die Rede ist von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Seminaren mit Schwerpunkt "Sicherheitspolitik im 21. Jahrhundert". Die Jugendoffiziere hielten die Trennung ihrer Fachaufgabe zur Karriereberatung immer strikt ein. "Jugendoffiziere werben weder für eine Verwendung beim Arbeitgeber Bundeswehr, noch führen sie Maßnahmen der Personalgewinnung durch." Am häufigsten besuchten die Abgesandten Gymnasien, gefolgt von Real- und berufsbildenden Schulen. Die Summe der dabei erreichten Schüler und Studierenden wird mit rund 90000 angegeben.

Anders agierten demnach die Karriereberater der Bundeswehr. 400 seien unterwegs, um explizit für die Armee als Arbeitgeber zu werben, heißt es seitens der Bundesregierung. Die Beratung habe "zu einer guten Bedarfsdeckung" beigetragen, vor allem Minderjährige bezeugten Interesse. 2017 hatte die Bundeswehr mit 2128 Rekruten unter 18 Jahren einen neuen Rekord aufgestellt, seit 2011 die Wehrpflicht offiziell ausgesetzt worden war.

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