Kulmbach
Geschichte

Der vergessene Bauhauskünstler von Kulmbach

Egon Engelien galt als einer der talentiertes Bauhausschüler. Nach dem Krieg fasste er in Kulmbach Fuß. Seine Werke verstauben nun im Museums-Depot.
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Die abstrakten Silhoutten von Mauern, Hausdächern und Bäumen erinnern an Architektur des "Neuen Bauens"  am  Bauhaus von Weimar und Dessau  (Öl 1929).Wolfgang Schoberth
Die abstrakten Silhoutten von Mauern, Hausdächern und Bäumen erinnern an Architektur des "Neuen Bauens" am Bauhaus von Weimar und Dessau (Öl 1929).Wolfgang Schoberth
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1919 ist das Jahr der Frauen: Als im Februar in Weimar die Deutsche Nationalversammlung im Deutschen Nationaltheater zusammentritt, sind erstmals auch 37 Frauen unter den 423 Abgeordneten. Ein paar Straßen weiter wird das Bauhaus, die nachfolgend berühmteste Kunstschule der Welt, eröffnet. Bei den Einschreibungen für das Sommersemester sind die weiblichen Studenten mit 84 gegenüber 79 männlichen in der Überzahl.

Unter den talentierten, selbstbewussten und couragieren Frauen ist die 19-jährige Ida Kroenberg, Tochter eines Architekten aus Riga. Sie verliebt sich in den drei Jahre älteren Kommilitonen Egon Engelien. Nach einigen Semestern an der Kunstgewerbeschule seiner Geburtsstadt Stettin und der Akademie in München hat auch er sich von den Visionen des Gründers Walter Gropius anlocken lassen. Im Mai 1922 treten sie in Weimar vor den Traualtar. Es ist der Beginn einer erfolgreichen Künstlerehe, wenngleich "Inka", wie sie sich nennt, wie die meisten "Bauhausfrauen" von Gropius an den Webstuhl verbannt wird.

Egon Engelien feiert dagegen riesen Erfolge. Seine Bilder werden an der Seite der großen Namen bei internationalen Ausstellungen gezeigt. 1933 endet jäh das Glück. Seine Bilder werden von den Nazis als "entartet" beschlagnahmt, er selbst erhält Berufsverbot. Das Ehepaar sucht zunächst in Posen, später in Wien Zuflucht. Am Ende des Krieges bringen sie sich in dem entlegenen Frankenwaldort Wildenstein in Sicherheit. 1951 ziehen sie nach Kulmbach, in eine dürftige Einzimmer-Wohnung im Gastfabrikgässchen 2.

An seine früheren Erfolge kann der Maler in den Nachkriegsjahren bei Weitem nicht anknüpfen. Die Kontakte zu früheren Verlegern, Galeristen in Brüssel, Zürich, Berlin und Breslau sind weggebrochen, seine Bilder finden so gut wie keine Abnehmer. Er stirbt, innerlich gebrochen, 1967, Ida folgt ihm drei Jahre später. Ihr gemeinsames Urnengrab auf dem Kulmbacher Friedhof ist vor einigen Jahren eingeebnet worden. Ihre Namen sind getilgt.

Über die vier Jahre, die Egon und Ida Engelien in Weimar studieren, ist das Bauhaus ein Stelldichein der europäischen Avantgarde: Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, der Architekt Mies van der Rohe. Zugleich sind sie hineingewofen großen Richtungsstreit der frühen Jahre. Einer der "Meister" ist der Schweizer Maler, Farbgestalter und Kunstpädagoge Johanes Itten. Er erfindet den sogenannten Vorkurs, den er als Kreativitätslabor zur Förderung eines schöpferischen Menschen versteht. Er ermuntert seine Schüler zur Experimentierlust und zu einen kühnen Umgang mit der Farbe.

Weit mehr muss Engelien jedoch von Theo van Doesburg fasziniert gewesen sein, der als Dozent nur kürzere Zeit am Bauhaus unterrichtet darf. Der Niederländer ist Mitbegründer der Künstlervereinigung De Stijl und Wegbereiter des Konstruktivismus. Er fordert für die Kunst im wissenschaftlich-technischen Zeitalter eine universelle Sprache. Er sieht sie in den Grundformen der Geometrie wie Linien, Kreisen und Rechtecken. Engelien wird Mitglied bei De Stijl und verfasst in der Dezember-Nummer 1922 der Verbandszeitschrift einen begeisterten Beitrag über konstruktivistische Kunst.

Die 45 Bilder, die Ida Engelien nach dem Tod ihres Mannes der Stadt Kulmbach 1971 vermacht hat, zeigen bis ins Spätwerk hinein den Bauhaus-Einfluss. Aus dem Jahr 1927 stammt die mit Öl auf Pappe gemalte Collage "Spielzeug". Es sind nicht nur die Farbflächen und kubistischen Formen, die an Paul Klee erinnern, sondern der Hampelmann selbst. Vor allem Bauhaus-Studentinnen haben bunte Bausteine, Bastelbögen und Malfibeln für eine neue Pädagogik entworfen, wie die vor wenigen Tagen im Staatlichen Museum für Kunst unsd Design in Nürnberg eröffnete Ausstellung "Bau Spiel Haus" zeigt.

Mitte der 1920er Jahre experimentiert Engelien mit einer Technik, die er "überpersönliche konzentrierte Malerei" nennt. Ihre Besonderheit besteht zum einen darin, dass Menschen, Tiere, Pflanzen mit abstrakten Figuren verwachsen. Zum anderen ist es die Sprüh-Technik: Engelien schneidet Schablonen zu, über die er mit einem Flacon Wasserfarben stäubt. Es entstehen raffinierte Schattierungen und Kanteneffekte, wie mehrere Arbeiten im Depot des Landschaftsmuseum zeigen; etwa die Kompostion "Kuh und Henne" oder der "Sichelmond", der in den Sphären des Weltalls träumt.

Eine der eindruckvollsten Arbeiten ist das wenige Jahre vor Hitlers Machtergreifung entstandenes Selbstbildnis Engeliens im Sil der Neuen Sachlichkeit. Es zeigt ihn als selbstbewussten Intellektuellen mit markanter Nase und zurückweichendem Haupthaar. Dem Betrachter blickt er kritisch und misstrauisch ins Auge. Das bürgerliche Ambiente hat etwas Beengendes, der Künstler wirkt zwischen der Briefablage vor ihm und dem Raumwinkel wie eingeklemmt. Das Selbstporträt ist in der Zeit seines höchsten Ansehens entstanden. Er gilt als maßgeblicher Vertreter der europäischen Avantgarde. Arbeiten von ihm werden bei Ausstellungen der Berliner"Novembergruppe" an der Seite von Kandinsky, Feininger, Klee und Ewald Mataré gezeigt.

Als er 1951 mit seiner Frau nach Kulmbach kommt, ist er ein Schatten seiner selbst. Das Ehepaar Hans und Brigitta Lewerenz war mit den Engeliens gut bekannt. Brigitta Lewerenz erinnert sich an ihn als eine schwierige Persönlichkeit - traumatisiert von dem Unrecht, das ihm angetan wurde, und hyperempfindlich. Hatte man sein Klingeln an der Haustür überhört und ihn kurze Zeit warten lassen, konnte er wütend werden.

Engelien sirbt im Januar 1967. Nach der der letztwilligen Verfügung seiner Witwe soll sein künstlerischer Nachlass in den Besitz der Stadt Kulmbach übergehen. Oberbürgermeister Erich Stammberger und der Stadtrat nehmen im März 1971 die Stiftung an. Hans Dieter Lotz regt in der Sitzung an, dass "einige Bilder der Bilder an repräsentativer Stelle einen Ehrenplatz erhalten und nicht ins Depot wandern". Der Stadtrat stimmt dem zu. Gerade im Bauhaus-Jahr sollte man sich an den Beschluss erinnern.

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