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Kulmbach
Lebensmittel

Der Verbraucher hat's in der Hand

Ein Skandal jagt den nächsten - und keiner weiß mehr, was man guten Gewissens essen kann. Die Expertin Ursel Willenberg weiß, dass mit Umdenken schon viel erreicht wäre.
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Ein Lebensmittelskandal jagt den nächsten: Die Verbraucher sind verunsichert, was man noch guten Gewissens essen kann. Foto: Oliver Berg/dpa
Ein Lebensmittelskandal jagt den nächsten: Die Verbraucher sind verunsichert, was man noch guten Gewissens essen kann. Foto: Oliver Berg/dpa
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Erinnern Sie sich noch? Frostschutzmittel im Wein - mit dem Glykolskandal in Österreich fing es Mitte der achtziger Jahre an. Inzwischen jagt ein Lebensmittelskandal den nächsten. Wir hatten Gammelfleisch, die Rinder seuche BSE, Dioxin im Tierfutter und Ehec-Erreger im Salat oder Acrylamid-Belastung von Pommes. Essen aus der Ekel küche ist an der Tagesordnung: Analog-Käse auf der Pizza oder Schinken, der aus Fleischresten zusammengeklebt wurde, und - ganz aktuell - Pferdefleisch in der Lasagne. Dazu noch gehärtete Fette, modifizierte Stärke, Geschmacksverstärker und Aroma stoffe - Ernährung aus dem Chemiebaukasten. Gar nicht zu reden von der Gentechnik, deren Einsatz in Nahrungsmitteln von vielen Verbrauchern abgelehnt wird.

Wir sprachen mit Ursel Willenberg vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kulmbach/Kronach über Lebensmittelskandale und Konsequenzen, die die Verbraucher ziehen können.
Die Expertin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Ernährungsfragen, bildet Frauen aus, die in Großküchen arbeiten, und berät Direktvermarkter in der Region.

Werden die Verbraucher von der Lebensmittelindustrie verarscht?
Ursel Willenberg : Nein, die Industrie macht genau das, was der Verbraucher kauft. Da steckt ganz viel Management dahinter. Nicht umsonst gibt es die Meinungsforscher, die die Menschen nach ihrem Kaufverhalten befragen.

Sind die Verbraucher mit ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität auch selber schuld, weil Lebensmittel spottbillig sein müssen?
Das ist - wie der Glaube, dass die Regale von früh bis spät immer vollstehen müssen - ein wichtiger Aspekt der industriellen Lebensmittelherstellung: Wir wollen billig! Wenn diese Forderung der Verbraucher erfüllt werden soll, kann man keine hochwertigen Zutaten aus der Region nehmen, weil sie zu teuer sind. Man muss Zutaten von irgendwoher beschaffen, wo sie billig sind. Die Lebensmittel haben einen Weg hinter sich, den könnten wir uns als Urlaubsreise nur erträumen.

Dabei haben wir's am Land ja noch vergleichsweise gut ...
Ja sicher, die Leute in der Großstadt sind weit weg von der Natur, von Feld und Wald, ihnen fehlt der Bezug zum Lebensmittel. Sie wissen gar nicht mehr, was es für eine Arbeit macht, einen Salat auf dem Feld anzubauen. Wir haben hier auch alle Angebote der Welt - und das soll auch so sein - , aber wir haben den Vorteil, dass es in der länd lichen Region noch viele Bauern gibt, die ihre eigenen Produkte in Hofläden oder auf Bauernmärkten verkaufen. Das bietet die Voraussetzung, dass Lebensmittel aus der Region ordentlich produziert werden. Hier in dieser kleinen Struktur funktionieren ja auch die Kontrollen, weil sich die Leute kennen und der Kunde dem Verkäufer direkt in die Augen schaut. Die ganze Skandale kommen daher, dass der Erzeuger, wenn alles billig sein muss, nicht leben kann. Schweine und Hähnchen werden zusammengepfercht und turbo-gemästet, dass sie schnell schlachtreif sind. Da kann ich nicht erwarten, dass ich eine Superqualität bekomme.

Was kann man eigentlich guten Gewissens noch essen?
Alles, was man genau kontrolliert hat. Wenn eine Lasagne für vier Personen 99 Cent kostet, kann halt etwas nicht passen. Besser sind Lebensmittel, die Saison haben, aus der Region kommen und wenig verarbeitet sind. Und wer dann noch selber kocht, hat eine Qualität, die auch preisgünstig sein kann.

Apropos kochen: Es gibt immer mehr Kochshows im Fernsehen, aber immer weniger stehen selber in der Küche.
Viele junge Leute haben heute keine Zeit mehr für Nahrungszubereitung oder legen keinen Wert darauf. Wenn sie das Kochbuch eines Fernsehkochs zur Hand nehmen, sind die Rezepte oft zu kompliziert oder das Ergebnis ist nicht perfekt. Das braucht man auch gar nicht. Aber wir befinden uns in einem Teufelskreis: Die Industrie designed Lebensmittel mit einem bestimmten Geschmack, an den man von klein auf gewöhnt ist. Dann sind die Leute enttäuscht, wenn sie selber kochen und den Geschmack nicht hinbringen.

Was muss sich ändern?
Eltern meinen in ihrem falsch verstandenen Wunsch nach Perfektion, dass sie ihren Familien was Gutes tun, wenn sie Fertigprodukte kaufen. Das Gegenteil ist der Fall. Besser ist es, wie wir es auch den Leuten in der Landwirtschaftschule beibringen, wieder selbst zu kochen. Das ist gar nicht kompliziert, es gibt nur ein paar Faustregeln, die zu beachten sind. Damit kann man daheim experimentieren und der Familie etwas anderes vorsetzen. Kinder sollten mithelfen dürfen, und mit der Zeit haben alle Spaß am Kochen. Man sollte die ganze Palette der Lebensmittel nützen - zum Beispiel auch die ganz aus der Mode gekommenen Hülsenfrüchte, die ganz viel Eiweiß liefern - und von der Saison abgucken, was gerade verfügbar ist.

Braucht es mehr Kontrollen, um Lebensmittelskandale zu verhindern?
Nein, der Verbraucher hat es selbst in der Hand. Wenn die Industrie bestimmte Dinge nicht mehr verkauft, dann werden sie aus dem Sortiment genommen. Und es ist ein Umdenken notwendig. Fürs Auto wird das beste Motoröl gekauft, aber selbst stopfe ich mir die billigsten Lebensmittel rein, da stimmt irgendwas nicht. Lieber frische Sachen beim beim Bauern und Direktvermarkter, beim Metzger und Bäcker vor Ort kaufen. Da bezahle ich zwar einen Euro mehr, habe mir aber was Gutes getan - und stärke nebenbei auch unsere Region. Da muss sich wieder die Erkenntnis durchsetzen, dass nicht alles zu jeder Zeit verfügbar sein muss.
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