Trebgast
Premiere

Der "Michel aus Lönneberga" wird gefeiert

Der Michel aus Lönneberga erobert die Naturbühne Trebgast: witzig, turbulent und mit nordischem Flair. Die ausverkaufte Vorstellung wird mit viel Applaus aufgenommen.
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Die Premiere des Kinderstücks "Michel aus Lönneberga" ist ein voller Erfolg.
Die Premiere des Kinderstücks "Michel aus Lönneberga" ist ein voller Erfolg.
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Kann man´s besser timen? Am Abend vor der Premiere exakt vor 50 Jahren schreibt Astrid Lindgren in ihr Tagebuch: "Die ersten kleinen Worte für einen großen Kerl". Ihre Lieblingsfigur Michel hat das Licht der Welt erblickt.

Man kennt den Schreibanlass genau: Ihren nervigen Enkel Karl-Johan, der Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und die Bullerbü-Kinder schon kennt, faszinieren neue Geschichten: "Willst du hören, was Michel aus Lönneberga machte?" Aus dem Stegreif erzählt sie erste Schelmenstücke. Der Dreikäsehoch war von dem pfiffigen Blondschopf so amüsiert wie bis heute 50 Millionen Leser.


Liebenswert, kauzig, sperrig

Für Astrid Lindgren (1907-2003), damals immerhin schon 55, ist der Michel keine beliebige Gestalt.
Es ist eine Figur aus ihrer eigenen Kindheitswelt in Vimmerby bei Stockholm, einer dörflichen Idylle in der Nähe von Stockholm Anfang des 20. Jahrhunderts. Alles ist ihr gegenwärtig: liebenswerte und sperrige Menschen, kauzige und spukhafte Typen. Vor allem: die Geborgenheit im Hof ihrer Eltern und die grenzenlose Freiheit sich auszutoben.

Sigrid Graf, die erstmals auf der Naturbühne inszeniert, möchte die dörfliche Welt des hohen Nordens sichtbar machen. Mit einem Großaufgebot von 27 Schauspielern arrangiert sie lebendige Jahrmarkt-Szenen zwischen den Buden der Schausteller (Bühnenbild: André Putzmann, Bühnenbau: Dieter Krause): Das Ganze schön durchchoreografiert und einfallsreich. Es wird Trödel-Ware verhökert, getanzt, geschäkert, geklaut (als Diebe: Saskia Luthardt und Sebastian Feulner) oder Feuerzauber abgebrannt. Dazwischen darf es mal eine Hauerei sein zwischen zwei Nebenbuhlern wie dem Knashult Bauern (Horst Dößel) und Alfred, dem Katthult-Hof-Knecht (Thorsten Neukam).

Zentral sind natürlich die Bravourstücke Michels, denen nicht nur die jungen Zuschauer entgegenfiebern. Sie werden nicht enttäuscht, die tollsten Kracher sind im Angebot: Die Mäusefalle, die mit dem Zeh´ seines Vaters zuschnappt. Natürlich schickt der vor Schmerz brüllende Vater den Michel dorthin, wo er immer landet - in die Schnitzwerkstatt.

Die Plumpsklo-Episode: Michel riegelt aus Versehen das Häuschen ab, sodass sein "geschäftiger" Vater aus dem Luftloch herauskrabbeln muss.

Nicht weniger irr das Hochziehen seiner Schwester Klein-Ida am Fahnenmast - als Ersatz für die schwedische Flagge.

Oder die berühmteste aller Geschichte, das Ausschlecken der Suppenschüssel: Michel bleibt mit dem Kopf drin stecken. Da sich der Vater weigert, die Terrine zu zerschlagen, muss Michel mit dem Monstrum zum Arzt laufen.


Konflikt mit dem Vater

Michel ist eine ideale Identifikationsfigur für Kinder. Der coole Boy mit Mütze ist clever, kreativ und schon ausgeprägt selbstbewusst. Er sprüht vor Einfällen, anderen zu helfen. Er lässt sich von keinem unterbuttern, am wenigsten von seinem Vater. Moritz Weinmann (er wechselt sich bei den Vorstellungen mit Florian Potzel ab) spielt die Titelfigur einfach klasse: Er ist quirlig, putzmunter und sehr sicher in seinem Auftreten und mit dem langen Text. Siegfried Küspert spielt den Vater - ein Muff, der an dem Jungen nur herumnörgelt (für ihn ein "Lümmel"), und ein unsäglicher Pfennigfuchser.

Ganz anders die Mutter Alma. Sie glaubt an ihren Jungen, bewundert ihn und vergisst keinen Streich ins Tagebuch einzutragen (Silke Ködel: liebenswürdig, mit warmer Ausstrahlung). Wen er als Gegengewicht zu seinem autoritären Vater braucht, ist ein Kumpel wie der Knecht Alfred. Er nimmt Michel einfach so wie er und palavert nicht viel. Thorsten Neukam spielt die Rolle sehr sympathisch wie die eines großen Bruders.

Eine große Stütze für Michel ist auch seine jüngere Schwester, die zu ihm aufschaut und alles mitmacht. Sophia Weinmann ist als Klein-Ida einfach drollig, ein hüpfendes fröhliches Dingelchen, dem die Herzen der Zuschauer zufliegen.

Die Sympathien des Publikums haben noch zwei weitere Figuren: die Magd Lina und Krösa-Maya. Patricia Lerner ist als Magd umwerfend komisch in ihren verzweifelten Versuchen, sich an den Heiratsmuffel Alfred heran zu pirschen.


Sie wittert "den Tyyyyyphus"

Nicht minder amüsant ist Christl Haßfürther als Unheilsprophetin. Sie wittert die "Unterirdischen", sieht den "Kometen" heraufziehen oder stellt "den Tyyyyyphus" fest - bloß weil Michel das Gesicht seiner Schwester blau angepinselt hat.

Nach zwei Stunden Spiel ein Extra-Applaus für den Theaternachwuchs - viele Kinder und Jugendliche stehen zum ersten Mal auf der Bühne. Es ist gewiss ein großes Verdienst der Naturbühne, junge Talente fürs Theater zu begeistern.
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