Kulmbach
Empörung

Der Film "Das Schweigen": Als der Sex nach Kulmbach kam

Vor 50 Jahren sorgte Ingmar Bergmanns "Das Schweigen" in Kulmbach für einen Skandal. Der Schaukasten des Union Theaters wurde demoliert, Stadträte und OB erhielten Drohbriefe. Die Polizei führte scharfe Ausweiskontrollen der Besucher durch.
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Im Union Theater (UT) an der Hardenberg Straße wurde der heiß diskutierte schwedische Streifen "Das Schweigen" 1964 gezeigt. Vor der Kinokasse bildeten sich lange Warteschlangen. Die Aufnahme stammt aus den späten 60er Jahren. Foto: Kulmbacher Stadtarchiv
Im Union Theater (UT) an der Hardenberg Straße wurde der heiß diskutierte schwedische Streifen "Das Schweigen" 1964 gezeigt. Vor der Kinokasse bildeten sich lange Warteschlangen. Die Aufnahme stammt aus den späten 60er Jahren. Foto: Kulmbacher Stadtarchiv
Zwei Tage nach der Ankündigung des Films am 17. April 1964 in den Zeitungen schepperte es: Unbekannte warfen Steine in den Schaukasten auf dem Vorplatz des Kinos und raubten die Fotos und Plakate.

Gleichzeitig erhielten die Stadträte und OB Wilhelm Murrmann ein Schreiben von einem gewissen "Witelsky", der vorgibt, auch im Namen der katholischen und evangelischen Jugend zu sprechen: "Meine Herren, haben Sie Mut und verbieten Sie die Aufführung dieses Filmes und Sie werden in der Bundesrepublik hohe Anerkennung ernten." Am Ende folgt eine massive Drohung: "Sollten Sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, dann wird einigen Herren die Gelegenheit gegeben werden, im Rollstuhl durch Kulmbach fahren zu können. Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher." Kino-Besitzer Willy Jainz erstattet wegen der Sachbeschädigung Strafanzeige, ebenso der SPD-Stadtrat Robert Hansl wegen Nötigung.


Braune Schatten

Man sollte 50 Jahre später in den üblen Aktionen nicht nur das Werk von Psychopathen sehen. Dahinter verbarg sich mehr: Es war ein letztes Aufbegehren der "Saubermänner", die aus dem braunen Schatten der Nazi-Zeit nicht heraustreten wollten. Und es war die Zeit vor der "sexuellen Revolution" durch die 68er mit einer verklemmten, nicht selten heuchlerischen Sexualmoral.

300 Sekunden Sex

Das Getöns über die angebliche Verruchtheit des Films und die groß angekündigten Ausweiskontrollen durch die Polizei ("unter 18. rücksichtslos heimgeschickt", Kulmbacher Polizeichef Ernst Pongratz) erweisen sich als kostenlose Reklame. "Das Schweigen" wird wie in vielen Städten zum Blockbuster: lange Warteschlangen vor dem UT, alle Vorstellungen ausverkauft, dreimalige Verlängerung um jeweils eine Woche.

Ingmar Bergmann zeigt am Beispiel der beiden Schwestern Ester und Anna die Einsamkeit von Menschen, ihre psychischen Abgründe, ihre Unfähigkeit zur Kommunikation - eben das "Schweigen". Es ist ein depressiver Film in Schwarzweiß. Die Sex-Sequenzen machen 300 Sekunden aus: Sie zeigen die sich auf dem Bett selbst befriedigende Ester, ein Liebespaar im Varieté und einen One-Night-Stand in einem Hotelzimmer.

Im Oktober 1964 holen die Tugendwächter der Republik zum Gegenschlag gegen "schmutzige Machwerke" aus. In Schweinfurt wird die "Aktion Saubere Leinwand" gegründet, die überall ihre Anhänger hat. Bürger werden aufgerufen, sich in Listen einzutragen.

Bundespräsident wollte kommen

Bundespräsident Heinrich Lübke reist am 4. Oktober nach Schweinfurt, um die gesammelten 23.456 Unterschriften in Empfang zu nehmen. Für den 7. Oktober kündigt er sich in Kulmbach an, doch der Besuch wird wegen dichten Nebels abgesagt. Auch die 1,3 Millionen Unterschriften, die landesweit zusammen kamen, können die Zeit nicht zurückdrehen. Mit dem "Schweigen", dem der nicht weniger skandalträchtige schwedische Film "491" folgt, beginnt die erste "Sex-Welle" der Nachkriegszeit. Es sollte nicht die letzte sein.

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