Kulmbach
Gleichberechtigung

Das Zauberwort heißt Respekt

Drei Generationen - drei unterschiedliche Lebensentwürfe: Die Kulmbacher Familie Stindl hält in allen Lebenslagen fest zusammen.
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Erna Stindl mit Enkelin Carina, Schwiegertochter Andrea und Sohn Helmut  Foto: Dagmar Besand
Erna Stindl mit Enkelin Carina, Schwiegertochter Andrea und Sohn Helmut Foto: Dagmar Besand

Es ist ein emotionales Gespräch, und ein anrührendes. Es ist die Geschichte dreier Generationen, die zusammenhalten wie Pech und Schwefel und die bei allen Unterschieden in ihren jeweiligen Biografien viel gemeinsam haben. Das Gemeinsame sind die Werte - unverrückbar in Stein gehauen: Die Familie ist wichtig, gegenseitiger Respekt und Wertschätzung selbstverständlich. Die Unterschiede liegen vor allem in den Chancen, die den Familienmitgliedern in ihrer Jugend offenstanden.

Schlesien im Jahr 1943. Die 14-Jährige Erna ist mit der Volksschule fertig. Sie hat keine hochfliegenden Träume, nur einen bescheidenen Wunsch: Sie möchte gerne eine Lehre machen und Schneiderin werden. Doch daraus wird nichts. Es ist Krieg. Sie muss das für Mädchen obligatorische Pflichtjahr bei einer kinderreichen Familie absolvieren - in einer Bahnhofswirtschaft. Schwere Arbeit für eine Jugendliche. "Das hat damals aber niemanden interessiert, ob ich das will oder kann."

Mehr als sieben Jahrzehnte später hat es die Enkelin da deutlich leichter: Carina Krauß darf das Gymnasium besuchen, ihre Wunschausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin machen. Sie arbeitet derzeit auf der Frühchen-Station im Krankenhaus Ingolstadt. Oma Erna macht das glücklich: "Ich bin so froh, dass Carina die Chancen hat, die es für mich damals nicht gab."

In der Folge des Krieges verschlug es Erna Stindls Familie 1945 nach Kulmbach. Als ungelernte Arbeiterin geht das junge Mädchen zum Geldverdienen in die Spinnerei. Sie heiratet, bekommt zwei Söhne und setzt alles daran, ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen.

Sohn Helmut, Carinas Vater, wird Kaufmann für Groß- und Außenhandel. "Das war genau das, was ich machen wollte", sagt der 58-Jährige. Auch seine Frau Andrea, gelernte Bekleidungsfertigerin, profitierte von der inzwischen etablierten Gleichberechtigung zwischen Jungen und Mädchen.

Die Familienbande der Stindls sind stark. Füreinander da zu sein, ist eine Selbstverständlichkeit. Gesamtgesellschaftlich sehen sie das Thema Generationensolidarität allerdings als eine große Herausforderung. Die 25-jährige Carinabeobachtet: "Unsere Gesellschaft wird kälter, irgendwie rücksichtsloser. Die meisten Leute sind gestresst und denken zuerst an sich."

Gleichaltrige und sogar kleine Kinder verbrächten ihre Freizeit vor allem mit dem Handy oder am Computer. "Ich habe als Kind mit meiner Oma viel gespielt, gerne Puzzles gelegt." Die junge Frau möchte diese gemeinsamen Stunden um nichts in der Welt missen. "So wie ich aufgewachsen bin, wächst jetzt kaum noch ein Kind auf. Das ist schade."

Ihre Schwiegereltern hätten viel und körperlich schwer gearbeitet, erinnert sich Andrea Stindl, "aber sie waren glücklich. Sicher gibt es heute mehr Luxus, aber viele Menschen sind psychisch belastet, ausgebrannt, haben kaum noch Zeit füreinander und schon gar nicht für andere."

Oma Erna, inzwischen 89 Jahre alt, lebt im Pflegeheim. Vor dreieinhalb Jahren war klar: Es geht nicht mehr anders. Trotzdem ist der Familie der Schritt sehr schwer gefallen. Und obwohl sie zunächst den Schwiegervater bis zu dessen Tod und später auch die Schwiegermutter zu Hause versorgt hat, belastet die Entscheidung Andrea Stindl noch immer ein wenig: "Es tut mir weh, dass ich sie im Stich lassen musste. Sie war immer für uns da, Oma und Opa haben unsere Kinder mit großgezogen. Wir konnten mit ruhigem Gewissen auf die Arbeit gehen. Nie gab es ein böses Wort."

"Ich werde von allen geachtet"

Doch die 89-Jährige fühlt sich nicht im Stich gelassen, sondern im Awo-Pflegeheim Am Rasen gut versorgt. "Ihr braucht euch keine Vorwürfe zu machen", sagt sie tröstend zu Sohn und Schwiegertochter. "Ich habe keine schlechte Zeit. Und ich werde von allen geachtet."

Letzteres ist der alten Dame besonders wichtig. "Respektvoll miteinander umzugehen, das ist es, was sie ihre Kinder und Enkelkinder lehren wollte. Es macht sie sichtlich ein bisschen stolz, dass das zu einem Grundwert ihrer Familie geworden ist. Diese Haltung könnte der Gesellschaft insgesamt nicht schaden, findet sie: "Mit ein bisschen mehr Respekt und Verständnis könnten wir viele Probleme lösen."

Solidarit wird gelebt und muss gepflegt werden

Gerechtigkeit, Wertschätzung, Zufriedenheit - das sind wichtige Säulen einer funktionierenden Gesellschaft. Solidarität zwischen den Generationen gehört ebenso dazu, sagt Sozialpädagogin Silvia Bauernfeind vom Beratungs- und Betreuungsdienst der Kulmbacher Arbeiterwohlfahrt. "Diese Solidarität ist stabil in unserer Gesellschaft verankert, obwohl es oft heißt, sie werde immer egoistischer. Ich erlebe in meiner Tätigkeit in der Beratungsstelle und im Senioren- und Pflegeheim Am Rasen, dass es vielen Menschen wichtig ist, füreinander da zu sein."

Genießt dabei eine Generation die Vorteile, während die andere die Lasten trägt? "Das glaube ich nicht. Ich sehe aber die mittlere Generation besonders gefordert", sagt Silvia Bauernfeind. Da sei einerseits die Versorgung der hilfsbedürftigen Mutter zu bewerkstelligen, auf der anderen Seite die Ausbildung des Sohnes zu unterstützen oder die Betreuung der kleinen Enkelkinder zu organisieren. Die Mehrbelastung sei aber nicht mit Ungerechtigkeit gleichzusetzen. "Die Generationen verschieben sich. Die Jungen von heute sind die Alten von übermorgen."

Barrieren nicht entstehen lassen

Auch für die Sozialpädagogin ist klar: "Wir leben nicht auf einer Insel der Glückseligen. Die Arbeitswelt ist fordernd und wird hektischer, die zunehmende Digitalisierung und demografische Veränderungen bringen Umbrüche mit sich." Da müsse man überlegen, wie sich Barrieren zwischen den jungen und alten Menschen vermeiden lassen. "Unsere ganze Gesellschaft ist da gefordert, an erster Stelle die Politik. Wir brauchen Strategien, um die Solidarität zwischen den Generationen auch in Zukunft zu sichern."

Wie das in der Praxis aussehen kann? "Gut funktionierende Familiensysteme machen es vor: Man tauscht sich aus und hilft sich gegenseitig. Was in der Familie als kleinster Einheit der Gesellschaft machbar ist, kann auch auf anderen Ebenen ausgehandelt und organisiert werden."

Silvia Bauernfeind hat ein gutes Beispiel für ein gelungenes Generationenprojekt in Kulmbach parat: den Schülerbesuchsdienst der Carl-von-Linde-Realschule. Jugendliche besuchen regelmäßig die Bewohner des Awo-Pflegeheims Am Rasen. Menschen, die zwei oder sogar drei Generationen trennen, verbringen Zeit miteinander, beschäftigen sich gemeinsam, hören einander zu, nehmen Anteil am Leben, den Wünschen, Sorgen und Gedanken der anderen, entdecken Verbindendes. "Gerade im Hinblick auf generationenpolitische Gestaltungsprozesse in einer sich wandelnden Gesellschaft ist ein wertschätzendes Klima zwischen den Generationen unerlässlich", sagt die Sozialpädagogin. "Auch der Generationenvertrag kann langfristig nur mit Generationensolidarität funktionieren."

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