Trebgast
Premiere

Das verrückteste Mädchen der Welt tanzt über die Trebgaster Naturbühne

Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Abenteuer feierte Premiere auf der ausverkauften Naturbühne Trebgast. Das Familienstück punktet mit viel Tanz und Musik.
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Gibt es was Schöneres als das Leben im Taka-Tuka-Land? Annika (Sophia Weinmann, links)  Pippi (Franziska Borfeldt) und Tommy (Elena Helmrich) lümmeln sich in ihren Liegestühlen und machen tolle Musik. Dahinter ihre vielen neuen Freunde in farbenprächtigen Kostümen.Wolfgang Schoberth
Gibt es was Schöneres als das Leben im Taka-Tuka-Land? Annika (Sophia Weinmann, links) Pippi (Franziska Borfeldt) und Tommy (Elena Helmrich) lümmeln sich in ihren Liegestühlen und machen tolle Musik. Dahinter ihre vielen neuen Freunde in farbenprächtigen Kostümen.Wolfgang Schoberth
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Mit dem Pippi-Langstrumpf-Lied hopst sie mit fliegenden roten Zöpfen durch die Zuschauerränge auf die Bühne. "Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt, und Drei macht Neune! Ich mach" mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt. Trallari trallahey tralla hoppsasa ". Mathematik ist nicht ihre große Stärke. Und auch das Brieflesen überlässt sie lieber ihrer Freundin Attika. Schule schätzt sie nur wegen der Ferien. Der Song, bei dem das Publikum gleich mitgeht, wird während der eineinviertel Stunden Spielzeit (zusätzlich 20 Minuten Pause) noch oft geträllert werden und Pippis kunterbunte Fantasie, ihre Unbekümmertheit, ihr Schwung wird Alt und Jung mitreißen.

André Putzmann und Dieter Krause haben für die Inszenierung von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf dem Wehlitzer Berg ein Bühnenbild geschaffen, das anfänglich bescheiden ausschaut: Pippis Villa Kunterbunt rechts auf der Anhöhe, davor auf der Veranda ihr gepunkteter Apfelschimmel "Herr Nielsen". Doch im Spielverlauf erscheinen wie von Geisterhand bewegte Attrappen auf der Bühne. Die witzigen Einfälle ernten beim Publikum immer wieder Lachsalven: Im Vordergrund rollt ein protziger Mercedes ein, zwischen den Felsen weit hinten erscheint die wild schwankende "Hoppetosse" mit ihrem roten Segel und der gehisster Klabauterflagge. Oder es taucht im Meer ein Ruderboot mit zwei Dieben auf, die Pippi und ihren Freunden die im Taka-Tuka-Land getauchten Perlen abgaunern wollen. Der Verzicht auf realistische Requisiten ist Absicht. Regisseur Raik Knorscheidt möchte der Fantasie der Kinder Spielräume eröffnen.

Auftritt Quälgeister

Doch bevor sich Pippi mit ihren Freunden auf große Fahrt begeben kann, muss sie sich nerviger Mitmenschen erwehren. Da kommt einer, er nennt sich "Feiner Herr", der macht auf Dickmax (Rüdiger Zenker). Als ein Immobilienspekulant möchte er die Villa Kunterbunt zu einem Spottpreis abkaufen, die "Bruchbude" niederreißen und Bäume fällen. Die Besitzerin geht dem Kerl an sein kariertes Sakko, dass ihm sein Zigarre rauchen vergeht und er sich in die Arme des Polizisten flüchten muss. Nicht weniger unangenehm für Pippi sind die beiden biederen Frauen Prysselius und Granberg. Sie möchten das allein lebende Mädchen pädagogisieren, vor schlechter Gesellschaft bewahren und möglichst in ein Kinderheim stecken. Sonja Hottung und Anna-Lena Bollinger spielen sie nicht als autoritäre Schreckgestalten, sondern als besorgte Nachbarinnen. Vorbildlich aber sind die Eltern von Annika und Tommy (Georgia Lauterbach, Rüdiger Zenker). Sie lassen ihren Kindern Freiraum, vertrauen ihnen und lassen sie ins Taka-Tuka-Land reisen.

Viele Szenen sind wirkungsvoll herausinszeniert. Man sieht ihnen an, dass Raik Knorscheidt intensiv mit den jungen Akteuren arbeitet. Vor allem aber auch, dass er vom Musiktheater kommt. Es wird viel getanzt, die Schauspieler vereinigen sich in bunten Choreografien, wüste bardische Sprechgesänge werden gegrölt, Piratensongs wie das unsterbliche "What shall we do with a drunken sailor, early in the morning?" angestimmt. Das "Heja-heja-ho" geht durch Mark und Bein. Besonders einfallsreich ist das Rhythmisieren der Kinder auf einfachen Instrumenten. Alles kann zum Schlaginstrument werden, vom Waschbrett über Besteck und Teller, bis hin zum riesigen Suppentopf.

Die Figuren sind allesamt gut gezeichnet. Die Postbotin (Diana Bettge-Luthardt) zum Beispiel, die einen Brief an Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Langstrumpf von ihrem Vater abgeben soll. Von Pippis Suche nach dem Wort "Spunk" ist so irritiert, dass sie, ohne den Brief abzugeben, weitergeht. Eine tolle Partie spielt Andreas Kießling als Friedolf, ein gut gebautes Prachtsmannsbild und rechte Hand des Käpt´ns. Mit seiner unbändigen Fresslust und Gutmütigkeit spielt er sich in die Herzen der Zuschauer. Er muss es natürlich sein, auf dessen Nase Pippi den "Spunk" entdeckt - eine unbekannte Käferart. Auch der abenteuerhungrige Kapitän Langstrumpf ist mit Michael Vogler bestens besetzt. Mit seiner schwarzen Montur, schwarzen Piratenstielen und goldenem Ohrgehänge (Kostüme: Wolfram Müller-Broeder) scheint er ein fürchterlicher Raubauz, doch im Kern ist er weich und unendlich Pippi-lieb, dicke Knallküsse inklusive.

Nach der Pause werden die Reize der Südsee-Insel entfaltet. Pippi und ihre beiden Freunde Annika und Tommy können auf ihren Liegestühlen chillen und Kokosnuss-Milch schlürfen. Vater Langstrumpf wird es auch nicht langweilig: Er rückt zur Wildschweinjagd auf die Nachbarinsel aus oder lässt sich von einem attraktiven Eingeboren-Mädchen (Georgia Lauterbach) den Bart kraulen. Knorscheidt steckt die Inselbewohner in knallbunte Fantasy-Kostüme, und die jungen und ganz jungen Schauspieler sind mit Feuereifer dabei. Am Schluss laufen Pippi und ihre Freunde zur Hochform auf. Pippi muss die Attacke von drei Haifischen (Paula und Emma Keßler, Klara Holzheu) abwehren, die um ein Ruderboot kreisen. Und sie muss die beiden Insassen (Romana Hofmann, Miriam Dößel), die sich als üble Diebe und Erpresser entpuppen, zum Teufel jagen.

Die drei Hauptakteurinnen schultern ihre langen Sprechrollen bravourös. Sophia Weinmann ist eine bezaubernde Annika, attraktiv, bühnenpräsent, mit grazilem Ausdruck. Elena Helmrich spielt ihren Bruder Tommy. Es ist toll, wie sie sich in eine Bubenrolle einfinden kann. Sie spielt ihn als netten und freundschaftlichen, manchmal burschikosen Jungen. Der 15-jährigen Franziska Borfeldt gelingt in der Rolle der Titelfigur eine Glanzpartie. Mit ihrem Rotschopf, dem Hängerchen, ihren zweifarbigen Strümpfen, die mühsam an Strapsen baumeln, ist sie eine typische Pippi. Doch auch in ihrem Ausdruck: Sie ist ein Wirbelwind. Ihre Fröhlichkeit ist ansteckend. Mit ihrem selbstsicheren Auftreten, ihrem offenen Gesicht, fesselt sie die Zuschauer. Sie ist energisch, lautstark, weiß sich durchzusetzen, nicht nur, wenn sie kräftig mit ihrem Fuß aufstampft. Doch sie ist auch einfühlsam. Ein starkes Mädchen - wenn sie sich nur ein bisschen mit Mathe anfreunden könnte!

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