Neudrossenfeld
Geschichte

Das Raketenauge aus dem Schloss: Als die Nazis in Neudrossenfeld forschten

Der Bayreuther Autor Peter Engelbrecht widmet sich in seinem neuen Buch einem weithin unbekannten Kapitel der NS-Zeit.
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Das Schloss in Neudrossenfeld. Hier forschten Nazi-Wissenschaftler nach Kriegsende an optischen Anlagen für Raketen.Jochen Nützel
Das Schloss in Neudrossenfeld. Hier forschten Nazi-Wissenschaftler nach Kriegsende an optischen Anlagen für Raketen.Jochen Nützel
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Der Name? Unverdächtig, beinahe putzig: "Projekt Büroklammer" (im Original "Operation Paperclip"). Doch dahinter verbirgt sich ein höchst umstrittenes Vorgehen der US-Amerikaner kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs: die Verlegung deutscher Kriegs- und Zivilgefangener im großen Stil in die USA, mehr als 1500 an der Zahl. Darunter drei Namen, die in enger Verbindung mit Oberfranken stehen: Werner Rambauske, Richard Orthuber und Hans Ziegler. Forscher, die für Hitlers Waffenarsenal an Zielgeräten für ferngelenkte Bomben bauten sowie an Infrarotzellen für die Steuerung von Raketen tüftelten.

Nazis also, die die Seiten wechselten und für den Feind in Übersee dessen Rüstungsprogramm verfeinerten: Diese zweifelhafte "Anschlussverwendung" führender Köpfe wie Wernher von Braun ist hinlänglich bekannt. Doch welche Rolle unsere Region dabei spielte?

Dem hat der Bayreuther Autor und Journalist Peter Engelbrecht nachgespürt. Für sein neues Buch "Geheimwaffen für die Nazis - Kriegsforschung in Oberfranken" wühlte der 59-Jährige in Archiven, gelangte an Jahrzehnte unter Verschluss gehaltene Akten und wertete Aussagen von Zeitzeugen aus. Mehr als 20 Jahre Recherche stecken in seinen Ausführungen.

Berüchtigtes "Institut"

Eine Spur, die der Autor dabei aufnahm, führt nach Neudrossenfeld. Genauer gesagt ins Schloss. Wer weiß schon, dass der imposante Bau aus dem Mittelalter, mit seinen Terrassengärten und dem exquisiten Restaurant, einst Schauplatz geheimer technischer Experimente war? Es beherbergte nach Kriegsende das "Institut für physikalische Forschung".

Zur Einordnung: Jenes "Institut" war zunächst von Juni 1944 bis April 1945 in einem Gebäude der Neuen Baumwollspinnerei in Bayreuth untergebracht - einer Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg. "Hier mussten 85 KZ-Häftlinge unter SS-Bewachung für eine kameragestützte Gleitbombe forschen", schreibt Peter Engelbrecht.

Bombenhagel zwingt zum Umzug

Leiter der Rüstungsschmiede war ein gewisser Bodo Lafferentz, seines Zeichens VW-Direktor, Chef des Arbeitsfront-Programms "Kraft durch Freude", Träger des SS-Totenkopfrings - und zu Beginn der 1940er Jahre der starke Mann des Familienunternehmens Bayreuther Festspiele (er war Wolfgang Wagners Schwager). Nach einem Bombenangriff am 11. April 1945 musste das Areal in Bayreuth geräumt werden. Während die Häftlinge zu Fuß nach Flossenbürg marschierten, zogen die zivilen Wissenschaftler, Ingenieure und Handwerker kurzerhand ins Schloss Neudrossenfeld um.

Übrigens: Nach der Einnahme durch die US-Army wurden dort, im großen Saal des ersten Stocks, die Forschungen bis Oktober 1945 unter NSDAP-Mitglied Werner Rambauske aus Breslau als Leiter des "Instituts Teleoptik" fortgeführt! Doch was genau wurde da erforscht, wo man heutzutage fein speisen und Hochzeiten feiern kann?

Geheime Akten

Hinweise erhielt Peter Engelbrecht unter anderem aus den Aufzeichnungen des US-Geheimdienstes "CIOS". Der Report mit der Klassifizierungsnummer 41 befasst sich explizit mit Neudrossenfeld, aufgezeichnet von einem gewissen Walter Hauz. "Es gibt ansonsten meines Wissens keine weiteren zugänglichen Notizen darüber, die Verantwortlichen von damals haben nichts hinterlassen. Die US-Amerikaner schienen vor allem interessiert an den Entwicklungen der Deutschen zu einer neuartigen Form von Lenkwaffen mit einem elektro-optischem Auge. Jenes sollte den Weg ebnen, Raketen quasi wie mit einer Fernsehkamera zu steuern. Das war, wenn man so will, so etwas wie der Vorvorgänger dessen, was später als Pershing Schlagzeilen machte: Eine Bombe, die ihre Ziele selber sucht." Erste Tests seien erfolgreich verlaufen.

Der Autor konnte für seine Recherchen auch mit einer Zeitzeugin sprechen, die nach eigenen Angaben damals im Erdgeschoss des Schlosses gewohnt hatte. Die Dame, fast 90-jährig, berichtete von deutschen Ingenieuren im Alter zwischen 30 bis Mitte 40, bewacht von amerikanischen Soldaten, die Türe versiegelt. "Sie konnte sich noch dran erinnern, dass große Kartons in den Saal getragen wurden - vermutlich handelte es sich um geheime Akten oder Werkzeuge."

Für die allermeisten Einwohner und auch für Bürgermeister Harald Hübner war dieses Kapitel der Ortschronik ein weißer Fleck. "Kenntnis davon hatte ich erst durch die Forschungen von Herrn Engelbrecht erlangt", sagt Hübner und ergänzt: "Es wurde damals vieles geheimgehalten. Diese Forschungen waren sicher eine Top-Secret-Angelegenheit. Ich habe mich selber näher damit befasst, habe mir auch die im Internet aufgelisteten Unterlagen angeschaut, die der US-Geheimdienst verfasste. Es ist natürlich kein Kapitel unserer Ortsgeschichte, auf das man sonderlich stolz sein sollte."

Echte Grundlagenforschung

Allein, was die technisch-physikalischen Aspekte jener Experimente im Schloss angeht, konstatiert Hübner: "Ich selber habe als Schüler im Physikunterricht am MGF-Gymnasium in Kulmbach noch die Funktionsprinzipien der Braun'schen Röhre und des Ikonoskops durchgenommen. Und die heutige Übertragungstechnik fußt ja auf vielen Entwicklungen jener Zeit. Es wurde damals echte Grundlagenforschung betrieben, wenn auch unter zweifelhaften Umständen."

Was die Nationalsozialisten dazu brachte, ausgerechnet nach Neudrossenfeld umzuziehen? Darüber kann Harald Hübner nur mutmaßen. "Ich denke mal, sie brauchten eine ausreichend große Fläche, auf der sie ihre Apparaturen aufbauen konnten. Und weil es mit Elektrizität zu tun hatte, musste es halbwegs trocken sein, insofern wären unterirdische Räume wohl nicht infrage gekommen, weil es zu feucht gewesen wäre. Dazu kommt, dass die Alliierten damals vor allem größere Städte und Fabrikhallen bombardierten. Da geriet ein Ensemble wie das Schloss nicht in den Fokus."

Apropos Fokus: Was wurde eigentlich aus Forschungsleiter Rambauske? Eine Akte des FBI führte Peter Engelbrecht auf die Fährte. Demnach siedelten Rambauske, seine Eltern und auch seine Schwester Erika im Januar 1947 freiwillig in die USA über und nahmen später die amerikanische Staatsbürgerschaft an. "Das war das Stück Sicherheit, das verhinderte, von der Nazivergangenheit eingeholt zu werden. Das hat ihm einen Prozess oder zumindest kritische Nachfragen und nicht zuletzt die Entnazifizierung erspart", sagt Engelbrecht.

Persilschein für die Köpfe

Für ihn ein Persilschein, wie ihn viele Nazi-Wissenschaftler im Zuge der erwähnten "Operation Paperclip" erhielten. "Die Amerikaner haben gut bezahlt und keine Fragen gestellt, sie wollten nur das Wissen und technische Können dieser Leute für sich vereinnahmen. In Deutschland hätte jemand wie Rambauske auf Jahre keine Chance gehabt, als militärischer Forscher weiter zu arbeiten, denn das war von alliierter Seite aus untersagt." Im Land der unbegrenzten Versprechungen hingegen kein Problem, auch Kriegsverbrecher vor den eigenen Karren zu spannen. Von seinen Lenkwaffenforschungen profitierte unter anderem die US-Air-Force.

Das Buch

Peter Engelbrecht: Geheimwaffen der Nazis - Kriegsforschung in Oberfranken. 156 Seiten, 14,95 Euro. Verlag Heinz Späthling, Weißenstadt.



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