Kulmbach
Elektromobilität

Das Märchen vom sauberen E-Auto?

Elektromobilität gibt es nur dank Kinderarbeit im Kongo. Und mit der Umweltfreundlichkeit ist es nicht weit her - Umwelt- Aktivist Jürgen Öhrlein nimmt zur Kritik an der Technologie Stellung.
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Sind E-Autos wirklich die Zukunft? Florian Schuh/dpa-tmn
Sind E-Autos wirklich die Zukunft? Florian Schuh/dpa-tmn
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Elektroautos sind die Zukunft, sagen die einen. Doch es gibt auch viele Kritiker, die das mit Strom angetriebene Fahrzeug nicht als Heilsbringer sehen. Für sie ist die Elektromobilität weder wirtschaftlich noch umweltfreundlich, der Diesel weiter der sauberste Antrieb. Der Rothwinder Umwelt-Aktivist und E-Auto-Fahrer Jürgen Öhrlein nimmt im Interview zur Kritik Stellung. Herr Öhrlein, die Rohstoffe für den Bau von Akkus für Elektroautos werden vor allem in Chile (Lithium) und im Kongo (Kobalt) extrem umweltunverträglich abgebaut und unter erschreckenden Arbeitsbedingungen. In den Gruben werden Kinder ausgebeutet. Amnesty International spricht von Todesopfern. Zwar wird mittlerweile in Technologien investiert, die weniger auf Kobalt angewiesen sind, doch das ist Zukunftsmusik. Fahren Sie Ihr E-Auto mit gutem Gewissen? Jürgen Öhrlein: Ebenso wie bei der Nutzung von Handy und Laptop, deren Herstellung die gleichen Rohstoffe benötigt, genießen wir unseren Komfort zulasten der Dritten Welt; ähnliche menschenverachtende Arbeitsbedingungen herrschen bei der Urangewinnung. Als stärkere Partner haben wir Freihandelsabkommen abgeschlossen, durch welche brutale Diktatoren

unterstützt werden und die arme Bevölkerung keine Möglichkeit hat, von ihrer Arbeit zu leben. Wenn nun die deutschen Automobil-Konzerne versuchen, das E-Auto schlechtzureden, ist dies nur Augenwischerei. Wir können den Einsatz unserer beiden E-Fahrzeuge unter den derzeitigen Umständen verantworten. Man gewinnt den Eindruck, Fahrer von E-Autos sehen sich als Umweltretter, lassen dabei aber außer Acht, dass Menschen in anderen Erdteilen ausgebeutet werden. Dass der Betrieb von E- Autos eine geringere Umweltbelastung darstellt als die Nutzung von Fahrzeugen mit Diesel- oder Benzinmotor, kann auch die deutsche Automobilindustrie nicht mehr abstreiten. Die Energierückspeisung beim Bremsvorgang ergibt weniger Bremsstaub, das geräuschlose, schadstofffreie Fahren, die Nutzung von billigen regenerativen Energien ohne Öl, Benzin oder Gas, Klimaschutz durch Vermeidung von Stickoxiden, ein kostengünstigerer Kundendienst, eine nahezu unbegrenzte Lebensdauer des Drehstrommotors sowie ein kostenfreies Parken wie etwa in Bayreuth sprechen für E-Autos. Besitzer von E-Autos sind sicher sensibler für Umweltprobleme als die Fahrer großer Diesel/Benzin-Pkws. Die Nutzung von Diesel- und Benzinfahrzeugen steht in Verbindung mit der Havarie von Öltankern, Unfällen auf Ölplattformen, Ölpest mit dramatischen Folgen für die Umwelt, Klimaveränderung durch Abgase und Feinstaub sowie mit Energievernichtung durch viel zu hohe Verbräuche. Allein Volkswagen, so heißt es, braucht für seine E-Auto-Produktion rund 130 000 Tonne Kobalt. Das entspricht in etwa der derzeitigen Weltproduktion. Die Rohstoffe werden für die gesamte Automobilbranche kaum ausreichen? Ich bezweifle generell alle Zahlen, die von der deutschen Automobilindustrie im Hinblick auf das Milliardengeschäft "E-Autos" genannt werden: Sie ist Weltmeister im Verbreiten von Falschaussagen; ihre Helfer sind dabei wissenschaftliche Mitarbeiter und große Teile der Presse. Ich habe keine Informationen, wie viel Kobalt für die Herstellung von Handys, Notebooks und sonstiger Komfortartikel verbraucht wird - dann könnte man die Zahlen vergleichen. Der Naturschutzbund hat schon 2013 erklärt, dass ein einziges modernes Kreuzfahrtschiff täglich rund 450 Kilogramm Rußpartikel ausstoße. Diese Menge entspreche dem Ausstoß von etwa 25 Millionen Autos. Laut Umweltbundesamt ist der Verkehrssektor für "nur" 18 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich. Setzt man bei dem Versuch, die Atmosphäre zu entlasten, nicht am falschen Hebel an? Kreuzfahrtschiffe, aber auch Tausende von Öltankern verseuchen die Umwelt mit hochgiftigem Schweröl. Wenn in den Großstädten die Luft zum Atmen fehlt, wäre man froh, wenn zumindest der Verkehrssektor schnellstmöglich emissionsfrei wäre. Die Nutzung von E-Autos, Fahrzeugen mit Brennstoffzellen und Fahrrädern sorgt rasch für eine bessere Luft. Andere Länder beweisen uns, dass eine intelligente Änderung der Rahmenbedingungen die Lebensqualität in Ballungszentren wesentlich verbessert. Aber auch hier ist die negative Einflussnahme der deutschen Automobilindustrie (besonders BMW) zu spüren - Lobbyarbeit und enorme Spenden in die Parteikassen bilden ein kaum überwindbares Schutzschild. Viele Experten halten den Dieselmotor nach wie vor für den saubersten und umweltfreundlichsten Antrieb. Würde man eine aufrichtige Ökobilanz aufmachen, basierend auf Preis, Bauraum und Leistung, "dann kommt hinten der Ottomotor raus oder ein kleiner Diesel", hat Jörg Wellnitz in einem Interview mit den Online-Nachrichten "Ingolstadt today" erklärt. Wellnitz ist Inhaber des Lehrstuhls für Leichtbau an der Technischen Hochschule Ingolstadt. Ich kenne Lehrstuhlinhaber, die von entsprechenden Industriezweigen Forschungsaufträge bekommen und außerdem in Normausschüssen Regelwerke im Sinne der Industrie verformen - so können auch Expertisen im Sinne der Auftraggeber entstehen. Ein Beispiel für diese Vorgehensweise ist Professor Fritz Indra, der als Motorenentwickler bei Audi gearbeitet hat und massiv gegen Elektroautos wettert. Für mich sind dessen Aussagen weniger wert als eigene Erfahrungen im Praxistest.

Die Internationale Energie Agentur hat bekannt gegeben, dass in etwa sechs Jahren nur noch 50 Prozent der derzeitigen Ölmenge zur Verfügung steht. Das wird den Untergang der Dieselfahrzeuge zusätzlich beschleunigen. Dann ist auch der Bau von Umgehungsstraßen und überdimensionierten innerstädtischen Parkplätzen zu überdenken. Mit E-Autos wird sich vieles verändern. Selbstfahrende Elektroautos mit passenden Kommunikationssystemen werden in absehbarer Zeit das eigene Auto verdrängen und Parkplätze in Innenstädten überflüssig machen. E-Autos mit Rückspeisungsmöglichkeit werden Strom in Spitzenzeiten zur Verfügung stellen; die heutigen Reservekraftwerke und manche Stromtrassen werden dann nicht gebraucht. Ich fahre seit zwei Jahren nur noch Elektroautos und bin damit voll zufrieden. Laut Wellnitz könnte man acht Jahre lang mit einem Verbrennungsmotor fahren, um die gleiche Umweltbelastung zu erzielen, die allein die Herstellung einer Batterie für den Tesla erreicht. Ist die Geschichte vom sauberen E-Auto ein Märchen? Bereits bei den erneuerbaren Energien gab es ähnliche Falschmeldungen - etwa dass Solarpaneele und Windräder bei der Herstellung mehr Energie verbrauchen, als sie selbst erzeugen. Die Energieversorger plakatierten 1993, dass die erneuerbaren Energien nie mehr als vier Prozent des Strombedarfs decken könnten - heute sind es 40 Prozent und mehr. Sogar wenn für Berechnungen das Luxusauto Tesla angesetzt wird, ist auszuführen, dass dort nach einem Jahr Laufleistung die Batterie kompensiert ist und danach dieses E-Auto nur noch 30 bis 40 Prozent an CO 2 eines vergleichbaren Dieselfahrzeugs verursacht. Bei einem kleineren Fahrzeug wie meinem ZOE sieht die Bilanz wesentlich günstiger aus.

Wenn Professor Wellnitz daran arbeiten würde, leichtere und aerodynamisch bessere Autos zu entwickeln, und die Politik Geld für die Forschung alternativer Batteriesysteme zur Verfügung stellen würde, wäre der Umstieg leicht erreichbar. Dann müssen wir noch auf unser Carport Solarzellen bauen, kleinere Autos mit weniger PS kaufen - und schnell sind wir auf dem richtigen Weg zum sauberen E-Auto. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass der Strom zum Aufladen der Batterien irgendwann wie Benzin oder Diesel besteuert wird? Dann könnte das E-Auto für viele teuer werden. Denn die Eigenstrom-Produktion ist für denjenigen, der in einer Mietblocksiedlung in München lebt, ja kaum möglich? Die Gier des Staats nach Steuergeldern ist unermesslich, so dass nichts auszuschließen ist. Für uns auf dem Land ist die Eigenstromproduktion mit zwei bis sieben Cent pro Kilowattstunden sehr kostengünstig möglich und damit der Unterhalt für die E-Autos bezahlbar. Auch die Flachdächer in den Großstädten würden eine völlig andere saubere Stromerzeugung ermöglichen. Es fehlt an den politischen Rahmenbedingungen. Ähnlich wie beim E-Auto wird auch hier von interessierten Kreisen versucht, eine gute zukunftsweisende Idee zu zerstören, ohne plausible Alternativen zu benennen. In Nevada wird derzeit eine Giga-Batteriefabrik erstellt, die ausschließlich mit Strom aus Solarzellen (also CO 2 -frei) arbeiten wird. Es gibt Salzwasserbatterien, die ohne umweltschädigende Substanzen und explosionssicher als E-Speicher in unseren Garagen aufgestellt werden können und kostenmäßig mit Lithium-Batterien vergleichbar sind. Dann kann ich Solarstrom hausintern speichern, und die Steuer bleibt draußen.

Viele sehen im Wasserstoffauto die Zukunft. Im Gegensatz zu Verbrennern und Elektroautos fahren die Brennstoffzellen-Autos wirklich völlig emissionsfrei. Würden Sie ihr E-Auto gegen ein Wasserstoffauto eintauschen? Grundsätzlich ist das Wasserstoffauto ein E-Auto und hat nur eine kleinere Batterie, die mittels Brennstoffzelle/Wasserstoff ständig nachgeladen wird. Die relativ teure Brennstoffzelle wird sich im Langstreckenbereich bei Fahrzeugen mit wenig Standzeiten wie beispielsweise Taxis und im Nutzfahrzeugbereich durchsetzen, dort wird es dann auch die ersten Tankstellen geben. In der Massenproduktion wird sie dann auch sicherlich für den Bürger eine Lösung sein, aber das dauert. Bis dahin fahren wir E-Autos als Zwischenlösung.



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