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Asyl

Danial aus Neuenmarkt: "Ich kann wieder aus dem Haus gehen"

Danial M. hat nach 39 Tagen das Kirchenasyl verlassen. Er lebt nun wieder bei seiner Familie in Neuenmarkt und kann seine Ausbildung beenden.
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Ein Bild mit Symbolkradt: Das Tor zur Welt ist wieder offen. Danial (rechts) kann die Gemeine von Pfarrer Simon Froben (links) und der Betreuerin Petra Ernst wieder verlassen.Foto: Stefanie Gleixner
Ein Bild mit Symbolkradt: Das Tor zur Welt ist wieder offen. Danial (rechts) kann die Gemeine von Pfarrer Simon Froben (links) und der Betreuerin Petra Ernst wieder verlassen.Foto: Stefanie Gleixner
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Strahlend öffnet Danial M. die Tür: "Es war so schön. Ich habe heute Nacht endlich wieder in meinem eigenen Bett geschlafen!" Sein eigenes Bett, das steht bei seiner Familie in Neuenmarkt. Wir haben ihn noch einmal in Bayreuth getroffen, bei der reformierten-evangelischen Gemeinde um Pfarrer Simon Froben, die ihn in den letzten Wochen aufgenommen hat.

Die letzten Wochen waren schwierig für den jungen 22-jährigen Afghanen, der sich seit dem 6. Juli im Kirchenasyl befand. Zweimal wollte ihn die Polizei von zu Hause abholen. Zweimal war er nicht anzutreffen.

Er sollte der 70. Flüchtling in Seehofers viel zitiertem Flug sein. Ihm hätte ein Leben alleine in Afghanistan gedroht.

Deswegen suchte er Zuflucht bei Pfarrer Simon Froben. "Danial wäre es nicht zuzumuten gewesen in einem Land zu leben, welches er nicht wirklich kennt und in dem er die Sprache nicht spricht. Jedem in Kabul wäre aufgefallen, dass er zuvor in einem westlichen Land gelebt hat", sagt Simon Froben.

Tatsächlich kennt Danial Afghanistan kaum. Bereits vor seiner Geburt floh seine Familie in den Iran. Dort wurde er geboren und wuchs mit seinen Geschwistern auf. Als die Aufenthaltserlaubnis für den Iran entzogen wurde, kehrte die Familie 2014 nach Afghanistan zurück. Sie lebten dort bei einem Onkel und wurden verfolgt und bedroht, weil sie Shiiten waren. Dann folgte 2015 die Flucht nach Deutschland und die Familie verschlug es nach Neuenmarkt. Hier integrierte sich Danial schnell , schloss sich dem FC Neuenmarkt an und wurde als Torwart eine Stütze der Mannschaft.

Für die Eltern und die jüngeren Geschwister galt ein Abschiebeverbot: Sie haben Aussicht auf eine Aufenthaltsgestattung.

Danials Fall wurde gesondert behandelt, da er zur Zeit der Einreise bereits volljährig war und somit als alleinstehender junger Mann galt.

"Der Verdacht, dass neben den Gefährdern und Straftätern nun auch immer öfter alleinstehende junge Männer abgeschoben werden, verstärkt sich immer mehr", sagt Pfarrer Froben. Und auch Danial kennt solche Fälle, bei denen junge alleinstehende Männer, die sich gut in der Gesellschaft integriert haben und arbeiten, kein Bleiberecht erhalten. "Unser Ziel war es, mit Hilfe der Öffentlichkeit ein Umdenken bei den Politikern in Danials Fall zu bewirken. Aber Danial ist nur ein Fall von vielen, es sind alle Afghanen betroffen", erklärt Simon Froben.

Für sie warten in Abständen die Flugzeuge, die sie zurück nach Afghanistan bringen sollen. Auch am vergangenen Dienstag fand wieder eine Sammelabschiebung statt. Die Angst war in den Tagen davor bei Danial und seinen Helfern groß, dass auch er in diesem Flugzeug sitzen könnte.

"Ich habe ihm gesagt, dass er seine Sachen packen soll, damit er im Notfall alles hat, wenn sie kommen und ihn abholen", erzählt Petra Ernst, die in der Gemeinde das Kirchenasyl organisiert.

"Wir haben mit dem Handy neben dem Bett geschlafen, damit wir erreichbar waren, falls etwas passiert wäre. Die Anspannung warf unerträglich", berichtet Petra Ernst. Danial hatte seine Sachen gepackt und wartete, ob sie kommen würden oder nicht.

Immer wieder hatte es in den Wochen davor Höhen und Tiefen gegeben. Er habe sich eingesperrt gefühlt, erinnert sich Danial. Im Haus und im Garten der Pfarrgemeinde war er sicher. Alles andere war eine gefährliche Zone, in der man ihn nicht beschützen konnte.

In Danials Kopf, so erzählt er, sei oft der Gedanke herumgespukt, sich einfach auf die Straße zu stellen: Damit sie ihn einfach mitnehmen könnten und alles vorbei wäre.

Noch am Montag hatte Danial Besuch von seinem Vater. Was noch am selben Tag passieren würde, wussten beide da nicht.

Am Abend kam die Nachricht aus dem Innenministerium, dass Danial eine Ermessungsduldung erhält. "Wir haben alle nicht damit gerechnet. Wir gingen davon aus, dass wir noch länger durchhalten müssen", sagt Petra Ernst. Und es war auch alles vorbereitet für eine längere Zeit. "Für die Ferien war bereits alles organisiert. Wer wann einkaufen geht, wer verfügbar ist. Einen Getränkevorrat haben wir auch schon angelegt", berichtet Simon Froben. Die Wasserflaschen stehen noch im Flur. Danial braucht sie jetzt nicht mehr.

Warum sich die Regierung auf einmal für einen Verbleib Danials aussprach ist nicht bekannt. Möglicherweise war ein Gespräch von Danials Schwester mit Markus Söder bei einer Wahlkampfveranstaltung ein ausschlaggebender Faktor.

In den rund sechs Wochen im Kirchenasyl war es Danials großer Wunsch, zu Beginn des neuen Schuljahrs wieder am Unterricht teilnehmen zu können. Zeitweise freilich gab es wenig Hoffnung. "Meine Lehrerin hat mich besucht und mir mein Zeugnis vom letzten Jahr gebracht. Und ich habe Bücher für das neue Jahr bekommen, damit ich den Anschluss nicht verpasse, wenn ich länger im Kirchenasyl bleiben muss", erzählt der 22-Jährige.

Man merkt dem jungen Mann seinen Wissensdurst an - und sein Verantwortungsbewusstsein: "Die Schule ist am wichtigsten. Die Ausbildung ist mein größtes Ziel, alles andere muss hinten anstehen." Dieses vorbildliche Verhalten zeigte Danial auch in Bayreuth. Er sei immer zur Stelle gewesen, wenn er gebraucht wurde, obwohl er nur Gast gewesen sei, sagt Pfarrer Froben.

Was sich Danial jetzt noch wünscht? "Erst einmal will ich zur Ruhe kommen und Zeit mit meiner Familie verbringen", sagt der 22-Jährige. Der Alltag in Neuenmarkt wird sich bald normalisieren. Aber es wird sicher noch eine Zeit dauern, bis die Geschehnisse der letzen Wochen verarbeitet sind. Sowohl für Danial, als auch für seine Helfer. "Es ist schön, dass sich so viele Leute bei mir melden, die mir geholfen haben und sich jetzt mit mir freuen."

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