Redwitz
Stromtrassen

Bürger unter Strom: Trassengegner konfrontieren Minister Altmaier mit Gegenargumenten

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier stand in Redwitz auch Bürgern aus Neuensorg Rede und Antwort.
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Zahlreicher und lautstarker Empfang: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (Mitte) stellte sich gestern in Redwitz den Argumenten der Stromtrassen-Gegner, darunter auch Bürger aus dem Gemeindegebiet von Marktleugast. Dort soll die Nord-Variante des sogenannten Ostbayernrings Energie in den Süden der Republik transportieren.Barbara Herbst
Zahlreicher und lautstarker Empfang: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (Mitte) stellte sich gestern in Redwitz den Argumenten der Stromtrassen-Gegner, darunter auch Bürger aus dem Gemeindegebiet von Marktleugast. Dort soll die Nord-Variante des sogenannten Ostbayernrings Energie in den Süden der Republik transportieren.Barbara Herbst
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In den Reihen der Demonstranten und Vertreter diverser Bürgerinitiativen aus Bayreuth, Regensburg und Redwitz steht Peter Pittroff nicht. Sein Gesundheitszustand, sagt er, lässt das nicht zu. Während die Gegner des Ostbayernrings" draußen im Sonnenschein auf Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warten, hat der Neuensorger auf einer Bierbank drinnen im Redwitzer Feuerwehrhaus Platz genommen. Der Geruch von Bratwürsten vermengt sich mit dem Aroma von Löschschaum. Pittroff sortiert seine Gedanken und die Papiere, auf denen er niedergeschrieben hat, was er dem hohen Besuch aus Berlin in wenigen Minuten zu sagen haben wird.

Draußen heben Sprechchöre an. "Hopp Hopp Hopp - Monstertrassen Stop!" und "Unser Land braucht Energie in Bürgerhand" wird skandiert. Der Minister rollt an. Transparente werden in die Höhe gereckt, ein Stakkato aus Trillerpfeifen legt sich über den Platz. Altmaier soll gleich hören, was ihn erwartet. Es dürfte sich nicht groß unterscheiden von der Geräuschkulisse aus Coburg. Von dort kommt der gebürtige Saarländer gerade, das Anliegen der Bürger ist dasselbe: keine weiteren Stromleitungen durch die Region. Das eint über Landkreisgrenzen hinweg, und zwar nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Kommunalpolitik.

Anreise im Doppeldeckerbus

Zwei Limousinen fahren als Vorhut in den Innenhof der Floriansjünger, gefolgt von einem schwarzen Doppelstockbus. 200 Augenpaare verfolgen das Geschehen. Man könnte meinen, eine Rockgruppe kurvt mit ihrem Bandvehikel heran. Peter Altmaier hat diverse Mitglieder seines Ministeriums an Bord, dazu kommen Vertreter der Bundesnetzagentur. Mit ihnen ist er seit gestern unterwegs - eine Tour mit Auftritten in Thüringen und Bayern.

Emmi Zeulner, die CSU-Bundestagsabgeordnete für Kulmbach und Lichtenfels, nimmt ihren Gast in Empfang, führt ihn zu den wartenden Bürgern. "Emmi hat mich seit Monaten immer wieder angesprochen, mehrmals die Woche, und Wert darauf gelegt, dass ich komme", sagt Altmaier. Wer sie kennt, der wisse um ihre Hartnäckigkeit. Er lächelt, sie lächelt. Altmaier betont, dass diese Termine "nicht immer vergnügungssteuerpflichtig" seien. Doch es stehe für ihn außer Frage, sich an "allen neuralgischen Punkten des Netzausbaus selber ein Bild zu machen". Man hätte diese Tour fünf Jahre früher antreten müssen. "Aber da war ich als Minister noch nicht zuständig."

Um Peter Pittroff wuseln derweil Dutzende Menschen herum. Pressevertreter, Politiker und Demonstranten strömen ins Feuerwehrhaus. Gleich geht es um ihn, seine Gesundheit und die seiner Familie. Vorher stellt Bürgermeister Christian Mrosek fest: "Diese Halle war das letzte Mal bei der Einweihung 1992 so voll wie heute." Damals war der Anlass wohl ein erfreulicherer.

Bayerns neuer Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sagt, in Sachen Netzausbau bedürfe es eines Plans B. "Wir kommen auch beim Ostbayernring nicht mehr vorwärts, wir können es nicht mehr gegen die Bürger und die Politik vor Ort durchsetzen. Jetzt gilt es, die Energiewende neu aufzusetzen und zu sagen: Was brauchen wir wirklich? Was lässt sich vor Ort erzeugen, was mit intelligenten Steuerungen lösen - auch ohne Leitungen." Applaus.

Im Zangengriff der Leitungen

Auf einer Leinwand erscheint der Schriftzug Neuensorg. Eine Luftaufnahme zeigt Wald, einen Streifen Landstraße, einen Weiler. Peter Pittroff schiebt die Schultern zurück. Da ist sein Haus. Ein Strommast ragt aus einem der Felder des Landwirts; hier verläuft die bestehende Verbindung. Doch die noch größere Sorge bereitet dem Neuensorger, was nicht real auf dem Bild zu sehen, aber mittels roter Linie angedeutet ist: die geplante Trasse des Ostbayernrings, ein sogenannter Ersatzneubau. Eine Familie buchstäblich im Zangengriff von Elektrizität.

Emmi Zeulner spricht von "Einkastelung", die der Netzbetreiber Tennet für die Bürger im Marktleugaster Gemeindegebiet vorsehe. Sie redet davon, dass es die Möglichkeit gebe, die bestehende Trasse unter die Erde zu verlegen. "Es herrscht Einigkeit darüber, ja nicht den ganzen Ostbayernring zu verhindern, aber in diesem Bereich muss die Möglichkeit von Erdkabeln genutzt werden." Es sei gesetzlich möglich, das Areal als Pilotprojekt zu kategorisieren. Es handle sich um eine überschaubare Strecke von zwei Kilometern; neue Raumordnungsverfahren wären unnötig, eine zeitnahe Umsetzung gegeben.

Eine entsprechende Gesetzesänderung wurde bereits formuliert. Darin steht ein kleines "F*" , Symbol für Pilotprojekte zur Erdverkabelung. In Niedersachsen gibt es das bereits. Ein kleiner Buchstabe in einem Gesetzestext - ein großer Schritt für eine Familie im Landkreis.

Das aufmunternde Nicken der Abgeordneten am Ende ihrer Ausführungen gilt Josef Pittroff. Jetzt soll er reden. Soll dem Minister, den bayerischen Kabinettsmitgliedern und den Bürgern darlegen, was ihn umtreibt und auf die Straße, zusammen mit Fritz Ruppert und auch Ralf Goller, dem Bank-Filialleiter, der nur einen Steinwurf entfernt von den Pittroffs im Dunstkreis der angedachten Trasse lebt.

Die Stimme des Neuensorgers bebt. "Ich bin nur ein normaler Bürger und mache das nicht alle Tage." Er bedankt sich bei allen Politikern für die Unterstützung, eine Erdverkabelung ins Kalkül zu ziehen. Den Bundesminister schließt er ausdrücklich mit ein. Dann kommt das "aber": Pittroff sei das beste Beispiel dafür, dass es in der Stromdiskussion ums nichts weniger gehe als die Gesundheitsgefährdung von Menschen. "Strahlung und Magnetfelder sind extrem schädlich. Bei Volllast werden auf der Leitung bei uns 100 Mikro-Tesla überschritten, sagt das Bundesamt für Strahlenschutz. Eine MRT-Aufnahme hat eine Strahlung von 1,5 Mikro-Tesla."

Neurologische Ausfälle

Die vorhandene Trasse habe bereits starke neurologische Ausfälle zur Folge, sein Zustand verschlechtere sich zusehends. Aber nicht nur das. "Es gibt bei uns ungewöhnlich viele Fehlbildungen bei Säuglingen, die Krebsrate ist überdurchschnittlich hoch. Zukünftig werden wir dann von drei Seiten verstrahlt - was wird dann sein?"

Sein Nachbar Ralf Goller führt wirtschaftliche Gründe gegen die Tennet-Pläne ins Feld. Die Gegend sei strukturschwach, habe mit Arbeitsplatzverlusten zu kämpfen. "Aber wir haben eine intakte Natur, die wir nutzen können, um beim Tourismus zu punkten. Das könnte die Region zum Blühen bringen - wenn man uns unser Umfeld nicht kaputtmacht."

Einen Fürsprecher haben die Bürger in Landrat Klaus Peter Söllner (FW). "40 Kilometer Ostbayerring sind vernünftig auf den Weg gebracht worden. Unsere Forderung ist ja nicht die nach durchgehender Verkabelung." Im besagten Gebiet aber handele es sich um ein kurzes Teilstück. "Im Vergleich zu anderen Schwierigkeiten ist das ein denkbar kleiner Baustein, der sich sicher im Sinne der Betroffenen gestalten lässt."

Eine Argumentation, die der frisch gekürte umweltpolitische Sprecher der FW-Landtagsfraktion, der Kulmbacher Rainer Ludwig, unterstützt. "Die Energiewende lässt sich, davon bin ich überzeugt, vor Ort lösen - ohne Trassen, die unsere Bürger über Gebühr belasten."

Anregungen nach Berlin nehmen

Peter Altmaier hört sich alles an, will die Anregungen mitnehmen nach Berlin. "Ich verspreche aber nichts, was ich nicht halten kann." Jede Kommune habe gute Gründe, die Trasse nicht durch ihr Hoheitsgebiet verlaufen zu lassen. "Ich gebe zu bedenken: Ohne Leitungen wird es nicht gehen. Strom soll sauber, sicher und bezahlbar sowie überall und jederzeit in der benötigten Menge verfügbar sein." Er nennt sie nicht explizit, aber er meint sie: die verflixte Quadratur des Stromkreises.

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