Kulmbach
Stadtrat

Braucht Kulmbach so eine Architektur?

Mälzerei Müller: Für das Neubauprojekt eines Investors aus Rosenheim soll Kulmbacher Geschichte plattgemacht werden. Es geht auch anders, wie Experten aus ganz Bayern meinen.
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So sieht die Neubauplanung des Rosenheimer Investors Drösel Wohn- und Gewerbebau GmbH aus.  Visualisierung: Drösel-Gruppe
So sieht die Neubauplanung des Rosenheimer Investors Drösel Wohn- und Gewerbebau GmbH aus. Visualisierung: Drösel-Gruppe
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Viel mehr Identität geht in Kulmbach nicht: Brauerei, Mälzerei und Backsteinarchitektur der Gründerzeit. Denn als Bierstadt hat sich Kulmbach in Deutschland einen Namen gemacht. Und die Kulmbacher sind stolz auf die Brautradition.

Den Grundstein dafür legten vor über 100 Jahren Brauereien und Mälzereien. Wie die Petzbräu, die um 1880 vor den Toren der Stadt einen Neubau - heute Pestalozzistraße 3 - hinstellte. Als die Familie von Kommerzienrat Müller 1923 die Brauerei aufgab, sattelte man um und stieg ins Mälzereigeschäft ein. Bis Anfang der neunziger Jahre wurden Braumalze hergestellt.

Entscheidung am Donnerstag

Jetzt sollen die leerstehenden Backsteingebäude der ehemaligen Mälzerei abgebrochen werden. Über den Antrag des Investors Drösel, Rosenheim, entscheidet der Stadtrat am Donnerstag. Es ist das größte private Bauvorhaben in Kulmbach seit Jahrzehnten: 120 Wohneinheiten für Studenten und 37 Seniorenwohnungen plus Garage im Erdgeschoss.

Der Entwurf zeigt ein massiges Gebäude - rechteckig, praktisch, groß. Was halten Fachleute von dem Projekt? Braucht Kulmbach so eine Architektur?

"Riesige vertane Chance"

Den Abbruch der Backsteingebäude bezeichnet Karlheinz Beer, Vizepräsident der Bayerischen Architektenkammer, als "riesige vertane Chance". Freilich sei es für den Stadtrat bequemer, den Investor machen zu lassen. Die Kommunalpolitik habe aber die Aufgabe, vorauszudenken und die Identität Kulmbachs zu erhalten. Beer, selbst Stadtratsmitglied in Weiden, weiß, dass ein Stadtratsgremium Gestaltungsmöglichkeiten hat, "etwas Einzigartiges für Kulmbach zu erhalten". Und dafür auch Fördergelder zu akquirieren, die es dem Investor ermöglichen, ein rentables Projekt zu realisieren.

Kulmbach müsse sich bewusst sein, dass Städte miteinander konkurrieren. Beer: "Dazu braucht man Attraktivität und hohe Lebensqualität. Die Leute - auch Studenten - suchen keine austauschbare Architektur, sondern Städte mit Charakter und Identität."

Er empfiehlt, "Tempo rauszunehmen" und betont: "So etwas reißt man nicht weg. Hier ist Stadtgeschichte geschrieben worden." Ein Architektenwettbewerb könne helfen, eine intelligente Lösung zu finden. "Heute wird viel über Heimat geredet - hier kann man zeigen, dass man es ernst meint", betont der Architekt und Stadtplaner.

Wie Beer ("Wegreißen ist nicht innovativ") vertritt auch Ludwig Wappner die Ansicht, dass dem Bauen im Bestand die Zukunft gehört. Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit müsse umgedacht werden. "Wir können nicht alles abreißen und neu bauen. Zement und Sand sind immer knapper werdende Ressourcen", sagt der Architekt aus München und Professor in Karlsruhe.

Stolz und Qualität

Er berät die Stadt Bamberg als Vorsitzender des dortigen Gestaltungsbeirats und kennt die Region. Die Mälzerei Müller ist nach seiner Ansicht ein Beispiel für hochwertige und ausdrucksstarke Industriebaukultur. "Der Bauherr steckte damals viel Stolz in das Gebäude. Die Qualität, die dieses Objekt ausstrahlt, bekommt man mit Neubauten nicht hin. Wenn in Bamberg so etwas abgebrochen werden sollte, würden wir uns sehr kritisch äußern", sagt er.

Wappner bedauert es, dass man in Kulmbach offenbar den Wert eines Zeugnisses der Industrialisierung nicht erkennt. Dabei seien gerade Studenten daran interessiert, nicht in gesichtslosen Immobilien zu wohnen, sondern bevorzugen das individuelle Flair.

"Da zieht es die Leute hin"

Eine Einschätzung, die die Kulmbacher Innenarchitektin Erika Schuberth teilt. Sie hat in Coburg studiert und schwärmt vom "einmaligen Flair" in historischen Gebäuden wie der Coburger Hofbräu oder dem alten Güterbahnhof: "Da zieht es die Leute hin. Die Studenten lieben es, dort zu arbeiten." Schon im ersten Semester habe sie gehört, dass sanierte Industriebauten wie die Mälzerei Müller Leuchtturmprojekte für eine Stadt sind - im Gegensatz zu nichtssagenden Neubauten.

Es wäre tragisch, so Schuberth, wenn das Backsteingebäude plattgemacht wird. "Mit jedem Gebäude, das wegkommt, verliert Kulmbach nach und nach sein Gesicht." Coburg sei hier mehrere Schritte weiter als Kulmbach.

Mainleus macht's anders

Auch in Mainleus geht man offenbar anders mit alter Bausubstanz um. Denn bei der Konzeptentwicklung für die Spinnerei soll ein Experte für Problemimmobilien mitwirken: der Würzburger Architekt Roland Breunig, der unter anderem mit der Revitalisierung der Bürgerbräu in der unterfränkischen Metropole ein Vorzeigeprojekt geschaffen hat. "Das Objekt stand über 20 Jahre leer und war nicht besser beinander als die Kulmbacher Mälzerei", sagt er: "Wir haben festgestellt, dass sich so etwas auch wirtschaftlich trägt, wenn man kreativ rangeht."

Breunig, der teilweise selbst als Investor tätig ist, sieht keinen Grund, die alte Mälzerei abzureißen. "Sie steht in Bestlage, und der Backsteincharme ist überall in und hip - aber offenbar nicht in Kulmbach. Sie hätte das Potenzial, über die Biertradition frischen urbanen Wind nach Kulmbach zu bringen", meint der Würzburger Architekt.

Also: Warum braucht Kulmbach so einen Neubau?

Stadt: Neubau ist vertretbar

Für vertretbar hält die Stadt Kulmbach die Neubaupläne bei der Mälzerei Müller. "Es war eine Frage der Abwägung und eine politische Entscheidung", erklärt Stadtbaudirektor Gerd Belke. Die Stadt könne die Nutzungs- und Wirtschaftlichkeitsüberlegungen des Investors nachvollziehen. Man komme an dem Neubau nicht vorbei, "wenn man eine gescheite Nutzung und Grundrisse machen will". Auch die Erhaltung der Gebäude "an einem markanten Punkt, am Tor zur Altstadt," sei überlegt worden. Aber in Absprache mit dem Denkmalamt sei der Hauptbaukörper als nicht identitätsstiftend bewertet worden, sondern nur der denkmalgeschützte Darrturm, der erhalten wird.

Der Entwurf, so Belke, nehme die massive Bauweise der alten Fabrik mit der Winkelstellung, dem Vorhof und dem Gässchen zur Karl-Jung-Straße auf. Er meint: "Wir haben keinen Bruch zu dem, was vorher da war." Und bei der Fassadengestaltung habe man mit den Balkonen "ein gutes Ergebnis" erzielt.

Probleme mit Nachbarn

Bei der Planung der Drösel-Gruppe, die dem Bauantrag zugrunde liegt, gibt es ein Problem: Es werden zum Teil Abstandsflächen zu Nachbargrundstücken nicht eingehalten. Wie zu erfahren war, gibt es noch keine Einigung zwischen dem Investor und den Nachbarn, die von einem Rechtsanwalt vertreten werden. Der Stadtrat könnte eine Befreiung von den Abstandsvorschriften erteilen. Dagegen wollen die Nachbarn dann vor dem Verwaltungsgericht klagen.

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