Kulmbach

Blaich: Was schlummert im Boden?

In Häusern der Baugenossenschaft hängt ein Schreiben der Stadt aus. Den Mietern wird untersagt, ihre Kinder im Garten spielen zu lassen.
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Auf diesem Grundstück an der Ecke Michel-Weiß-Straße/Ängerlein wurden Altlasten festgestellt. Was genau unter der Erde schlummert, ist noch unklar. Bei den erforderlichen Maßnahmen wird die Stadt die Gesellschaft zur Altlastensanierung in Bayern (GAB) einbinden.Katrin Geyer
Auf diesem Grundstück an der Ecke Michel-Weiß-Straße/Ängerlein wurden Altlasten festgestellt. Was genau unter der Erde schlummert, ist noch unklar. Bei den erforderlichen Maßnahmen wird die Stadt die Gesellschaft zur Altlastensanierung in Bayern (GAB) einbinden.Katrin Geyer
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Alteingesessene Bewohner des Stadtteils Blaich können sich noch gut erinnern: Die dortigen Flächen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als Gärten genutzt, vor der Bebauung mit Siedlungshäusern dienten sie als Hausmülldeponie. "Die letzte Auffüllung war etwa 1950 im Bereich Hermann-Limmer-Straße in Richtung Ängerlein bis zur Einfahrt des früheren Schlachthofs", weiß ein Mann, der in diesem Jahr konfirmiert wurde. Das Material sei mit Loren auf eigens dafür verlegten Gleisen angefahren worden. "Aber was dort abgelagert wurde, wird wohl kein Mensch mehr wissen."


Belastung seit 2015 bekannt

Doch genau das ist die Frage, die sich die Baugenossenschaft Kulmbach und die Bewohner ihrer Mietshäuser in diesem Stadtteil stellen. Seit 2015 ist bekannt, dass der Untergrund durch Bauschutt und Hausmüll verunreinigt ist. Jetzt hängt überall ein vom Leiter des Tiefbauamts, Ingo Wolfgramm, unterzeichnetes Schreiben der Stadt aus, in dem die Gartennutzung vorläufig untersagt wird.

Unter Hinweis auf eine Empfehlung der Fachbehörden heißt es wörtlich: "Dies bedeutet für Sie, dass wir Ihnen im Sinne eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes raten, bis auf Weiteres auf Ihrem Grundstück keine kleinen Kinder mehr auf dem Boden im Garten spielen zu lassen. Damit kann wirksam verhindert werden, dass diese mit eventuell altlastenbehaftetem Boden in Kontakt geraten."
Um die mögliche Gefährdungslage einschätzen zu können, schreibt Wolfgramm, seien "weitergehende Baugrunduntersuchungen im Bereich der Straßen Ängerlein, Michel-Weiß-Straße, Hermann-Limmer-Straße etc" vorgenommen worden, deren Ergebnisse das Landratsamt und die Stadt Ende Dezember 2017/Anfang Januar 2018 erhielten.


Verdacht erhärtet

In dem Gutachten zur "Orientierenden Untersuchung" habe sich der Verdacht einer schädlichen Bodenverunreinigung bestätigt beziehungsweise erhärtet.

Oberbürgermeister Henry Schramm ("Auch ein städtisches Grundstück ist betroffen") verneinte am Dienstag die Frage, ob inzwischen ein genaues Ergebnis der 116 000 Euro teuren Untersuchung vorliege, die er bei der Stadtratssitzung Anfang Februar angekündigt hatte: "Wir haben Grundwassermessstellen eingerichtet und den Spielplatz gesperrt. Der Boden dort wird ausgetauscht und neu aufgefüllt. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme, um Gefahren für die Bürger zu verhindern."


Stadt sichert sich finanziell ab

Aus finanziellen Gründen, so Schramm, müssten die notwendigen Arbeiten von der Gesellschaft zur Altlastensanierung in Bayern (GAB) begleitet werden, was die Gewähr dafür biete, dass Kosten übernommen würden, die eventuell über 200 000 Euro hinausgehen. "Wir wären ja dumm, wenn wir das nicht tun würden."

Die Gesellschaft, die sich um alle Fälle im Freistaat kümmern müsse, habe natürlich sehr viel zu tun. Er hoffe aber, so der Oberbürgermeister, dass in den nächsten Wochen ein Bescheid kommt: "Wir haben einen vorzeitigen Maßnahmenbeginn beantragt."


Baugenossenschaft: Höchste Zeit, dass Stadt Verantwortung übernimmt

"Für uns ist die Blaich seit Jahren ein schwieriges Terrain - um es vorsichtig zu formulieren", sagt Udo Petzoldt, geschäftsführender Vorsitzender der Kulmbacher Baugenossenschaft. Als Beispiel dafür nennt er die Grundstücke 20 bis 22 in der Michel-Weiß-Straße. Dort wurde das ursprüngliche Gebäude abgerissen. Doch seither ruht die Baustelle. "Natürlich wurden wir immer wieder von Bürgern darauf angesprochen, warum wir nicht weitermachen. Ich sage: Es könnte hier seit zwei Jahren ein Neubau stehen, mit seniorengerechten Wohnungen, und könnte Miete bringen." Könnte - denn wegen der Altlasten im Boden geht nichts voran.

Seit Frühjahr 2015, so Petzoldt, seien die Probleme bekannt. "Seit diesem Zeitpunkt betteln wir bei der Stadt und dem Landratsamt darum, man möge sich ernsthaft mit dem Problem beschäftigen. Leider wurden wir immer wieder hingehalten. Dieser Zustand war frustrierend - umso erleichterter bin ich jetzt, dass zumindest mal festgestellt wurde, dass die Verantwortung bei der Stadt liegt. Ich betone ausdrücklich: Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungen."

Niemand werfe der Stadtspitze vor, dass man es seitens der Anlieger in den Nachkriegsjahren offenbar mit der Müllentsorgung nicht so genau genommen habe. "Man hat halt einfach zugefüllt und dann draufgebaut. Das betrifft viele andere Städte auch, nicht nur Kulmbach", sagt Petzoldt. Doch was er nicht verstehen könne ist: "Wenn ich weiß, dass eine Verseuchung vorliegt, dann darf ich doch nicht so lange meine Augen verschließen. Dann muss ich mich dem Problem stellen." Das aber sei über Jahre nicht passiert, moniert der Geschäftsführer.


Warum nicht an Privateigentümer?

Ihn habe überrascht, dass das Schreiben der Stadt, die Nutzung der besagten Fläche in der Blaich für den Anbau von Obst und Gemüse zu untersagen und auch den Kindern das Spielen im Freien (siehe oben), offensichtlich nur an die Baugenossenschaft ging. "Warum werden die privaten Eigentümer nicht auch über eventuelle Gefahren informiert?" , fragt Petzoldt. Die Baugenossenschaft habe ihren Mietern bereits seit längeren aufgrund der ungeklärten Bodensituation untersagt, etwas anzupflanzen. "Uns geht es mehr um die Gefahren für Kinder. Wie will ich verhindern, dass fremde Jungen und Mädchen dort spielen, die nicht hier wohnen und von der Stadt unterrichtet wurden? Und seien wir ehrlich: Vermutlich betrifft es großflächig die gesamte Blaich und nicht nur den relativ engen Bereich in der Michel-Weiß-Straße."

Die Baugenossenschaft habe selber "für einen höheren fünfstelligen Betrag" eigene Untersuchungen anstellen lassen, welche Gefahren denn im Boden schlummern. Unter anderem sei dabei Arsen nachgewiesen worden. "Ich bin dafür kein Fachmann, ich kann nicht beurteilen, ob die Konzentrationen dort gesundheitsschädlich oder gar lebensbedrohlich sind. Das müssen Experten entscheiden. Für uns ist entscheidend: Wie ist damit umzugehen? Muss ich großflächig ausheben und kostspielig entsorgen? Oder banne ich die Gefahr, wenn ich zubetoniere? Auf solche Fragen haben wir bis dato nie eine Antwort bekommen. Dabei betrifft das viele unserer Bauvorhaben - sei es im Ängerlein oder in der Hermann-Limmer-Straße.

Man dürfe nicht vergessen: Es habe sich ein eminenter Druck im Wohnungsmarkt aufgebaut. "Die Wohnlage dort ist eine besonders attraktive, ein schönes Viertel wäre ein Aushängeschild für die Stadt. Nicht zuletzt mit Blick auf den Uni-Campus ist klar, dass Wohnraum dringend gebraucht wird, wenn Studenten und Lehrpersonal kommen. Oder sich Firmen und deren Mitarbeiter hier ansiedeln sollen, wie es gewünscht ist. Das ist eine historische Chance, die wir gerne mitgestalten wollen. Umso erstaunter bin ich, dass man im Wissen um die Herausforderungen so lange nichts unternommen hat."

Petzoldt erinnert sich an einen Termin mit der Aufsichtsratsvorsitzenden der Baugenossenschaft, Inge Aures, und OB Henry Schramm kurz vor Weihnachten 2017 im Rathaus mit Vertretern des Landratsamts. "Doch auch nach diesem Treffen haben wir leider wieder nichts von den zuständigen Stellen gehört." Nun sei - auch durch eine personelle Umbesetzung im Landratsamt - eine "andere Dynamik" in die Angelegenheit gekommen, so Petzoldt. "Das Amt hat schließlich die Stadt aufgefordert, beim Spielplatz den Boden auszutuschen. Immerhin wurden die Geräte abgebaut und der Platz mit Trassierband abgesperrt." Am Untergrund habe sich aber noch nichts getan.


Gespräch mit Zeitzeugen

Dass die Flächen in der Blaich früher als Müllabladeplatz mit teilweise unbekanntem Inhalt genutzt wurde, das hat sich die Baugenossenschaft auch von älteren Einwohnern bestätigen lassen. "Diese Zeitzeugen konnten sich gut erinnern und hatten auch Bilder von damals. Wir haben ihre Aussagen notariell beurkunden lassen." Das ändert nichts daran, dass das Bauvorhaben weiterhin auf Eis liegt. "Das Grundstück ist uns ursprünglich als altlastenfrei überlassen worden. Was nicht stimmt. Wir brauchen aber Sicherheit. Sollen wir den Mietern die Gartennutzung dauerhaft untersagen? Was sickert womöglich ins Grundwasser und taucht woanders wieder auf, wo es keiner vermutet? Fragen über Fragen..."

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