Kulmbach
Gericht

Beißangriff in Kulmbach: Falschaussagen stehen im Raum

Zwei Rottweiler haben einen Buben in Ziegelhütten übel zugerichtet. Seit Donnerstag arbeitet sich in Bayreuth die Berufungskammer durch die Aktenberge. Für zwei Entlastungszeugen im Prozess könnte es eng werden.
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Zwei Rottweiler haben einen Buben in Ziegelhütten übel zugerichtet. Seit  Donnerstag arbeitet sich  in Bayreuth  die Berufungskammer   durch die Aktenberge.   Symbolfoto: Johannes Eisele/dpa
Zwei Rottweiler haben einen Buben in Ziegelhütten übel zugerichtet. Seit Donnerstag arbeitet sich in Bayreuth die Berufungskammer durch die Aktenberge. Symbolfoto: Johannes Eisele/dpa

Von diesem Fall gibt es Aktenberge: bei der Stadt Kulmbach, beim Strafgericht, beim Zivilgericht, beim Verwaltungsgericht und in der Anwaltskanzlei des Verteidigers. Schon lange geht es beim Beißangriff von zwei Rottweilern, die einen neunjährigen Buben in Ziegelhütten schwer verletzt haben, nicht nur um fahrlässige Körperverletzung - sondern um viel mehr. Spannend wie ein Krimi.

Vor einem halben Jahr wurde der Hundehalter vom Amtsgericht Kulmbach zu 3200 Euro Geldstrafe verurteilt. Dagegen legten der 58-jährige Angeklagte und die Staatsanwaltschaft Bayreuth Berufung ein.

Eine Marathonsitzung

Seit Donnerstag wird der Prozess vor der Berufungskammer des Landgerichts Bayreuth noch einmal aufgerollt. In einer über acht Stunden dauernden Marathonsitzung arbeitete sich Vorsitzende Richterin Andrea Deyerling akribisch durch die Aktenberge.

Was ist an dem Samstag im Mai 2017 geschehen? Der Junge lief damals nichtsahnend an dem Anwesen vorbei. Durch das Hoftor, das nicht hätte offen sein dürfen, rannten die zwei Rottweiler "Max" und "Alfons" auf die Straße. Die kräftigen Hunde, jeder mit 50 Kilo doppelt so schwer wie der schmächtige Schüler, fielen den Neunjährigen an, rissen ihn beim Gasthaus "Schweizerhof" zu Boden und bissen zu. Gästen im Biergarten gelang es, die auf dem Buben liegenden Hunde abzudrängen.

Kopfhaut abgetrennt

Der Neunjährige wurde übel zugerichtet. Unter anderem erlitt er eine 15 Zentimeter große Skalpierungsverletzung - die Kopfhaut war vom Schädel abgetrennt. Der Vater gab an, dass sein Sohn noch heute unter den Folgen leide. Schmerzen, Alpträume, Schlafstörungen und ständige Angst vor Hunden. Er habe eine große sichtbare Narbe am Kopf sowie Narben am Arm und am Rücken. Der Angeklagte sei nie bei der Familie gewesen und habe das im Zivilprozess festgesetzte Schmerzensgeld von 4700 Euro nicht bezahlt.

Da es im Strafrecht eine Gefährdungshaftung nicht gibt, geht es darum, ob dem Hundehalter ein individuelles Verschulden nachzuweisen ist. Ja, meint die Staatsanwaltschaft. Der Vorfall sei für den Mann vorhersehbar und vermeidbar gewesen. Nein, sagte Rechtsanwalt Alexander Schmidtgall. Seinem Mandanten sei kein Vorwurf zu machen. "Ihm ist es ein Rätsel, wie die Hunde rauskommen konnten. Es tut ihm unendlich leid, was passiert ist."

Im Gegensatz zur ersten Instanz hatte die Verteidigung ihre Strategie geändert. Diesmal machten sowohl der Angeklagte als auch seine Frau Angaben.

Der Angeklagte, der jetzt seien Wohnsitz in Kitzbühel hat, gab an, dass er an jenem Nachmittag zusammen mit seinem Schwiegervater und einem befreundeten Arbeitskollegen im Garten gearbeitet habe. Seine Frau habe den Bekannten dann mit dem Auto zum Bahnhof gebracht und das Hoftor nicht geschlossen. Dann habe man schon Hundegebell und Schreie gehört, und er sei zum Wirtshaus gerannt. Für ihn unerklärlich, so der Angeklagte, wie die Hunde aus dem Haus nach draußen gekommen seien.

Die Gretchenfrage

Das war also die Gretchenfrage. Dazu hatte sich im Kulmbacher Prozess schon der Schwiegervater geäußert und sich in die Nähe einer Falschaussage manövriert. Er erklärte damals, dass die Hunde in der Wohnung waren. Am Donnerstag formulierte er es vorsichtiger. Die Richterin fragte: "Sie haben nicht bewusst wahrgenommen, dass die Hunde ins Haus gerufen oder geholt wurden?" Nein, bewusst nicht, so der Zeuge.

Die Frau des Anklagten lehnte sich weiter aus dem Fenster. Bevor sie wegfuhr, habe sie den beiden Männern gesagt, dass die Hunde im Haus seien und dass sie den Freund zum Bahnhof bringe. Sie habe die Haustür zugemacht, aber nicht zugesperrt. "Ich wäre nie weggefahren, wenn die Hunde nicht im Haus gewesen wären."

Aussage wörtlich protokolliert

Nun wurde es dem Staatsanwalt zu bunt. Er beantragte, die Aussage wörtlich zu protokollieren. Es bestehe der Anfangsverdacht einer Falschaussage. So wurde es gemacht. "Der Staatsanwalt wird gegen Sie ein Verfahren einleiten", sagte der Verteidiger zur Ehefrau seines Mandanten.

Die Zeugin nahm am Schluss alle Schuld auf sich: "Ich habe das Tor offen gelassen. Es war ein Fehler von mir. Das hat unser ganzes Leben verändert."

Grüße vom Staatsanwalt dürfte auch der Helfer bekommen, der beim Beißangriff der Rottweiler schon im Zug nach München saß. Vielleicht wollte er seinem Kumpel einen Gefallen tun, vielleicht erinnerte er sich nicht mehr genau. Er nuschelte ins Mikrofon und tischte dem Gericht die dritte Version auf, wo sich die Rottweiler aufhielten.

"Pass auf die Hunde auf"

Zwei andere Zeugen wussten etwas anderes. Ein Polizeibeamter wiederholte, vom Angeklagten direkt nach dem Vorfall gehört zu haben, "dass die Hunde im Garten waren". Und die Ordnungsamtsleiterin der Stadt Kulmbach berichtete von einem Gespräch mit der Ehefrau: "Sie sagte, sie habe ihrem Mann zugerufen: Ich lass das Tor offen, pass auf die Hunde auf."

Ein schlechtes Zeugnis stellte die Juristin der Stadt dem Hundehalter aus. Er sei seit Jahren unkooperativ und uneinsichtig. Deshalb habe man ein generelles Hundehaltungsverbot ausgesprochen. Die ganze Nachbarschaft in Ziegelhütten sei aufgebracht gewesen. "Wir mussten handeln. Die Hunde waren durch das auf Menschen fehlgeleitete Beuteverhalten wie eine Zeitbombe", sagte sie.

Nächsten Freitag wird der Prozess fortgesetzt.

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