Kulmbach
Burggeflüster

Bei einer Grenzöffnung hautnah dabei

Als Bürger des Landkreises Kronach und damals junger Redakteur war ich den Grenz-Geschehnissen natürlich sehr viel näher.
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Am 19. November 1989 wurde das Tor in der Mauer zwischen Heinersdorf und Welitsch geöffnet. Foto: Archiv Fränkischer Tag
Am 19. November 1989 wurde das Tor in der Mauer zwischen Heinersdorf und Welitsch geöffnet. Foto: Archiv Fränkischer Tag

Die unerwartet rasche Öffnung des Übergangs zwischen Probstzella und Ludwigsstadt habe ich nur aus den Erzählungen der Kollegen mitbekommen, lernte aber rasch zwei Vorsitzende des Rates benachbarter Kreise im Kronacher Landratsamt kennen - und hatte am 19. November 1989 schließlich einen sehr turbulenten Sonntagsdienst.

Bereits im Laufe des Vormittags hatten wir Hinweise erhalten, dass sich in Heinersdorf (Thüringen) und Welitsch (Gemeinde Pressig, Landkreis Kronach), wo eine Mauer wie in Berlin stand, Menschen am Nachmittag auf den Weg machen würden, um auf beiden Seiten Musik zu spielen, sich jenseits und diesseits der Grenze zu treffen.

Also, setzte ich mich kurz nach der Mittagszeit in das Auto eines Kollegen (ein Dienstfahrzeug stand aus Gründen, die ich heute nicht mehr weiß, nicht zur Verfügung - mein eigener Wagen offenbar auch nicht), um zur Grenze zu fahren. Auf Wegen, die alles andere als ausgebaut waren, war dies bereits ein "Abenteuer", wollte ich den Audi doch möglichst ohne Schramme wieder zurückbringen.

An der Mauer selbst parkte alles wild durcheinander, es hatten sich auf beiden Seiten Menschen versammelt, heimische Ensembles spielten vorwiegend Marschmusik - und irgendwann wurden die Rufe "Macht das Tor auf!" immer lauter. Beobachtende Grenzpolizisten West und zusehends nervöser werdende Grenzsoldaten Ost standen dazwischen - und irgendwann hatten die DDR-Organe ein Einsehen, und das Tor öffnete sich unter dem Jubel der Versammelten. Vorerst bis zum Abend, hieß es - dann sollten die Ostbesucher aus dem Westen wieder zurück in Heinersdorf sein. Kurze Zeit später erfolgte dann die komplette Öffnung.

Ich erlebte an jenem Nachmittag deutsch-deutsche Geschichte hautnah mit - und bin heute noch froh drum. Aus Journalisten-Sicht waren diese Stunden natürlich ebenfalls ein bisher kaum getoppter Höhepunkt - wer fotografiert nicht gerne, sich glücklich in den Armen liegende Menschen, wer freut sich nicht über Gesprächspartner, deren Redefluss kaum enden will. Später habe ich dann als einer derjenigen, der zunächst die Berichterstattung aus Thüringen organisieren und später den "Thüringer Tag" intensiv mit begleiten durfte, der einige Jahre in den Kronacher Nachbarkreisen herausgegeben wurde, den "nahen Osten" - Saalfeld, Rudolstadt, Neuhaus am Rennweg, Lobenstein, Pößneck, Ilmenau und zahlreiche Kollegen dort - sehr gut kennengelernt. Dabei entstanden Verbindungen, die zum Teil bis heute gehalten haben.

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