Fabienne liebt Pferde, und Pony Mary Lou spürt das genau. Gern lässt sich das Tier von dem Mädchen streicheln, striegeln und umarmen. Die Elfjährige, sonst sehr zurückhaltend und schüchtern, blüht in Gegenwart des Ponys auf. Selbstbewusst putzt sie das Pferd, sattelt es für die anschließende Reitstunde. Und wenn sie erst mal im Sattel sitzt, ist für Fabienne die Welt ganz und gar in Ordnung.

Die Reitstunden für das Mädchen, das im Kinderheim der Kulmbacher Geschwister-Gummi-Stiftung lebt, sind nicht nur Vergnügen, sondern Therapie - ermöglicht durch eine Spende der Initiative "Franken helfen Franken" der Mediengruppe Oberfranken. 3000 Euro hat der Verein zur Verfügung gestellt, damit drei Heimkinder mit Bindungsschwierigkeiten lernen können, neues Vertrauen zu Mensch und Tier und vor allem zu sich selbst zu finden. Das Geld reicht, um ein Jahr Therapie zu finanzieren. Jedes Kind darf zwei Mal im Monat zum Reiten gehen.
Für Fabienne sind die Erfahrungen, die sie auf dem Lettenhof (Harsdorf) bei Familie Anselstetter sammelt, sehr wertvoll. Seit knapp zwei Jahren lebt das Mädchen im Kinderheim, zusammen mit ihren drei Brüdern. Ihre Mutter war und ist bis heute nicht in der Lage, ihre Kinder selbst zu versorgen.
Die 39-Jährige ist psychisch krank, leidet an Depressionen und Borderline-Syndrom. "Ich habe mir große Vorwürfe gemacht, weil ich oft gemein zu meinen Kindern war. Ich habe sogar angefangen, sie zu schlagen", gibt die Mutter offen zu. Schließlich erkannte die gelernte Krankenschwester, dass sie Hilfe braucht, ging in eine Klinik, und das Jugendamt hat zunächst Pflegefamilien und dann die Heimplätze organisiert.

Zurück zur Mutter?


Ob Fabienne und ihre Geschwister irgendwann wieder bei ihrer Mutter leben können, ist fraglich. "Ich liebe meine Kinder, aber ich muss erst mein eigenes Leben in den Griff kriegen und will nicht, dass sie noch einmal vor einem Scherbenhaufen stehen." Die Gummi-Stiftung sei ein Glücksgriff: "Was meine Kinder dort bekommen, kann ich ihnen nicht bieten, und sie können zusammen sein. Das ist für mich viel wert."

Auch Fabienne vermisst ihre Mama. Die kommt sie zwar regelmäßig besuchen, "aber als richtige Familie zu leben, wäre schon schön". Die Elfjährige ist ein sehr introvertiertes Mädchen, in deren Seele die schwierige Familiensituation tiefe Spuren hinterlassen hat. Das heilpädagogische Reiten hilft ihr, sich emotional zu öffnen, sagt Erzieherin Ilona Tulke von der Gummi-Stiftung. Der Kontakt zu den Pferden sei gerade für Mädchen ein Erfolg versprechender Ansatz. "Weil sie verrückt nach Pferden sind, arbeiten sie gerne und hochmotiviert mit."

Was bringt der Kontakt zu den Pferden?

"Das Pferd nimmt jeden Menschen so an, wie er ist", sagt Hildegard Anselstetter. Die 55-Jährige hat eine Ausbildung als qualifizierte Fachkraft für heilpädagogisches Reiten und arbeitet mit der Gummi-Stiftung zusammen. "Das Reiten vermittelt den Kindern viele verschiedene Sinneserfahrungen, außerdem ein Gefühl der Geborgenheit, zum Beispiel durch das Getragenwerden, was in diesem Alter selten vorkommt."

Sich verantwortlich für das Tier und sein Wohlergehen zu fühlen, ist bei den heilpädagogischen Reitstunden ein wichtiges Thema. Mary Lou ist mit ihren 15 Jahren ein im Umgang mit Kindern erfahrenes und selbstbewusstes Tier, das sich falsche Behandlung nicht gefallen lässt. Von Fabienne lässt sich das Pony gern verwöhnen und reiten. Die Elfjährige hat gelernt, die richtigen Signale zu geben, und wird damit belohnt, dass das Tier ihren Kommandos gehorcht.

Positive Veränderung ist spürbar


Eine positive Veränderung in Fabienne Verhalten ist für Erzieherin Ilona Tulke klar erkennbar. "Der Kontakt mit den Pferden bringt ihr und auch den beiden anderen Mädchen sehr viel. Sie lernen neu, Vertrauen zu schenken, Zärtlichkeit zu zeigen, ohne Angst vor abweisendem Verhalten oder Übergriffen."

Tiere sind ein Medium, das den Kindern wieder die Chance zum Kontakt mit der Außenwelt gibt, weiß die 36-Jährige. Und so soll die Reittherapie auch bei einem der nächsten großen Projekte der Geschwister-Gummi-Stiftung eine wichtige Rolle spielen: "Wir planen zwei Traumagruppen für Kinder, die Gewalt oder sexuelle Übergriffe erfahren haben."

Mehr im Netz: