Kulmbach
Altlasten

Bedenkliche Boten im Blaicher Boden

Arsen, Blei, Quecksilber & Co.: Die Hinterlassenschaften früherer Generationen kommen die Stadt womöglich teuer zu stehen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Beim Abriss eines Hauses in der Michel-Weiß-Straße waren die Altlasten entdeckt worden.Katrin Geyer
Beim Abriss eines Hauses in der Michel-Weiß-Straße waren die Altlasten entdeckt worden.Katrin Geyer
+1 Bild
Der Begriff ist kaum auszusprechen - und auch geschrieben sind polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe ein wahrer Silbendreimaster. Erst in ihrer Kurzform PAK werden sie griffiger. Doch als Stoff in der Natur sind sie schwer zu fassen. Und gefährlich für Mensch und Umwelt können sie obendrein werden. Teer etwa enthält hohe Anteile an PAK - seine Verwendung im Straßenbau oder für Dachpappen ist daher seit 1984 verboten. Eisenbahnschwellen waren früher damit imprägniert (sie wurden ungeachtet der Belastung gerne und oft als Treppenstufen oder zur Hangbefestigung in Gärten benutzt). Die PAK-Einzelverbindung Naphthalin nutzt die chemische Industrie als Zwischenprodukt hauptsächlich für Azofarbstoffe, Insektizide, Stabilisatoren, Pharmaka, Kosmetikzusätze und Weichmacher.

Was das alles mit der Blaich zu tun hat? Genau diese PAK-Stoffe, aber auch Schwermetalle wurden dort im Boden nachgewiesen; genauer gesagt auf einem Grundstück in der Michel-Weiß-Straße, das der Baugenossenschaft Kulmbach gehört. Das bestätigen Gutachten, die die Gesellschaft in Auftrag gegeben hat. Auf besagtem Grundstück wurde 2015 ein Gebäude mit 20 Wohneinheiten abgerissen. Hier sollte ein Neubau mit 24 Wohnungen entstehen.

Doch der Bau ruht, weil im Untergrund diverse Altlasten entdeckt wurden. "Seither haben wir darauf gewartet, dass jemand die Verantwortung übernimmt, wie mit dem Wissen um die Bodenbelastung umzugehen ist", sagt Geschäftsführer Udo Petzoldt.

Mittlerweile ist klar: Die Stadt steht in der Verantwortung, wenn es um Analyse und eventuelle Beseitigung der Schadstoffe geht. Sie sind die Relikte aus den 1920er bis 1950 er Jahren, als das Areal als große Müllkippe fungierte. Zeitzeugen konnten sich daran gut erinnern. Später entstanden auf der Fläche Häuser. Die Stoffe waren aus dem Auge. Und irgendwann aus dem Sinn.

Bis jetzt. Die "Orientierende Altlastenuntersuchung" vom August 2015 belegt: Die möglicherweise gefährlichen Hinterlassenschaften haben sich nicht verflüchtigt. Beispielsweise sind die Prüfwerte für Benzo(a)pyren als Leitsubstanz für PAK-Gemische laut des zuständigen Prüfinstituts aus Neunkirchen am Brand in nahezu allen untersuchten Bodenproben überschritten. Das Prüfinstitut schreibt: "In den Auffüllungen wurden im Zuge der Schürfe (gemeint sind Probegrabungen, Anmerkung der Redaktion)diverse Stoffparameter (Arsen, Schwermetalle, PAK) detektiert, die darauf hinweisen, dass neben Hausmüll und Bauschutt auch industrieller Abfall zur Ablagerung kam." Weiter heißt es, dass in allen Proben Cyanide, Blei, Cadmium, Chrom, Nickel, Quecksilber und auch Arsen analysiert worden seien. Bei Letzterem seien Werte erreicht, die mit bis zu 44 Milligramm pro Kilogramm die Grenzwerte für Kinderspielflächen überschreiten (25 mg/kg) und an den Grenzwert für Wohngebiete (50 mg/kg) heranreichen.

Nun ist wichtig zu erwähnen: Arsen ist nicht automatisch bedrohlich oder menschgemacht. Wie das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) erläutert, gibt es insbesondere in Südbayern vielerorts Böden, die natürlich (geogen) einen erhöhten Arsengehalt (mehr als 20 Milligramm pro Kilogramm) aufweisen. Solche erhöhten Arsengehalte im Boden stellen laut LfU grundsätzlich keinen Anlass zur Besorgnis dar, da das Arsen im Boden gebunden und nur unter bestimmten Bedingungen mobil werde. Aber: Im Zuge von Baumaßnahmen könnten die erhöhten Arsengehalte problematisch werden, sobald der Bodenaushub nicht an Ort und Stelle verbleiben kann, sondern andernorts verbracht werden muss.

Genau das aber geschieht, wenn für einen Hausbau der Boden ausgeschachtet werden muss. "Man darf nicht vergessen: Uns wurde das Grundstück von der Stadt als Altlasten-frei verkauft. Als wir das aber moniert haben, stießen wir auf Ablehnung", kritisiert Udo Petzoldt. Es gehe nicht darum, Schuldzuweisungen zu machen. Er sei aber verwundert, dass seit dem Bekanntwerden der Belastung rund drei Jahre ins Land gingen und die Stadt "keine Veranlassung sah, sich dem Problem entgegen zu stellen".


"Erst Anfang des Jahres geklärt"

Stadtpressesprecher Simon Ries entgegnet: "Es ist erst seit Anfang 2018 geklärt, dass die Stadt Kulmbach für die Hinterlassenschaften auch rechtlich verantwortlich ist. Das war die Aussage des Landratsamts. Und spätestens ab da stand für die Stadtverantwortlichen natürlich außer Frage: Wenn es in unserem Verantwortungsbereich liegt und Maßnahmen nötig sind, dann werden wir uns dem selbstverständlich nicht verweigern."

Aus diesem Grund sei auch ein Aushang unter anderem in den Häusern der Baugenossenschaft erfolgt. Darin wird darauf hingewiesen, es sei ratsam, aufgrund der Belastungen auf den Verzehr von Nutzpflanzen zu verzichten und Kinder nicht im Freien spielen zu lassen. Es sei nicht richtig, so Ries weiter, dass nur die Mieter der Baugenossenschaft informiert worden seien. "Die Info ging auch an ein Haus auf städtischem Grund sowie einen Privatmann in der Blaich."

Petzold wiederum lässt das so nicht gelten. "Das alles erfolgte erst nach einem wahren Spießrutenlauf für uns. Und auch erst, als sich die Schlinge durch das Landratsamt zuzog und sich die Stadt nicht mehr aus ihrer Verantwortung stehlen konnte."

"


Antrag auf Förderung ist gestellt"

Für die weitere Untersuchung der Flächen in der Blaich hat die Stadt Kulmbach einen Antrag bei der Gesellschaft zur Altlastensanierung in Bayern (GAB) gestellt. Deren zentrale Aufgabe ist es gemäß Satzung, "die finanzielle und fachliche Unterstützung der bayerischen Gemeinden, Städte und Landkreise bei der Altlastensanierung" zu gewährleisten. Das gelte für eine etwaige Finanzierungsproblematik, schließlich kann eine Sanierung ein sehr teures Unterfangen werden.
Wie seitens der GAB gegenüber der BR verlautbart wurde, sind die Mittel begrenzt. Die Rede ist von rund einer Million Euro pro Jahr - und das für ganz Bayern! Daher werde über die Gremien (Aufsichtsrat) eine Prioritätenliste erstellt.

Wie Tiefbauamtsleiter Ingo Wolfgramm auf BR-Anfrage mitteilt, wurde per Schreiben vom 23. Februar dieses Jahres ein offizieller Antrag bei der GAB gestellt. Es geht darin um Zuwendungen und die Bitte für den vorzeitigen Maßnahmenbeginn. "Ende April haben wir die Antwort der GAB erhalten, dass die zuständige Behörde, also das Landratsamt, noch weitere Gutachten und Stellungnahmen ergänzend vorlegen soll. Das sind Formalien, wir werden das schnellstmöglich angehen", so Wolfgramm weiter.
Der Kulmbacher Antrag werde in der nächsten Sitzung des GAB-Gremiums im Herbst behandelt.

"Fest steht: Aufgrund der Brisanz muss in der Blaich dringend weiter untersucht werden. Wir können jedoch nicht auf die Entscheidung des Fördergremiums warten, deswegen unsere Bitte auf vorzeitigen Maßnahmenbeginn." Es stünden detaillierte Untersuchungen an. Dafür müssten Sachverständige, die das GAB vorgibt, kontaktiert und Angebote eingeholt werden. Dem Stadtrat schließlich obliege es, sich für ein Fachbüro zu entscheiden. Dieses wird dann mit entsprechenden Baugrundanalysen und auch der Untersuchung des Grundwassers beauftragt. Wo Proben entnommen werden, lege als Fachbehörde das Landratsamt fest.

Für die Untersuchung sind zunächst 116 000 Euro angesetzt. "Das ist eine erste Schätzung, wir sehen das als Minimum an Kosten, die auf die Stadt zukommen", sagt Wolfgramm Diese Kosten seien zuwendungsfähig. "Bei der GAB gibt es bestimmte Sockelbeträge, die sich nach der Leistungsfähigkeit der jeweiligen Kommune richten. Für Kulmbach liegt dieser Betrag bei 200 000 Euro. Alles, was darüber hinausgeht, werde von der GAB übernommen - freilich nur unter der Maßgabe, dass auch tatsächlich saniert werden muss". Die Gesellschaft zahle nur dann, wenn von den Stoffen im Boden eine Gefahr für Luft, Wasser und Mensch ausgeht. "Es geht uns als Behörde aber auch darum, zweifelsfrei zu ermitteln, was sich genau im Boden verbirgt und in welcher Ausprägung sich die mögliche Belastung daraus zeigt."


Kindergarten: kein Hinweis auf mögliche Belastung

Müssen sich Eltern, die ihren Nachwuchs in den neuen Blaicher Kindergarten schicken, Gedanken wegen möglicher Altlasten im Boden machen? Nein, sagt Kulmbachs Tiefbauamtsleiter Ingo Wolfgramm. "Der Kindergarten liegt nicht im Altlastenbereich. Und dort, wo im Zuge des Neubaus der Boden ausgehoben wurde, sind laut Vorschriften entsprechend Proben genommen worden. Das ist ein normales Prozedere bei Baumaßnahmen." Die wichtige Nachricht: Es wurden dabei offenbar keine Belastungen festgestellt, so Wolfgramm. "Das Erdreich konnte ohne Beschränkung auf einer normalen Erddeponie abgelagert werden." jn


was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren