Kulmbach
Ausstellung

Bauhaus im Badhaus

Am kommenden Mittwoch wird im Kulmbacher Badhaus eine aufregende Ausstellung mit 60 Bildern des Bauhauskünstler Egon Engelien eröffnet. Von den Nazis wird er als "entartet" verfolgt. Nach dem Krieg lässt er sich in Wildenstein, später in Kulmbach nieder.
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Das leuchtende, expressionistische Aquarell mit Kirchturm und Eisenbahn stammt von 1920. Es zeigt eine thüringische Landschaft der Nähe von Weimar. Foto: Wolfgang Schoberth
Das leuchtende, expressionistische Aquarell mit Kirchturm und Eisenbahn stammt von 1920. Es zeigt eine thüringische Landschaft der Nähe von Weimar. Foto: Wolfgang Schoberth
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Steigt man die Treppe im Badhaus hoch, wird man erst mal kritisch geprüft. Es ist der Blick eines misstrauischen Intellektuellen, der dem bürgerlichen Betrieb skeptisch gegenübersteht, auch wenn er sich mit seinem Anzug, feinem Kragen und der penibel gesteckte Briefablage anpasst. So stellt sich Egon Engelien in seinem Selbstbildnis der 20er Jahre dar.

Daneben hängt das Porträt seiner Ehefrau Inka. Eine aparte Erscheinung mit feingeschnittenen Gesichtszügen, frechem Bubikopf und modischem Kleid mit U-Boot-Ausschnitt. Ein exquisiter, antik anmutender Raum umgibt sie. Der Vorhangschleier rechts im Hintergrund verweist auf ihre Tätigkeit als Kunstweberin. Sie ist eine der emanzipieren, couragierten "Bauhausfrauen", über die zum 100-jährigen Bestehen der damals berühmtesten Kunstschule der Welt viel geschrieben worden ist.

Einmaliger-Bestand auf der Plassenburg

Über 60 Exponate Egon Engeliens sind der Ausstellung im Badhaus versammelt, die am kommenden Mittwoch, 27. November, eröffnet wird. Viele sind großartig, Meisterwerke der Moderne.

Sie lassen verstehen, dass Engelien bei internationalen Ausstellungen bis in die 30er Jahre neben Kandinsky, Feininger, Klee und Mataré gehängt wurde. Jetzt wird erstmals eine umfangreiche Werkschau gezeigt. Jürgen Treppner, der Leiter des Obermain-Museums, und der Historiker Wolfgang Schoberth haben sie, unterstützt von Helmut Angermann, aus dem Depot der Plassenburg zusammengestellt. Nachdem die Witwe Engelien der Stadt Kulmbach 1970 den künstlerischen Nachlass vermacht hat, besitzt die Stadt rund 200 Exponate - Bilder, Grafiken, Skizzen, Möbelentwürfe, Bühnenbilder und Bauzeichnungen.

"Liegende Katze" - mit 13 gezeichnet

Einen breiten Anteil haben Bilder, die aus den Jahren am Weimarer Bauhaus stammen (1919-1923) oder die Tendenzen weiterführen. Ein zweiter Schwerpunkt sind Arbeiten aus seiner Kulmbacher Zeit (ab 1951). Erhalten sind auch einige ganz frühe Arbeiten, die während seiner Ausbildung in seiner Heimatstadt Stettin entstanden sind. Die früheste, eine Buntstiftzeichnung, stammt von 1909. Der damals 13-jährige Schüler hat eine liegende Katze porträtiert, erstaunlich reif und technisch gekonnt.

Am Bauhaus begegnet der 23-jährige Engelien der europäischen Avantgarde - Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Theo von Doesburg. Er übt sich in der Aktzeichnung (zwei vorzügliche Männerakte sind in der Ausstellung zu sehen), experimentiert mit Techniken und Stilrichtungen: Expressionismus, Kubismus, Neue Sachlichkeit. Besonders inspirieren lässt sich Engelien von Oskar Schlemmer, der das Verhältnis von Person und Raum zu seinem großen Thema gemacht hat. In seinem Aquarell "Badende" nimmt Engelien dies auf: eine Frau im blauen Badeanzug, halbhoch auf einem Sprungturm aus geometrischen Flächen und Farbmustern, die hinunter blickt auf die Wellen des Meeres.

Ein weiterer wichtiger Impulsgeber ist der Bauhaus-Dozent Theo van Doesburg, Gründer der niederländischen Künstlervereinigung De Stijl. Er proklamiert den Konstruktivismus, eine gegenstandslose Kunst, die nur aus geometrischen Formen, Farben und Linien besteht und für Jedermann in der technisch-wissenschaftlichen Welt erfahrbar sein soll. Engelien macht sich den Ansatz nie radikal zu eigen, doch "Konstruktive" Tendenzen durchziehen sein Werk.

Kampf ums Überleben

Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 ändert sich das Leben Engeliens schlagartig, Seine Bilder gelten als "entartet", sie werden bei Schmähausstellungen vorgeführt. Als Künstler damit arbeitslos, begibt er sich mit seiner Frau nach Posen, das seit 1919 zu Polen gehört. Doch nach Ausbruch des Zweiten Krieges besetzt die Wehrmacht das Gebiet. Um zu überleben, ist Engelien gezwungen, für das Gauheimstättenamt der Deutschen Arbeitsfront (DAF) Gebrauchsmöbel wie Schränke, Stühle und Polstergarnituren zu entwerfen. Einige der Zeichnungen, die sich im Nachlass gefunden haben, sind im Badhaus ausgestellt. In Wien, der nächsten Fluchtstation ab 1940, setzt sich der Kampf um den Lebensunterhalt fort: Mit Bauplänen für Schrebergarten-Anlagen hält er sich über Wasser. Ein einziges Kunstwerk aus jenen Jahren hat sich erhalten: "Abziehendes Gewitter" (1944). Es zeigt einen Wagen mit Daubenfass, vermutlich von einem Weingebiet um Wien. Die Farben sind gespenstisch grün, die Konturen überscharf, fast surreal. Gewiss lässt sich das Bild politisch deuten: der Nazispuk nähert sich dem Ende. Noch im gleichen Jahr wird das Ehepaar im abgelegen Frankenwaldort Wildenstein Zuflucht suchen und dort das Kriegsende erleben.

Konkrete Kunst und Religiöses

In den Jahren in Kulmbach (ab 1951) kommt Engelien auf seinen einstigen Bauhaus-Lehrer Theo van Doesburg zurück. Viele seiner Gemälde bezeichnet er mit dem von dem niederländischen Avantgardisten geprägten Begriff "konkret" mit der entsprechenden Jahreszahl. Die gezeigten Arbeiten sind faszinierend: Der Künstler lässt eine zauberische Welt entstehen aus farbigen Mustern, organischen und abstrakten Figuren, wogenden, schwingenden und sich kreuzenden Linien.

Auffallend ist, dass im Spätwerk immer stärker religiöse Themen ins Spiel kommen: die Schöpfung der Welt, die Geburt des Menschen ("Der Mensch entsteigt der animalischen Gefangenschaft"), Apokalypse, eine stilisierte Hand, die das Gesicht eines Trauernden liebevoll umschmeichelt ("Denn sie wollen getröstet sein"). Eine der stärksten Arbeiten heißt "Gleichnis vom verlorenen Sohn". Eine hockende, in sich vergrübelte Gestalt im Vordergrund, daneben zwei Schweine. Sie verweisen auf den tiefen Fall des jüngeren Sohnes, der sich als Sauhirt verdingen muss. Im Hintergrund steigt schemenhaft der Kopf des Vaters auf, der ihn trotz allem wieder in die Arme schließen wird. Man kann in dem Bild wohl den Schlüssel für Engeliens eigenes Leben sehen - der Sehnsucht nach vielen Schicksalsschlägen und Verletzungen Geborgenheit zu finden.

Große Egelien-Austellung im Badhaus

Die Vernissage finden am kommenden Mittwoch, 27. November, um 17 Uhr mit Chansons von "Viktor Bleibtreu" statt, Einführung: Wolfgang Schoberth.

Die Ausstellung läuft bis zum 12. Januar 2020 und ist geöffnet von Freitag bis Sonntag von 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Egon Engelien

Engelien wird 1896 in Stettin geboren. Er studiert an der dortigen Kunstgewerbeschule, 1917 wechselt er an an die Akademie in München.

Von 1919 bis 1923 ist er Schüler am Bauhaus in Weimar. Dort lernt er auch die Kunstweberin "Inka" Kroenberg kennen, die er 1922 heiratet.

Den Nazis gelten seine Bilder als "entartet", er erhält Berufsverbot. Mit seiner Frau sucht er zunächst in Posen Zuflucht, ab 1940 in Wien. Bei Kriegsende suchen die Engeliens in Wildenstein Unterkunft, 1951 ziehen sich nach Kulmbach (Gasfabrikgässchen 2). Engelien stirbt 1967, seine Frau drei Jahre später. Die Witwe vererbt der Stadt Kulmbach den kompletten künstlerischen Nachlass ihres Mannes, etwa 200 Exponate.

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