Kulmbach
Zeitzeuge

Ballonflüchtling trifft im beruflichen Schulzentrum Kulmbach auf damalige Grenzer

1979 gelang Günter Wetzel mit seinem Bekannten Peter Strelzyk und ihren Familien die Flucht aus der DDR. Jetzt traf er sich mit einstigen Grenzbeamten.
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Wenn Günter Wetzel die eigenen Stasiunterlagen sieht, ist er immer noch fassungslos: Sein ganzes Leben ist haargenau protokolliert. 2400 Seiten umfasst seine Stasi-Akte. Bis heute ist Wetzel schockiert über die Tatsache, dass sein eigener Patenonkel ihn in eine Falle locken sollte.Sonny Adam
Wenn Günter Wetzel die eigenen Stasiunterlagen sieht, ist er immer noch fassungslos: Sein ganzes Leben ist haargenau protokolliert. 2400 Seiten umfasst seine Stasi-Akte. Bis heute ist Wetzel schockiert über die Tatsache, dass sein eigener Patenonkel ihn in eine Falle locken sollte.Sonny Adam
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Der "echte" Ballonflüchtling kommt - wie ein Star wurde Günter Wetzel bei seiner Ankunft im beruflichen Schulzentrum gefeiert. Nicht nur die Schüler, die die Ausstellung "30 Jahre Mauerfall" mitkonzipiert hatten, wollten den Flüchtling persönlich kennenlernen, sondern auch viele andere: Denn alle hatten den spektakulären Kinofilm "Der Ballon" von Bully Herbig gesehen und waren neugierig auf den Zeitzeugen von damals.

Günter Wetzel ist heute 64 Jahre alt. Nach seiner spektakulären Flucht aus der DDR im Alter von 24 Jahren wurde er zur Ikone. Er hat Hilfe erfahren, hat schon einen Tag nach seiner "Bruchlandung" in Naila mit seiner Familie eine Wohnung bekommen. Und er hat als Kfz-Mechaniker im Westen gearbeitet. Heute lebt er in Chemnitz. "Ich habe keine einzige Minute meiner Flucht bereut", sagte Wetzel.

Auf die Idee, mit einem Ballon der DDR und dem Regime zu entfliehen, war Günter Wetzel durch eine Zeitschrift gekommen. Er baute den ersten Ballon, der flog jedoch nicht. Der zweite Ballon war nicht groß genug, dass er und die zweite Familie von Peter Strelzyk hätten fliehen können. Also floh Strelzyk allein, doch er kam nicht in den Westen: Wenige Meter vor der Grenze - in Hornsgrün - stürzte der Ballon ab. Er wurde zwar erst mehrere Wochen später gefunden, doch den Beteiligten war klar, dass sie noch einen Versuch unternehmen mussten, denn die Polizei war ihnen auf den Fersen.

Stoff zusammengekauft

"Als wir uns am 27. Juli entschlossen haben, noch einen Versuch zu unternehmen, um zu flüchten, hatten wir keine Angst. Wir haben nur funktioniert. Ich meldete mich krank, vom 27. August bis 16. September hatte ich sowieso Urlaub. Und in dieser Zeit hatte ich dann Zeit, um an dem Ballon zu arbeiten", erzählte Wetzel. Gemeinsam mit den anderen Beteiligten hat er Stoff zusammengekauft und daraus einen Ballon genäht. "Ich habe nur tagsüber genäht - das war anders als im Film, der natürlich ein bisschen dramatischer war. Ich wusste, dass der Ballon größer sein musste als die bisherigen. Ich hatte ein Volumen von 4200 Kubikmeter veranschlagt - wir brauchten viel mehr Stoff als für die vorherigen Ballons", berichtete der 64-Jährige. In verschiedenen Geschäften kauften die Fluchtwilligen Regenschirmseide, Zeltnylon und Taftstoff auf, immer in kleinen Mengen, damit Stasi und Volkspolizei nicht aufmerksam wurden. Und dann nähte Wetzel 60 Bahnen, die eine Länge von 35 Metern hatten, zusammen. Die Formel, die Günter Wetzel für die Berechnung des Ballons benötigte, hatte er dem Handbuch "Brockhaus-Lexikon der Physik" und dem Handbuch "Fachkunde für Gasmonteure" entnommen. Wetzel dachte nicht daran, dass etwas schiefgehen könnte - obwohl die erste Flucht gehörig misslungen war.

Eingeschränkte Meinungsfreiheit

Beim dritten Versuch gelang die Flucht. "Als wir landeten, wussten wir nicht, wo wir waren. Aber wir liefen Richtung Süden. Wenn wir es nicht geschafft hätten, wären wir direkt in die Grenze gelaufen. Dann wäre alles vorbei gewesen", berichtet Wetzel.

Auslöser für die Flucht war vor allem die eingeschränkte Meinungsfreiheit gewesen. "Man konnte nicht sagen, was man dachte. Mein Vater ist, als ich fünf Jahre alt war, in den Westen gegangen. Ich durfte nicht studieren, wollte aber Physik studieren - und ich wollte nicht in die SED", sagte Wetzel.

Nach dem Fall der Mauer nahm der Ballonflüchtling Einsicht in seine Stasi-Akte: Sie umfasste 2400 Seiten. Die schlimmste Entdeckung in der Akte war, dass sein eigener Patenonkel ihn in eine Falle locken sollte. Bis heute pflegt Wetzel keinen Kontakt mehr mit ihm: "Ich habe kein Interesse", sagte er.

Bei der Podiumsdiskussion kamen zudem ehemalige Grenzer zu Wort. "Ich wurde morgens um 6 Uhr angerufen, weil der Ballon gelandet war", erinnert sich Otto Oeder, ehemaliges Mitglied der bayerischen Grenzpolizei. Mit Repressalien hatten die Flüchtlinge aus dem Osten nicht zu rechnen. "Sie waren ja Deutsche. Wir haben sie befragt, wir wollten wissen, wer gekommen ist. Aber es war einmalig, dass auf einen Schlag acht Personen geflüchtet sind. Das war schon eine Kränkung der DDR und des Regimes. Normalerweise kamen immer einer oder zwei."

"Flüchtlinge knallhart verfolgt"

Eberhard Diezel trug bei der Podiumsdiskussion mit den Schülern eine Ost-Uniform. Er war aber auf der Westseite eingesetzt. Aus dem Osten war Günther Heinze von der NVA anwesend. Heinze hat Pflichtdienst an der Grenze leisten müssen und bestätigte, dass Republikflüchtlinge knallhart verfolgt und gejagt worden seien. Kontakt zu den westlichen Grenzern gab es nicht: "Der Otto und all die anderen waren der Klassenfeind. Es gab ein Minenfeld - und wir wussten selbst nicht, wo die Minen lagen. Die aus dem Westen haben manchmal gewunken - wir nicht. Wir durften das nicht", sagte Heinze. Auch die Öffnung der Grenze hat er nicht so euphorisch mitbekommen: "In der DDR haben wir immer schwarz an den Häusern gearbeitet. Ich hatte Fliesen verlegt, und plötzlich waren alle anderen weg, in den Westen", erklärte Heinze.

Für Silke Scheffold von der FOS/BOS, die die Ausstellung (bis zum 29. November im beruflichen Schulzentrum) konzipiert hat, war der 9. November 1989 "das schönste Geschenk".

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