Kulmbach
Klinikum

"Auf jeden Fall zu wenig Fachkräfte"

In der Podiumsdiskussion im Saal des Jugendzentrums wurde beleuchtet, wie das Klinikum Kulmbach den Mangel an ausgebildeten Mitarbeitern kompensieren muss.
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Ist das Personal überlastet? Herrscht gar Dauerstress? Fragen, die in der jüngsten Diskussion über das Klinikum Kulmbach aufgeworfen worden waren und die folglich auch bei der Podiumsdiskussion am Dienstagabend im JUZ thematisiert wurden.

"Wir haben auf jeden Fall zu wenig Fachkräfte", stellte Pflegedienstleiterin Franziska Schlegel unumwunden fest - mit dem Hinweis, dass sich das Problem nicht so einfach lösen lässt: "Wir finden keine!" Um die Entwicklung nicht zu bremsen und das Haus für die nächsten 20 bis 25 Jahre zu rüsten, würden zur Entlastung zunehmend Pflegehelfer und Servicekräfte eingestellt. "Es muss nicht jede Fachkraft Betten machen oder Essen hin- und herfahren."


"Prekäre Situation"

Die Frage von Bernd Müller, Geschäftsführer der MGO-Fachverlage, wie viele Stellen offen sind, beantwortete Franziska Schlegel mit "vier bis fünf". Sie verwies aber auf die momentane "prekäre Situation", dass sich zahlreiche Kollegen in den vergangenen Wochen allein um zwischen 30 und 56 Influenza-Fälle kümmern mussten.

"Kommt mit der Beendigung der Baumaßnahmen alles ins Lot?", wollte BR-Redaktionsleiter Alexander Müller wissen. Die Pflegedienstleiterin zeigte sich hier optimistisch: "Ja, ich freue mich auf den Tag, an dem alles fertig ist. Wir arbeiten momentan mit einer 4- bis 5-Betten-Belegung und sind permanent am herumschieben." Allerdings machte sie keinen Hehl aus ihrer Einschätzung, dass beim Pflegenotstand die Spitze des Eisbergs noch nicht erreicht ist.


In Skandinavien besser?

Von Helmut Herold darauf angesprochen, dass in Deutschland auf eine Krankenschwester fast doppelt so viele Patienten entfallen wie etwa in Skandinavien ("Mehr Fehler durch Überlastung"), relativierte Klinikum-Geschäftsführerin Brigitte Angermann: "Die Skandinavier haben ein anderes System. Bei uns warten Sie vier Wochen auf eine OP, dort vielleicht zwei Jahre. Und in England werden an Personen ab 80 keine Hüftoperationen mehr durchgeführt." Die Entscheidung müsse die hohe Politik treffen: "Wollen wir in Deutschland weiterhin die Rundumversorgung, oder gehen wir den skandinavischen Weg?"


"Keine Vorgaben"

Herold hakte nach: "Es gibt ja etwas zwischen Schwarz und Weiß. Die Frage ist, ob in Deutschland vielleicht zu viel operiert wird. Sind die Behandlungen alle notwendig, oder steht wirtschaftliches Denken im Vordergrund?" Brigitte Angermann stellte klar: "500 Hüften, 400 Knieoperationen - es gibt keine solchen Vorgaben, die wir erfüllen müssen."

Ein weiteres Thema war die Bürokratie. Bernd Müller sagte, die Digitalisierung sei in Deutschland noch nicht weit genug, die Patientenkarte bezeichnete er als Farce. "Da gebe ich Ihnen recht", antwortete Brigitte Angermann, die aber auch darlegte, dass die zunächst in der Intensivstation eingeführte digitale Pflegeakte einen Aufwand von rund 3000 Arbeitsstunden erforderte. Erfolgreich angegangen worden sei im Klinikum das Pilotprojekt "Telemedizin". Mit der Fernbehandlung könne es gelingen, die Zahl der sogenannten Drehtür-Patienten und somit unnötige Krankenhausaufenthalte zu verringern.


Ausbildung verändert sich

Elke Wuthe wollte wissen, wie das Pflegeberufegesetz eingeschätzt wird, das ab 2020 die Ausbildung verändert. Erstmals werden dann Vorbehaltsaufgaben geregelt, die aufgrund der erforderlichen Qualifikation nur von Fachkräften wahrgenommen werden dürfen. "Ich sehe das positiv und lasse es auf mich zukommen", sagte Schulleiterin Doris Pösch. "Grundsätzlich muss hier ein Umdenken stattfinden, auch wenn wir ein Traditionsberuf sind, der sich damit etwas schwer tut."


Der Pflegeberuf muss attraktiver werden

Zur Frage, wie hoch die Belastung der Klinikum-Mitarbeiter ist, kam erstmals auch der Personalrat zu Wort. Dessen Vorsitzender Frank Wilzok stellte - etwas provokativ - zunächst eine andere Frage, mit der die Podiumsdiskussion überschrieben sein müsste: "Wie krank ist unser Gesundheitssystem?"

Das große Arbeitspensum komme nicht zuletzt dadurch zustande, dass sich die Zahl der Patienten in den vergangenen zehn Jahren um 70 Prozent erhöht habe, die Verweildauer aber erheblich kürzer sei. Das bedeute einen immensen Durchsatz an Patienten. 20 Entlassungen und 20 Zugänge an einem Tag seien keine Seltenheit.

"Wie kommen wir also aus der Nummer raus", fragte BR-Redaktionsleiter Alexander Müller mit Blick auf die Aussage von OB Henry Schramm, dass man sofort 30 Fachkräfte einstellen würde, wenn man sie bekäme. Wilzok betonte, dass der Pflegeberuf attraktiver gemacht werden müsse - mit einer besseren Bezahlung und mit einem verlässlichen Dienstplan. "Die jungen Leute wollen verbindlich sagen können, ich habe heute frei. Dafür haben sie an der Charité in Berlin sogar gestreikt."

Pflegedienstleiterin Franziska Schlegel unterstrich das: "2,50 Euro Zuschlag für die Nachtarbeit - das muss besser vergütet werden."

Geschäftsführerin Brigitte Angermann erinnerte daran, dass Tarifsteigerungen zu hundert Prozent refinanziert werden müssen. 2017 habe sich aus dem Erlös und den Personalkosten ein nicht finanzierter Betrag von 1,6 Millionen Euro ergeben. Dies bedeute entweder eine Kürzung des Stellenplans oder Mehrleistung der Mitarbeiter. "In dieser Tretmühle sind wir seit 25 Jahren."
Die Pflege, so Angermann, werde oft schlechtgeredet, aber man dürfe nicht übersehen, dass im Klinikum Kulmbach sichere Arbeitsplätze mit vielen Weiterbildungs- und Qualifikationsmöglichkeiten geboten werden. "Das Berufsbild muss attraktiv dargestellt werden."

Man spricht deutsch - oder nicht?

Im deutschen Gesundheitswesen fehlen nicht nur ausgebildete Pflegekräfte, sondern es mangelt auch an Fachärzten. "Ohne ausländische Ärzte würde das Klinikum Kulmbach nicht funktionieren", stellte denn auch Geschäftsführerin Brigitte Angermann bei der Podiumsdiskussion fest.


"Entscheidungen immer im Team"

Doch was ist, wenn sich diese Mediziner mangels ausreichender Sprachkenntnisse nicht verständigen können? Der Leitende Arzt für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum, Gerhard Finkenzeller, versuchte eventuelle Bedenken zu zerstreuen: "Die Behauptung, dass ein schlecht deutsch sprechender Assistenzarzt für das Wohl und Wehe des Patienten entscheidend ist, stimmt nicht. Die Entscheidungen werden immer im Team getroffen, notfalls auch vom Chefarzt alleine."

Der Vorsitzende des ärztlichen Kreisverbands, Thomas Koch, sagte, dass dieses Thema bei der jüngsten Bezirksversammlung diskutiert wurde. Auf Initiative der skandinavischen Länder solle das Sprachexamen künftig schwieriger werden. "Wenn ein Arzt hierherkommt und relativ leicht seine Zulassung bekommt, dann kann er wandern. Davon sind die nördlichen Länder nicht begeistert."

Geschäftsführerin Brigitte Angermann verwies noch auf die Stipendien, mit denen das Klinikum versuche, deutsche Ärzte zu gewinnen.
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