LKR Kulmbach
Nachhaltigkeit

Auf dem Weg zur fairen Region

Kulmbach strebt die Zertifizierung als Fair-Trade-Landkreis an. Landrat Söllner forderte dabei die Beteiligung möglichst vieler Bürger.
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Klimamanagerin Ingrid Flieger überreichte Frank Braun als Geschenk ein Holzbrettchen, das der Landkreis aus heimischem Holz in Kooperation mit der Realschule Kulmbach herstellen lässtUschi Prawitz
Klimamanagerin Ingrid Flieger überreichte Frank Braun als Geschenk ein Holzbrettchen, das der Landkreis aus heimischem Holz in Kooperation mit der Realschule Kulmbach herstellen lässtUschi Prawitz
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Bereits in der vorletzten Legislaturperiode hatten die Kulmbacher Grünen im Kreistag den Antrag gestellt, Kulmbach zu einem Fairtrade-Landkreis zu machen. Jetzt haben sich alle Kreistagskollegen dem Antrag angeschlossen und damit die erste Hürde zur Zertifizierung als Fair-Trade-Landkreis genommen.

Die zweite Voraussetzung für eine Zertifizierung ist die Bildung einer Steuerungsgruppe, welche die Aktivitäten vor Ort koordiniert. Aus diesem Grund hatte Klimamanagerin Ingrid Flieger in den Sitzungssaal des Landratsamtes geladen, und rund 50 Vertreter aus Einzelhandel, Gastronomie, Handwerk sowie kirchlichen, sozialen und Bildungseinrichtungen sind dem Aufruf gefolgt.


"Wir müssen faire Preise zahlen"

"Ich bin überrascht, wie viele den Weg trotz des heißen Wetters hierher gefunden haben", freute sich Landrat Klaus Peter Söllner und betonte, wie wichtig dem Landkreis das Thema "fairer Handel" ist. "Es ist dabei essentiell, dass sich möglichst viele Akteure beteiligen, denn ohne unsere Bürger können wir in der Politik beschließen was wir wollen, das führt zu nichts."

Auch Claus Gumprecht, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Kreistag, betonte die Dringlichkeit eines fairen Handels: "Unsere Wirtschaftspolitik ist eine große Ursache dafür, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Wir müssen faire Preise zahlen, von denen der Produzent leben kann."

15 Einzelhandelsgeschäfte und acht Gastronomiebetriebe, die mindestens zwei Produkte aus fairem Handel anbieten, sind für eine Landkreiszertifizierung nötig. "Das klingt nach wenig, soll aber ein erster Anfang sein", sagte Frank Braun, Regionalpromotor Fairer Handel für die Region Nordbayern. In seinem Vortrag "Fair ist mehr! - FTT als Chance für die Regionalentwicklung" plädierte er für ein Dreigespann aus Bio, Regional und Fair. "Der faire Handel ist eine wichtige Säule im System, wir müssen eine Welt wieder herstellen, die für alle Platz zum Leben lässt." Billig bedeute letztendlich nur, dass wir die Rechnung an anderer Stelle bezahlen würden, dabei könnten wir uns Nachhaltigkeit sehr wohl leisten. "Wir müssen keine Angst haben und auch nicht zurück in die Steinzeit, aber wir sollten uns Gedanken machen, was wir wirklich brauchen."


Immer mehr Verlierer

Würde die ganze Welt beispielsweise mit unserem ökologischen Fußabdruck leben, dann würde uns das ganze System schon längst um die Ohren fliegen, "momentan ist es noch recht kuschelig für uns, aber global gibt es immer mehr Verlierer." Und damit meinte er nicht nur Menschen, die notgedrungen aus ihrer Heimat fliehen, auch den inländischen Erzeugern müssten faire Preise bezahlt werden. Diese Verantwortung dürfen wir nicht nur der Wirtschaft oder der Politik überlassen, denn: "Souverän sind wir alle, und solange wir schweigen, wird der Wille des Volkes nicht mehr durchgeführt."

Als Fair-Trade-Landkreis befindet sich Kulmbach in Franken in guter Gesellschaft, Bamberg und Bayreuth beispielsweise befinden sich ebenfalls im Bewerbungsverfahren, Fürth und Nürnberg-Land sind bereits faire Landkreise, die Metropolregion Nürnberg ist gar die erste faire Metropolregion in der Bundesrepublik.

"Deutschland hat sich zum fairen Handel verpflichtet, aber das ist noch nicht überall angekommen", sagte Braun. In Kulmbach jedoch schon, denn Klimamanagerin Ingrid Flieger bemüht sich mit dem Landkreis bereits seit Jahren um Verbesserungen in diesem Bereich. Da wären die Genussregion Oberfranken, deren Mitglieder faire Preise garantieren müssen, die Energieagentur Oberfranken, der Kulmbecher oder die Aktion Refill - die Kulmbacher sind bereits sehr rührig in Sachen fairer Handel, selbst faire Rosen gibt es in Kulmbach zu kaufen.

Jetzt ist auch die Landkreisadministration selbst gefragt, denn fairer Handel hört nicht beim Essen auf. "Die Kommunen in Deutschland geben jährlich 400 Milliarden Euro aus, das hat im fairen Handel, der in vielen Bereichen gerade einmal einen Marktanteil von rund einem Prozent erreicht, echtes Gewicht", sagte Frank Braun.

Eine neu gegründete Steuerungsgruppe aus Vertretern verschiedener Zielgruppen soll jetzt Ideen für neue Fair-Trade-Projekte aufnehmen, produzieren und koordinieren, "Vernetzung ist alles, daher wollen wir als erstes eine Sammlung aller Einzelhandelsgeschäfte und Gastronomiebetriebe erstellen, die faire Produkte verkaufen oder verwenden", erklärte Ingrid Flieger.

Für die Kulmbacher Schulen hat sie bereits einen Satz fair hergestellter Fußbälle zum Testen bestellt, aber dabei soll es nicht bleiben. "Wir werden unseren Schwerpunkt nicht nur auf das Qualitätsmerkmal ,Fair' legen, sondern auch in Kooperation mit vielen Partnern verstärkt Öffentlichkeitsarbeit für ,Bio" und ,Regional" intensivieren." Ein genussvoller, verantwortungsbewusster Konsum sei einfach und für jeden möglich, jeder Einzelne könne den Gedanken der Nachhaltigkeit in seinem Alltag umsetzen.

Das nächste Treffen für die Gestaltung eines fairen Kulmbacher Landkreises soll im Oktober stattfinden, Interessenten, die gerne teilnehmen möchten oder Ideen und Anregungen haben, melden sich bei Ingrid Flieger im Landratsamt Kulmbach unter flieger.ingrid@landkreis-kulmbach.de, Telefon 09221/707 148. Sobald der Landkreis Kulmbach seine Fair-Trade-Zertifizierung erlangt hat, wird diese alle zwei Jahre durch ein Gremium überprüft und erneuert.


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