Kulmbach
Landwirtschaft

Auch der Spargel sehnt sich nach Sonne

Nächtliche Minusgrade und wenig Licht: Die Bauern im Landkreis sehnen sich nach dem Ende des Winters. "Noch ist kein Grund zum Lamentieren", sagt Wilfried Löwinger aus Altenreuth. Spargelerzeuger Matthias Stenglein aus Rothwind hingegen bittet händeringend um Sonne.
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Der Spargel sehnt sich nach Sonne.
Der Spargel sehnt sich nach Sonne.
Was auf den ersten Blick aussieht wie Hagelkörner, ist Stickstoff. Kleine, weiße Brocken, verstreut zwischen den zartgrünen Inselchen der Wintergerste, die in Reih und Glied die Büschel recken. Fünf, sechs Halme pro Pflanze - "das geht schon noch in Ordnung", sagt Wilfried Löwinger, der die Gerste Ende September gesät hat. Jetzt, Ende März, dürfte sie aber gern und zügig an Wuchs zulegen. Dafür fehlt ihr jedoch der Dünger. Dabei liegt der seit Tagen zum Aufsaugen nahe da. Die Krux: In seiner festen Form nützt er den Pflanzen nichts. Erst wenn sich der Stickstoff im Wasser auflöst, gelangt er an die Wurzeln und ist verwertbar.

Wasser ist das Stichwort. "Ein warmer Frühlings regen wäre jetzt was, ohne großes Geplatsche", sagt Wilfried Löwinger, biegt den Kopf in den Nacken und blickt in die graublaue Melange aus Wolken und einer Andeutung von Sonnenschein.
Frühling in Altenreuth bei Harsdorf. Aus der Ferne senden die letzten Schneereste ein Glitzern aus. Tauen wollen sie nicht, können sie ja auch nicht bei den anhaltenden Nachtfrösten und den bisherigen Tagestemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Landwirt Löwinger schiebt das Schild seiner Mütze tiefer in die Stirn und schlägt den Kragen hoch zum Schutz vor der Ostluft, die wie ein Sandstrahlgebläse gegen die Haut arbeitet. Seine Wintergerste hat diese Chance nicht. "Noch ist kein Anlass zu Besorgnis oder gar Katastrophenszenarien", sagt Löwinger. Der Kulmbacher Kreisobmann des Bauernverbands ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, "dass das Wetter nicht immer nach unserem Gusto sein kann".

Allerdings macht es die aktuelle Witterung einem Ferkel erzeuger wie ihm, der das Futter für seine 180 Zuchtsauen selber anbaut, nicht leichter. "Zum Vergleich: Vor einem Jahr um diese Zeit war die ganze Saat schon ausgebracht, Dünger und Gülle auf den Feldern. Jetzt habe ich gerade ein paar Fässer rausgefahren, um Platz in der Grube zu schaffen." 100 Hektar Fläche bestellt Löwinger, sät Winterweizen, Wintergerste, Tritikale, Raps und Erbsen als Eiweißfutter für seine Schweine. "Damit kann ich den Futter bedarf zu hundert Prozent decken und muss bloß Sojaschrot zukaufen."

Abschätzen, ob die Ernte 2013 womöglich schwächer ausfallen wird, lasse sich jetzt noch überhaupt nicht. "Wir sind gefühlt drei Wochen hinterher, das ist schon richtig. Aber die Natur kann auch so einen Rückstand zügig aufholen. Da lässt sich über Erträge im Juli noch nicht spekulieren."

Beim Gang über das Gerstenfeld gleich hinter seinem Hof bückt sich Löwinger ein paar Mal, reibt Hälmchen zwischen den Fingern und gräbt vorsichtig nach den Wurzeln. "Angesichts der Temperaturen wäre es mir fast lieber, ich hätte hier noch eine geschlossene Schneedecke, als dass alles dem Wind und der Kälte ausgesetzt ist."
Wenn der Boden tagsüber antaut und nachts wieder gefriert, neigt er dazu "aufzubrechen", wie es Löwinger ausdrückt. "Die Scholle dehnt sich durch die Temperaturunterschiede auf und hebt die Pflanzen hoch. Dabei kann das feine Wurzelwerk abreißen, denn so stabil ist die Winterkultur noch nicht, dass sie das verkraften könnte."
Die Saat zeigt zwar leichte Anzeichen von Austrocknung, aber noch nichts Dramatisches. "Die paar angegilbten Blätter beunruhigen mich nicht, wenn das Herz der Pflanze gesund ist und keine Nässeschäden hat." Es sei nichts Ungewöhnliches, dass Ende März der Winter noch seinen kalten Atem über die Felder schickt. "Wir sind es nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nicht mehr gewohnt. Ich kann mich noch an meine Konfirmation im März 1970 erinnern: Da hatten wir Kinder Spaß, in fast hüfthohem Schnee rumzutollen."

Kein Spaß wäre, müsste Löwinger nachsäen, weil sich Trockenheit oder im umgekehrten Extremfall Starkregen negativ auf den Pflanzenwuchs auswirkten. "Ich bräuchte weiteres Saatgut, hätte zusätzlich die Maschinen- und damit Energiekosten in Form von teurem Diesel. Nicht gerechnet die Arbeitszeiten, die anfallen." Dabei meint er die seines Auszubildenden, den er derzeit auf seinem Hof hat. Seine eigene Arbeit will Löwinger gar nicht einrechnen.
Matthias Stenglein würde gern seine Arbeit wieder aufnehmen. Die Erddämme sind längst aufgeschüttet, die Folientunnel in Doppellage drübergezogen. Die Frucht aber, die er anbaut, hat sich noch nicht einmal erbarmt, den Kopf zu heben. Stenglein ist Spargelbauer aus Rothwind, baut seit Jahren mit Erfolg die edlen Stängel an, auf fünf Hektar Fläche. Die Bodenqualität ist nicht die optimalste für Spargel. Das kann er kompensieren. Was er nicht kann: die Wolken beiseite schieben, damit Sonnenlicht durchkommt. "Ich kann mich nicht an einen Winter erinnern, der derart finster war."

In der Tat: Laut meteorologischer Aufzeichnung ist es der düsterste Winter in Bayern seit 75 Jahren. Ohne Sonne erwärmt sich der Pflanzdamm nicht - Folie hin oder her. Zwölf Grad aber sind Voraussetzung, damit sich unter der Abdeckung überhaupt etwas regt, sagt Stenglein. "Im vergangenen Jahr haben wir am 10. April den ersten Spargel verkauft. Das ist für heuer Utopie."

Anders als andere Spargelbauern verzichtet der Rothwinder auf künstliche Wärme unter den Tunneln. "Ich weiß, es gäbe Möglichkeiten, etwa Fernwärme anzuzapfen. Aber ich habe Vorbehalte gegen künstlich beheizten Spargel." Normalerweise entfalten die Planen genügend Wirkung. "Damit bin ich vier bis sechs Wochen früher mit dem Stechen dran, weil die Sonne den Boden erwärmt. " Er lächelt gequält. "Tja, wenn sie denn mal scheinen würde."

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