Kulmbach
Studie

Uni Bayreuth: So viel Plastik landet über die Biomüll-Tonne in Flüssen und Seen

Forscher der Uni Bayreuth haben belegt: Eine Quelle für Plastik in der Umwelt ist ausgerechnet die Biotonne!
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"Wie kommt das Salz ins Meer?" Brigitte Schwaiger betitelte so vor 40 Jahren ihren Bestseller. Die Frage müsste heute lauten: Wie kommt das Plastik da rein (also ins Meer)? Bei Tüte, Einweg-Gabel und Gummi-Ente ist es einfach: Entweder hat sie jemand direkt reingeworfen - oder sie kamen über Umwege (gesunkene Schiffe, Hochwasserereignis, Deponieeintrag etc.) in die Gewässer. Aber die Biotonne als Quell des Unheils?

Das ist kein Druckfehler, sondern die Erkenntnis einer Studie der Uni Bayreuth, genauer gesagt einer fachübergreifenden Kooperation unter der Leitung von Ruth Freitag, Professorin für Bioprozesstechnik, und Christian Laforsch, Doktor der Tierökologie und seit Jahren einer der führenden Forscher in Sachen Umweltverschmutzung durch Kunststoffe. Laforsch hatte im Jahr 2013 eine vielbeachtete Arbeit zur Mikroplastik-Belastung am Ufer des Gardasees veröffentlicht.


"Jeder kann Beitrag leisten"

"Damit wir den Folgen dieser bedenklichen Entwicklung auf die Spur kommen, müssen wir zunächst wissen, auf welchen Wegen die Kunststoffpartikel in die Ökosysteme gelangen", sagt Laforsch. Diese Frage stand auch am Anfang der neuen Studie über organischen Dünger aus Bioabfällen. "Die Ergebnisse zeigen beispielhaft, dass alle Bürger in ihrem eigenen häuslichen und kommunalen Umfeld einen Beitrag für Naturschutz und eine ökologische Kreislaufwirtschaft leisten könnten", betont der Wissenschaftler.

Könnten... Die Realität sieht anders aus. "Wir haben festgestellt, dass der Plastikeintrag just über den Dünger aus organischen Stoffen passiert. Leider schmeißt mancher seine Küchenabfälle zusammen mit Plastikmüll weg. Sprich: Die Kartoffelschalen werden in der Plastiktüte gesammelt - anschließend aber landet beides zusammen in der grünen Tonne. Oder die verfaulte Gurke wird nicht aus der Folie befreit, sondern mit ihr weggeworfen."

Das Ergebnis ist das gleiche: Verunreinigte organische Stoffe kommen so in den Verwertungsanlagen an. Dort kann, so der Forscher, zwar ein Großteil der Fremdstoffe ausgesiebt werden, "aber alle kleinen Bestandteile unter fünf Millimetern verbleiben im Kompost und werden flächig ausgebracht, etwa auf den Äckern. Ein Teil davon gelangt möglicherweise nach Regenereignissen oder den Transport durch Wind später in Gewässer und Seen".

Bedenklich wird es, sobald man die Mengen betrachtet. In den rund 1000 Kompostierungs- und 100 Bioabfallvergärungsanlagen in Deutschland (Angabe laut Bundesumweltamt) werden jedes Jahr rund fünf Millionen Tonnen Kompost hergestellt, die wiederum auf landwirtschaftlichen Flächen verteilt werden. So weit, so sinnvoll. Doch in den gewonnenen Kompostproben fanden die Forscher bis zu 895 Kunststoffpartikel pro Kilogramm Trockengewicht.


Laforsch betont: Die Belastung hänge nicht mit der Sortiermethode der Anlage zusammen, sondern damit, woher das Urmaterial stammt. Ergebnis: Bioabfälle aus Privathaushalten sowie der Industrie wiesen demnach eine starke Verunreinigung mit Plastik auf, wohingegen in den Rückständen von Biogasanlagen, die ausschließlich mit nachwachsenden Rohstoffen (Mais/Gras) oder Gülle arbeiten, so gut wie kein Plastik nachgewiesen werden konnte.


Gesetz lässt geringe Mengen zu

Ob das alles den gesetzlichen Vorgaben entspricht? Fest steht: Es darf Plastik im Bioabfall sein. Kein Scherz. Die Verordnung erlaubt, dass beim Kompost 0,5 Prozent des Gesamtgewichts aus Fremdstoffen bestehen dürfen! Bei der Düngemittelverordnung wiederum liegt die Grenze für Kunststoff bei 0,1 Prozent des Gesamtgewichts. Partikel unter zwei Millimeter Durchmesser werden von beiden Maßgaben nicht erfasst. Wissenschaftler Laforsch findet das bedenklich: "Da muss der Gesetzgeber tätig werden."

Die Forschung zum Thema Mikroplastik sei noch eine junge Fachrichtung, sagt Laforsch. Bei großen Teilen wie Tüten oder auch Resten von Netzen im Meer ist bekannt, dass Schildkröten sich darin verfangen oder Wasservögel das bunte Allerlei für Nahrung halten, fressen - und dann mit vollem Magen verhungern. Wie verhalten sich aber winzige Teile, die kaum noch mit bloßem Auge sichtbar sind und im Boden lagern? Laforsch hat unter anderem bei Wasserflöhen nachgewiesen, dass sich die Plastikwinzlinge in limnischen Organismen anreichern.

Und an Land? "Auch Regenwürmer nehmen Partikel auf und tragen sie in den Boden. In Studien anderer Forscher wurde registriert, dass dadurch die Todesrate der Würmer ansteigt. Inwiefern Mikroplastik in unsere Nahrung gelangt, ist schwer zu sagen. Vielleicht ist gerade der Mix aus Kunststoffen das Problem, denn jeder enthält andere Additive, also etwa Weichmacher oder Flammschutzmittel. Diese Stoffe können toxisch wirken oder hormonell. Womöglich dienen sie als Transportmittel für diverse Erreger über weite Strecken."

Zu vermeiden, dass die Stoffe ihre potenziell schädlichen Wirkungen entfalten können, ist also das Gebot der Stunde. Was aber ist mit denen, die schon in der Umwelt sind? Laforsch ist skeptisch, was jüngste Vorstöße angeht, beispielsweise mittels schwimmender Plattformen den riesigen Plastikstrudeln im Meer zu Leibe zur rücken. "Je kleiner die Fragmente, desto schneller stoßen solche Vorschläge an Grenzen. Würde man Mikroplastik herausfiltern, laufen wir Gefahr, dabei Unmengen Plankton zu erwischen. Das ist für mich kein praktikabler Ansatz."
 


Detlef Zenk: "Bei der Biotonne waren wir in Kulmbach Vorreiter"

Vergangene Woche erst hielt Detlef Zenk in Kassel einen Vortrag über die Qualitätssicherung von Biotonnen. Der diplomierte Biologe und Abfallberater des Landkreises erinnert im Interview an die Anfänge 1994 und die Erfolge des elektronischen Detektionssystems.

Herr Zenk, wie ist es um die Qualität des Materials aus den Kulmbacher Biotonnen bestellt?
Detlef Zenk: Eigentlich sehr gut. Wir gehen ja mit unserem Detektionssystem seit 2001 einen besonderen Weg. Entscheidend für die Qualität des Komposts ist das gesammelte Material, denn unsere Behandler sind mit ihren Sortiertechniken am Limit. Daher muss es unser aller Anliegen sein, Unrat gar nicht erst beizumischen. Wir können verschiedene Empfindlichkeiten einstellen, der Detektor erkennt Stoffe bis zur Kronkorkengröße.

Bleiben auch Bio-Tonnen stehen?
Ja, wenn sie wirklich stark vermüllt sind. Pro Tour, schätze ich mal, sind das 12 bis 15 Stück, also etwa ein Prozent. Die Leute bekommen dann die Rote Karte. Am Anfang ernteten wir einen Sturm der Entrüstung, mittlerweile ist es akzeptiert. Wir machen das ja nicht gerne. Aber solche Studien wie die der Uni Bayreuth zur Belastung eines so wertvollen Produkts wie Kompost zeigt doch, dass es sinnvoll ist, mit Nachdruck für eine möglichst hohe Reinheit einzutreten. Deshalb generell - und wo immer möglich - auf Plastik verzichten. Für die Biotonne heißt das: Die Abfälle, wenn überhaupt, in Papier, etwa Zeitungspapier, einwickeln.

Lässt sich Plastik später von den organischen Stoffen trennen?
I n der Katschenreuther Kompostieranlage, wo jährlich 3000 Tonnen zusammenkommen, wird das Material erst aufgesetzt, kompostiert und danach gesiebt. Dabei dürfen geringe Mengen an Plastik enthalten sein, damit es sogar den strengen Kriterien der Bundesgütegemeinschaft Kompost entspricht. Das wird regelmäßig geprüft. Die Biotonne ist eine gute Einrichtung, ein Rundum-Sorglos-Paket für die Bürger - und ein Beispiel für einen effektiven Wertstoff-Kreislauf.



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