Kulmbach
Immunschwäche

Aids - eine Krankheit im Schattenreich

Aids - war da was? Eine HIV-Infektion ist kein Todesurteil mehr. Gesundheitsamtsleiterin Camelia Fiedler plädiert dennoch für Wachsamkeit.
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Dank moderner Tests und pharmazeutischem Fortschritt kann ein HIV-Infizierter ein weitgehend normales Leben führen.dpa
Dank moderner Tests und pharmazeutischem Fortschritt kann ein HIV-Infizierter ein weitgehend normales Leben führen.dpa

Freddie Mercurys Todestag jährt sich am 24. November, bei Rock Hudson war es jüngst der 2. Oktober. Der Queen-Sänger starb 1991 im Alter von 45, der Schauspieler 1985 (mit 59). Beiden Schicksalen gemein ist die Todesursache: Aids. Die Immunschwäche; der "Tod aus der Hölle"; die "Geißel der versexten Gesellschaft". Eti ketten, die dem HI-Virus in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren angepappt wurden. Ein Virus, das keine Unterschiede macht beim Status eines Menschen. Jeden konnte es treffen.

Konnte? Aids - war da was? Die großangelegte Kampagne Ende der 1980er Jahre schiebt sich vors geistige Auge: "Gib Aids keine Chance - Kondome schützen" lautete das Mantra über Jahre. Drei Gruppen waren ausgemacht als die Übeltäter und potenziellen Gefährder einer ganze Nation: Prostituierte, Homosexuelle, Drogenabhängige.

Scham und Stigmatisierung

Heidemarie Scherer, Mitarbeiterin im Kulmbacher Gesundheitsamt, erinnert sich noch, wie Vertreter aus dem damaligen CSU-Innenministerium bei den genannten Gruppen Zwangstests durchdrücken wollten; andere setzten sich gar dafür ein, Aidskranke in "speziellen Heimen" einzusperren. "Es war eine regelrechte Hysterie", sagt die heute 63-Jährige - einhergehend mit unreflektierter Furcht in der Bevölkerung auf der einen, Scham und Angst vor Stigmatisierung bei den Infizierten auf der anderen Seite. Im Vereinshaus gab es Rockkonzerte gegen Aids, und im Büro des damaligen Amtsleiters Dieter Weiss stand ein besonderes Beratungstelefon.

Panik-tauglich ist Aids heute in der breiten Masse nicht mehr. So als wäre es ausgerottet, was es de facto nicht ist und vielleicht nie wird. Für Betroffene freilich ist und bleibt die Diagnose ein Schock. "Aber eben kein Todesurteil mehr, sondern eine chronische Krankheit", wirft Amtsleiterin Camelia Fiedler ein. "Wir bleiben mit unserer Aufklärung weiter dran, damit die Menschen sich bewusst sind: Es gibt HIV noch. Aber wer sich rechtzeitig behandeln lässt, der hat mittlerweile dank neuester Medikation eine vergleichbare Lebenserwartung wie jeder gesunde Gleichaltrige auch. Entscheidend ist: Die Behandlung muss in der Phase einsetzen, wenn die Krankheit noch nicht zum Ausbruch gekommen ist."

Medizinisch gesprochen liegt bei solchen Patienten dank antiretroviraler Kombinationstherapie mit Proteasehemmern die Viruslast unter der Nachweisgrenze. Heißt: Das Blut enthält nur wenige Viren, das Immunsystem funktioniert. Und: Ein Risiko, den Partner beim Sex anzustecken, besteht praktisch nicht.

Standardtests können die Immunreaktion des Körpers auf den Virus (sprich Antikörper) nachweisen. Problem: "Das funktioniert erst sechs Wochen nach der potenzielle Ansteckung." Welche Chance aber hat jemand, der befürchtet, sich privat beim Geschlechtsverkehr oder als Mediziner bei einer OP infiziert zu haben? Für diese Fälle gibt es die "Aids-Pille danach", im Fachjargon Post-Expositions-Prophylaxe (PEP). Nach Angaben der Deutschen Aidshilfe sollte diese Behandlung am besten binnen zwei Stunden, spätestens 48 Stunden nach der potenziellen Ansteckung erfolgen. Dann bestünden gute Chancen, das Virus daran zu hindern, sich im Körper einzunisten. Die Anwendung selber dauert, so Camelia Fiedler, vier Wochen. PEP gibt es ausschließlich in spezialisierten Krankenhäusern und Arztpraxen/Ambulanzen.

In Kulmbach wurden seit 1988 im Schnitt 500 HIV-Tests pro Jahr durchgeführt - mit nur wenigen positiven Fällen. Klingt also vernachlässigbar? Für Camelia Fiedler ist dennoch klar: "HIV soll und muss eine ernste Angelegenheit bleiben - aber wir müssen ohne Angst rangehen und lernen, damit umzugehen." Ein Rückfall in hysterische Zeiten sei kontraproduktiv. "Bei üblichem sozialen Verhalten ist das Virus praktisch nicht übertragbar. Also keine Sorge, selbst wenn man im Büro mit einem HIV-Positiven aus dem gleichen Glas getrunken hat." Auch Blutspenden stellten heute keine Gefahr mehr dar. "Jede Konserve wird kontrolliert."

Aufklärung in den 9. Klassen

Sachliche Information bleibt in der Aufklärung das Gebot der Stunde, gerade bei Jugendlichen. Deswegen werden seit den 1990er Jahren jährlich alle 9. Klassen im Landkreis aufgesucht. In einem speziellen Aids-Preisrätsel geht es um die wichtigsten Fakten zum Thema.

Und wenn doch der Fall des Falles eintritt? "Wir hatten hier schon Menschen mit positivem Befund sitzen", sagt Camelia Fiedler. Das Gesundheitsamt ist verpflichtet, das Ergebnis anonym an das Robert-Koch-Institut in Berlin weiterzuleiten.

Für den Betroffenen selber läuft dann die Maßnahmenkette an. "Zunächst wird ein spezieller Test vorgenommen, mit dem man das Virus direkt nachweist. Wir betrachten den Allgemeinzustand der Person, klären ab, ob andere Erkrankungen vorliegen, denn HIV schwächt die Immunabwehr. Dann beginnt umgehend die Therapie mit Oralmedikamenten. Der Infizierte muss die Tabletten ein Leben lang einnehmen. Sie töten das Virus nicht ab, sondern halten es nur in Schach." Eine Schutzimpfung, von der Mediziner noch vor 20 Jahren träumten, scheint in weite Ferne gerückt.

Aids in Zahlen

Laut Angaben der Deutschen Aids-Hilfe leben allein hierzulande 86 000 Menschen mit HIV, jedes Jahr kommen 2700 dazu. Weltweit sind es nach UN-Schätzungen 38 Millionen Infizierte, fünf Prozent davon jünger als 15 Jahre. Afrika ist der Schwerpunkt, hier leben annähernd zwei Drittel der Betroffenen. 23 Millionen Menschen werden global mit antiretroviralen Medikamenten behandelt, um den Ausbruch der Krankheit zu unterdrücken. Der UN zufolge wissen 21 Prozent aller Infizierten nicht, dass sie HIV-positiv sind. Seit Entdeckung des Virus 1983 starben insgesamt mehr als 35 Millionen Menschen.

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