Kulmbach

Ago AG will sich aufs Kerngeschäft besinnen

Die Ago AG hat harte Zeiten hinter sich und mit dem Betrieb von Biomassekraftwerken viel Geld verbrannt. Mit neuem Management will sich das Unternehmen wieder auf Engineering und den Bau anspruchsvoller Energieversorgungsanlagen besinnen. Besonderheit: eine Absorptionskältemaschine.
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Günther Hein (links) und Georg-Stephan Wilkening geben seit einigen Monaten bei der Ago AG die Richtung vor. Das Unternehmen baut Energieversorgungsanlagen und besitzt Patente auf Konstruktionen nach dem Wirkprinzip der Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung, hier zu sehen auf einer Planskizze. Foto: Jochen Nützel
Günther Hein (links) und Georg-Stephan Wilkening geben seit einigen Monaten bei der Ago AG die Richtung vor. Das Unternehmen baut Energieversorgungsanlagen und besitzt Patente auf Konstruktionen nach dem Wirkprinzip der Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung, hier zu sehen auf einer Planskizze. Foto: Jochen Nützel
Energiewendezeit in Deutschland. Das Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung ist in aller Munde. Am Goldenen Feld sitzt ein Unternehmen, das sich im Bau von Anlagen zur Energieversorgung mit Entwicklungen hervorgetan hat, die den Wirkungsgrad von Blockheizkraftwerken auf über 90 Prozent schrauben kann: die Ago AG. Ago kommt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt: wir bewegen. Was genau, das haben die beiden Vorstände Günther Hein und Georg-Stephan Wilkening im BR-Interview umrissen. Sie sprachen über die Zukunft des Anlagenbaus, kostspielige Altlasten und den Standort Kulmbach.

Herr Hein, worin liegt der Schwerpunkt der Ago AG?
Günther Hein: Wir sind tätig im Bereich der dezentralen Energieversorgung und in der technischen Gebäudeausrüstung.
Der Schwerpunkt liegt in der Planung und im Bau von Strom-und Dampferzeugungsanlagen wie auch Heizungs-, Kälte und Klimaanlagen. Wir entwickeln und bauen hoch effiziente Blockheizkraftwerke, in der Regel auf Erdgasbasis. Unsere Anlagen sind grundlastfähig und funktionieren dezentral sowohl für Kommunen als auch in der Industrie.

Georg-Stephan Wilkening: Oft wird bei der Stromerzeugung gleichzeitig Wärme ausgekoppelt, die sich in Fernwärmenetze einspeisen lässt. Für bestimmte industrielle Prozesse lässt sich Dampf erzeugen. Je mehr von den "Abfallprodukten" der Stromerzeugung genutzt werden kann, umso effizienter ist die Verwertung des Brennstoffes. Hier liegt unser Knowhow. Darüber hinaus sind wir mit einer eigens entwickelten Absorptionskältemaschine am Markt, die in einem für die Lebensmittelindustrie interessanten Temperaturbereich zusammen mit einem BHKW die überschüssige Wärme nutzt. Sie basiert auf dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung.

Bedeutet das eine zusätzliche Steigerung in der Effizienz?
Hein: Wir holen mit dieser Technik aus der eingesetzten Primärquelle Gas einen Wirkungsgrad deutlich über 85 Prozent heraus. Für die Firma Gropper, einen großen Molkereibetrieb, haben wir eine derartige Anlage gebaut. Dort sind wir bei etwa 90 Prozent. Wir reden hier von zwei Megawatt Elektrizität, 0,7 Megawatt Kälte minus sieben Grad und 1,5 Tonnen Dampf pro Stunde für die Sterilisation. Die Absorptionskältemaschine funktioniert übrigens mit einer Ammoniak-Wasserlösung. An der Schnittstelle zum BHKW haben wir hier auch einschlägige Patente. Damit liegen wir ganz vorne.

Es gab eine Zeit, in der das Unternehmen in den Verkauf von Anlagen auf Hackschnitzelbasis eingestiegen ist. Wie sich herausgestellt hat: ein teurer Irrweg.
Hein: Das Unternehmen hat 2007 mit dem Börsengang die strategische Entscheidung getroffen, auch in Betreibergesellschaften zu investieren. Man hat verstärkt eigene Kraftwerke aufgebaut und Contracting betrieben, unter anderem in der Nähe von Erfurt, aber auch in Italien, denn dort gibt es eine hohe Einspeisevergütung. Die Holzhackschnitzelpreise aber sind jährlich um fünf und mehr Prozent gestiegen, vor allem verursacht durch steigende Beschaffungskosten. Stichwort: teurer Diesel.

Damit rentierten sich die Kraftwerke trotz der problemlosen Funktion und des guten Engineerings nur noch unter bestimmten Bedingungen. Es war also kein absehbarer Irrweg, vielmehr haben sich die Rahmenbedingungen geändert und wir haben darauf reagiert. Mit dem Einstieg der Perseus Investment Group als Hauptaktionär 2011 wurde die Entscheidung getroffen, diesen Geschäftszweig aufzugeben. Wir haben uns daraufhin von entsprechenden Betreibergesellschaften getrennt.

Stichwort Aktionäre: Der Ausgabekurs für die Ago-Aktie lag bei sieben Euro, aktuell sind es 1,10 Euro. Wie geduldig sind denn die Anteilseigner?
Wilkening: Grundsätzlich haben wir unseren Aktionären sicherlich zuletzt einiges an Schmerzen bereitet. Auf der anderen Seiten tun wir seit Monaten alles, um nachhaltig in die entgegengesetzte Richtung zu steuern. Die Aktionäre haben seit 2011, nach der schwierigen Phase der Umstrukturierung, den Strategiewechsel sehr begrüßt und mitgetragen. Wir haben unsere Kostenstruktur vollumfänglich geprüft und die Kosten mit dem erforderlichen Augenmaß gesenkt. Ein Umsteuern geht aber nicht über Nacht, die Auswirkungen werden immer erst verzögert sichtbar.

Gab es jemals die Überlegung, das Unternehmen von der Börse abzumelden?
Wilkening: Ein De-Listing haben wir bislang nicht erwogen. Aber unser Ziel muss es sein, das Unternehmen weiter zu entschulden. Deswegen haben wir jüngst unser Eigenkapital über eine Kapitalerhöhung gestärkt und eine Inhaberschuldverschreibung vollständig zurückgekauft. Ferner hat der schon erwähnte Verkauf von Altlasten dazu beigetragen. Unser Knackpunkt war ja nie das Kerngeschäft, das lief immer gut. Der Ausflug in die Betreibermodelle hat sich aufgrund des schwierigen Brennstoffmanagements als nicht rentabel erwiesen. Das hat die Aktie so stark unter Druck gebracht.

Hein: Wir mussten mit unserem Kerngeschäft die Verluste tragen und versuchen auszugleichen. Es hat nicht ganz gereicht, deswegen haben wir etwas an unserer Eigenkapitaldecke eingebüßt. Heute können wir sagen: Der Anlagenbau und das gute und konjunkturstabile TGA-Geschäft haben uns durch die schweren Zeiten getragen.

Das werden die Mitarbeiter gern hören. Wie viele Beschäftigte arbeiten bei Ihnen?

Wilkening: Derzeit sind es 150. Unsere Mitarbeiter hatten in Zeiten der Krise natürlich auch Bedenken, aber es herrschte immer ein positiver Geist, so etwas wie eine "Jetzt erst recht"-Mentalität. Die Leute hier ind sehr loyal, sie identifizieren sich mit dem Unternehmen.

Ist es schwierig, neue Mitarbeiter zu gewinnen?
Hein: Es ist nach wie vor eine Herausforderung. Die meisten technischen Mitarbeiter haben wir selbst ausgebildet und sie danach zu Projektingenieuren und -leitern fortgebildet. Diese Vorgehensweise behalten wir sicher bei. Dazu haben wir aktuell 18 Auszubildende, das sind immerhin über zehn Prozent der Belegschaft. Bei uns kann man technischer Systemplaner, Versorgungstechniker, Kälteanlagenbauer und -techniker, aber auch Kaufmann werden. Wir haben drei Dual-Studenten, die Maschinenbau mit Schwerpunkt Energietechnik studieren und gleichzeitig eine Ausbildung zum technischen Systemplaner absolvieren.

Deutschland ist das Hauptbetätigungsfeld. Jüngst aber sind Sie in Südafrika tätig geworden.
Hein: Wir haben dort in ein Hotel am Flughafen von Kapstadt ein Wärmepumpensystem eingebaut. Das Projekt war sehr spannend und komplex - es ist das grünste Hotel Afrikas entstanden. Aufgrund der Energiewende hier zu Lande ist es sinnvoll, sich schwerpunktmäßig auf Deutschland zu konzentrieren und diesen Markt intensiv anzugehen. Aber in ein paar Jahren werden wir uns womöglich stärker auf das Ausland fokussieren.

Wie kann ein Unternehmen wie Ihres am Markt bestehen?
Hein: Das hängt vor allem von dem technischen Wissen und Können sowie der Erfahrung unserer Ingenieure und Techniker ab. Von der Projektierung über den Vertrieb bis zur Projektumsetzung ist das für einen Anlagenbauer erfolgsentscheidend. Je mehr man von diesen hochqualifizierten Kräften hat, umso mehr Anlagen lassen sich in der geforderten Qualität realisieren. Wir waren in den vergangenen zwei Jahren mehrfach in der Situation, dass wir mehr Aufträge hätten annehmen können, als wir stemmen konnten.

Wilkening: Die Kunst besteht darin, eine Balance zu finden. Unser Unternehmen muss gleichzeitig wachsen in der Projektierung, also im Vertrieb, aber auch in der Abwicklung.

Bedienen Sie eine Nische?

Hein: Im Energie- und Anlagenbau bewegen wir uns bundesweit in einem Segment, in dem etwa 20 Mitbewerber unterwegs sind. Unser Vorteil gegenüber größeren Konkurrenten ist sicher die Flexibilität. Wir können uns schnell auf Anforderungen des Kunden einstellen. Das sieht man vor allem in der Beratung: Wir stimmen das Projekt auf die Kundenwünsche und Bedürfnisse ab. Eine Standardlösung überzustülpen ist nicht unsere Herangehensweise.

Wie steht es mit dem Standort Kulmbach? Lässt sich eine Aktiengesellschaft nicht von überall auf der Welt betreiben?
Wilkening: Klares Nein. Das Unternehmen ist mit der Stadt und vor allem den Mitarbeitern vor Ort stark verwurzelt.

Hein: Einen Anlagenbaubetrieb wie diesen kann man nicht verlagern. Die technischen Mitarbeiter sind unser Kapital - und die müssten alle mitziehen, was sicher nicht passiert. Das Stammhaus wird in Kulmbach bleiben, auch wenn wir vielleicht noch die eine oder andere Niederlassung in Zukunft gründen.
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