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Kulmbach
Interview

Wolfgang Schenker hat das große Ganze im Blick

Wolfgang Schenker hat den Bund Naturschutz im Kreis Kulmbach über zwei Jahrzehnte geprägt. Jetzt kehrt er in seine Geburtsstadt Bamberg zurück.
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Wolfgang Schenker hat den Bund Naturschutz im Kreis Kulmbach über 20 Jahre geprägt. Nah seinem Wegzug braucht die Kreisgruppe einen neuen Vorsitzenden. Foto: Dieter Hübner
Wolfgang Schenker hat den Bund Naturschutz im Kreis Kulmbach über 20 Jahre geprägt. Nah seinem Wegzug braucht die Kreisgruppe einen neuen Vorsitzenden. Foto: Dieter Hübner
Er versteht sich nicht als "klassischer Naturschützer, der Blümchen und Vögel retten will". Sein Ding ist das große Ganze - nichts weniger als die Sicherung der Lebensgrundlagen für kommende Generationen: Die Rede ist von Wolfgang Schenker, der den Bund Naturschutz im Kreis Kulmbach zwei Jahrzehnte geprägt hat - von 1994 bis 1998 und von 2006 bis heute als Vorsitzender. Jetzt muss sich die BN-Kreisgruppe mit ihren 1200 Mitgliedern einen neuen Vorsitzenden suchen. Denn: Schenker verlässt Trebgast, wo er und seine Familie seit 1988 gelebt haben, und zieht nach seiner Pensionierung als Lehrer der Gefreeser Jacob-Ellrodt-Realschule wieder in seine Geburtsstadt Bamberg. Wir haben mit ihm über seine Bilanz und seine Pläne gesprochen.

Wie sind Sie zum Naturschutz gekommen?
Schenker: Ich habe Physik studiert, komme aus der Ökologiebewegung und bin auf der Anti-Atomkraft-Schiene zum Bund Naturschutz gekommen. Weil sich der BN von Anfang an gegen Atomkraft, für erneuerbare Energien und vor allen Dingen für Klimaschutz ausgesprochen hat. Als ich 1994 erstmals den BN-Vorsitz übernahm, ging es vor allem darum, die Kreisgruppe, die in schweres finanzielles Fahrwasser geraten war, zu sanieren und wieder handlungsfähig zu machen. Das ist mit einem ganz neuen Vorstand auch schnell gelungen.

Sind die Ziele von damals heute noch aktuell?
Ja, viele Themen sind bis heute gleichgeblieben. Neben Klimawandel, erneuerbaren Energien oder FHH-Gebieten ging es bereits um die Ortsumfahrung Untersteinachs. Unser Vorschlag im Raumordnungsverfahren war die Variante direkt an der Bahn entlang. Im Bereich Kauerndorf plädierten wir für die Ablösung der etwa sieben Häuser, die am Hang stehen, Verlegen der Trasse direkt an den Hang und damit Lärmschutz für die restlichen Häuser. Ein Dauerbrenner ist die Vernichtung von Lebensräumen durch den enormen Flächenverbrauch. Das Verrückte daran ist, dass es bereits in den neunziger Jahren einen Kabinettsbeschluss gab, dass nur noch so viel Fläche versiegelt werden darf, wie gleichzeitig wieder aufgemacht wird. Leider hat sich noch nie jemand daran gehalten. Es ist immer noch so, dass jeden Tag mehrere Fußballfelder zugeteert werden.

Die Energiewende ist immer Ihr Spezialthema gewesen ...
Ja, stimmt. Die erste Photovoltaik-Anlage im Landkreis Kulmbach befindet sich auf dem Dach meines Trebgaster Wohnhauses. Photovoltaik und Windkraft sind für mich absolut faszinierende Technologien. Das ist wie ein Geschenk Gottes. Dadurch wird nichts belastet, nichts kaputtgemacht, es werden keine Abgase und Gifte produziert. Natürlich schaut es nicht immer schön aus, und man muss auch nicht überall, wo es möglich wäre, ein Windrad hinstellen. Die Windkraft braucht genau wie andere Technologien ökologische Leitplanken und Planungskriterien: In Lebensräumen bestimmter Vogelarten darf man halt kein Windrad bauen. Das muss alles rational geprüft werden. Die Landschaft ändert sich ja so rasant, mit oder ohne Windkraft. Man braucht sich doch nur Bilder anschauen, wie es vor 100 Jahren aussah. Wir leben nun einmal nicht nur in einer Natur-, sondern auch in einer Kulturlandschaft.

Wird die Arbeit des BN durch die Abschaltung der Atomkraftwerke leichter?
Nein, das Herunterfahren der AKW ist einfach und kein Problem. Danach fangen die Schwierigkeiten erst an. Was kommt dann? Welche Energieformen nutzen wir künftig? Die Konflikte, die jetzt wegen der Windkraft entstehen, waren mir vorher schon klar. Es gibt halt immer Leute, die einfach gegen alles sind. Und die Auseinandersetzungen um den Ausbau der Leitungsnetze können noch richtig heftig werden.

Schaffen wir die Energiewende, so wie es jetzt läuft?
Wenn das Wort Energiewende fällt, haben fünf Leute fünf verschiedene Vorstellungen, was das überhaupt ist. Meistens wird ja von elektrischer Energie gesprochen. Deren Produktion kriegt man leicht hin. Genug Energie ist da. Wir haben jetzt schon einen Überschuss an Solar-, Wind- und Wasserenergie. Weil es sich aber um eine schwankende Größe handelt, bleibt das Problem der Verteilung, um die Grundlast bereitzustellen. Viel wichtiger ist aber die Energie, die wir für unsere Heizung brauchen. Es muss gelingen, aus der Kohle- und Öl verbrennung auszusteigen, wenn man etwas fürs Klima machen will. Leider geht da - nicht zuletzt wegen des Zurückruderns von Wirtschaftsminister Gabriel - auch nicht viel vorwärts. Und dann gehört zur Energiewende noch der Verkehrsbereich, der - wie Industrie und private Haushalte - ein Drittel der Treibhausgase produziert. Wirklich kriminell wird es, wenn es deutlich wärmer werden sollte und die Perma-Frostböden in Sibirien auftauen, die sehr viel Methan gebunden haben. Durch das freiwerdende Methan-Sumpfgas wird das Klima noch weiter angeheizt.

Welche Erfolge verbuchen Sie auf der BN-Seite?
Da wäre die Initiierung des autofreien Sonntags im Weißmaintal, den der Landkreis sofort mitgetragen hat. Beim Radwegekonzept tut sich auch einiges. Ein Main-Radweg - einer der schönsten und beliebtesten Deutschlands - an der Schorgast und der B 303 entlang, das ist aber albern. Ich denke, mittelfristig wird der Main-Radweg - so, wie wir ihn seit Jahren wünschen - durch das Weißmaintal führen. Wir haben von Himmelkron aus so schöne Strecken: Baille-Maille-Allee, Trebgasttal, an der Kneipp-Anlage in Ebersbach vorbei, durch den Buchwald bis zur Kommunbräu. Was gibt es denn Schöneres?

Wie geht es in der BN-Kreisgruppe weiter?
Bei der Hauptversammlung im Februar 2016 wird der neue Vorsitzende gewählt. Bis dahin wird die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt, die Kreisgruppe wird im Team geführt. Es gibt eine ganze Reihe hervorragender Naturschützer und Ökologen im Landkreis, die ich mir an der Spitze der Kreisgruppe vorstellen kann. Ich bin mir sicher, dass der BN in Kulmbach weiter wachsen wird.

Was bleibt als Erinnerung?
Für mich persönlich waren das Wichtigste die tollen Leute in der Gruppe, die ich kennengelernt habe und von denen ich sehr viele gelernt habe. Die Menschen werde ich sehr gerne in Erinnerung behalten.

Gibt es auch ein weinendes Auge?
Selbstverständlich. Es war hier ja eine schöne Zeit mit vielen Freundschaften. Was ich sehr genossen habe, waren die herrlichen Fahrrad-Touren. Und: Hier sind ja meine Kinder Anna und Andreas groß geworden, das bindet. Warum wir weggehen, liegt auch mit daran, dass beide jetzt in Bamberg sind.

Wie geht es in Bamberg weiter, auf was freuen Sie sich im Ruhestand?
Ich werde mich immer für den Naturschutz einsetzen. Ob ich noch mal einen solchen Job mit Verpflichtungen übernehme, das lasse ich auf mich zukommen. Ich freue mich jetzt erst einmal auf die Ruhe. Nicht aufs Ausruhen, sondern auf die Freiheit, völlig losgelöst von irgendwelchen Terminen. Und dann stelle ich mir noch viele Jahre mit vielen Fahrradtouren vor.

Die Fragen stellte Dieter Hübner .

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